Ski alpin: Camille Rast wackelt an Königin Shiffrins Thron – Sport | ABC-Z

Vor nicht allzu langer Zeit wollte die Skirennläuferin Camille Rast alles hinschmeißen. In einem „tiefen Loch“ habe sie festgesteckt, hat die Schweizerin später berichtet, sportlich und weit darüber hinaus. In Löchern, wie Rast sie beschrieben hat, kann man versinken. Doch die inzwischen 26 Jahre alte Frau aus dem Wallis stemmte sich dagegen. „Ich wusste nicht, wo ich hin wollte“, sagte Rast, nur eines war sicher: raus aus dem Loch. Aus Ratlosigkeit wurde Rastlosigkeit – und inzwischen bemühen die gar nicht so begabten Wortakrobaten dieser Skiwelt längst den Running Gag: Camille rast allen davon. Tatsächlich allen.
Die Liga der außergewöhnlichen Mikaela Shiffrin hat Zuwachs aus der Schweiz bekommen. Diese Erkenntnis bleibt vom Skiwochenende in Kranjska Gora, an dem es Camille Rast als erster Sportlerin in diesem Winter gelungen ist, die US-Amerikanerin in einem Slalom zu bezwingen. In allen fünf Rennen in dieser Disziplin bisher war Shiffrin siegreich gewesen. An diesem Sonntag aber war Rast schon im ersten Durchgang ein Zehntel schneller, ehe sich die Schweizerin im zweiten Durchgang abermals wie von unsichtbaren Fäden gezogen durch den slowenischen Stangenwald schlängelte – und Shiffrin besiegte. 14 Hundertstelsekunden trennten die beiden am Ende, in ihrer eigenen kleinen Zweierliga, fast zwei Sekunden vor dem Rest der Weltspitze.
:Die Skirennläuferin, die Siege sammelt wie andere Gartenzwerge
Mit 15 Jahren fuhr die US-Amerikanerin ihr erstes Weltcuprennen, heute ist sie die Beste in ihrer Disziplin. Doch auch Schicksalsschläge zeichnen ihre beeindruckende Karriere.
Die gute Nachricht für alle anderen ambitionierten Slalom-Cracks unter den Frauen: Bei Olympia werden traditionell nicht nur zwei, sondern drei Preise vergeben, Gold, Silber und eben Bronze. Und in dieser Angelegenheit dürften sich bei der deutschen Ski-Anhängerschaft zuletzt Sorgen entfaltet haben, da Emma Aicher und Lena Dürr mit zunehmender Annäherung an die Winterspiele aus den Erfolgsspuren schlitterten.
Mit Blick auf die Olympischen Winterspiele dürfte mit Camille Rast zu rechnen sein
Auf der anspruchsvollen Vitranc-Piste in Kranjska Gora hinterließen beide neuerliche Hinweise, weshalb ein Formloch nicht zwingend zum Krater werden muss. Aicher carvte in Durchgang eins ähnlich geschmeidig wie Shiffrin und Rast um die Tore, zeitlich auf gleich schnellem Niveau, ehe sie im Steilhang kurz vor Schluss in Rücklage geriet – und wegen des folgenden Umwegs eine Sekunde einbüßte. Am Ende landete Aicher auf Rang acht, drei Ränge vor Lena Dürr, die nach einer verbremsten Sicherheitsfahrt im zweiten Lauf einen Gang nach oben schaltete und sich noch um fünf Plätze verbesserte. Zur Spitze fehlten den beiden um die drei Sekunden, Wendy Holdener auf Rang drei allerdings wäre für beide in Reichweite gewesen.
Und Camille Rast, Weltmeisterin in dieser Disziplin, aber seither von Shiffrin beherrscht? Gerade war der 26-Jährigen ihr erster Doppelsieg gelungen, bereits am Samstag hatte sie ja den Riesenslalom an gleicher Stelle gewonnen. Im Ziel wirkte die Schweizerin fast schüchtern. Zurückhaltung prägt diese Frau, die offen über ihre Depressionen sprach, und wie ihr das Mountainbiken dabei half, die Lockerheit wiederzufinden. Wie sie herausgefunden hat, dass man auch Skifahren nicht allzu ernst nehmen muss, weil der Ernst des Lebens meist fernab der Weltcup-Pisten regiert. Das sah man Rast an, die während beider Rennen mit schwarzem Trauerflor am Arm unterwegs war, in Gedenken an die Opfer der Brandkatastrophe in Crans-Montana, das unweit ihrer eigenen Heimat im Bezirk Conthey im französischsprachigen Teil des Kantons Wallis liegt. „Ich denke an diese Familien“, sagte Rast.
Mit Blick auf die Winterspiele dürfte mit der Schweizerin zu rechnen sein, in den technischen Disziplinen. Anders als Aicher beschränkt sich Rast auf Slalom und Riesentorlauf. Sie trainiert allerdings im Sommer zusammen mit ihrer Teamkollegin Malorie Blanc, einer Speed-Spezialistin für Abfahrt und Super-G. „Wir witzeln manchmal, dass ein Mix aus uns beiden extrem schnell wäre“, hat Rast dem Schweizer Blick einmal gesagt. Das ist die gute Nachricht für Aicher und die Mitkonkurrenz: dass Rast dies scherzhaft meinte.





















