Werder in der Bundesliga: Bremen kassiert späten Ausgleich gegen Köln – Sport | ABC-Z

In der 85. Minute konnte am Samstag jeder sehen, welche fußballerischen Höhen der SV Werder Bremen erreichen kann. Stürmer Victor Boniface kam an der Mittellinie an den Ball, ein Blick, Hintern raus, eine wohldosierte Weitergabe an Teamkollege Yukinari Sugawara. Der Japaner führte den Angriff mit ebenfalls blitzsauberer Ballbehandlung weiter. Doppelpass mit Boniface, und schon war er auf der rechten Flanke durchgebrochen – mit weitgehend freier Bahn zum gegnerischen Strafraum, beim Stand von 1:0 für Werder gegen den 1. FC Köln.
Die Bremer befanden sich zu diesem Zeitpunkt in einer komfortablen Situation, aber Boniface und Sugawara, zwei Fußballer von ausgezeichneter Erstligabegabung, hätten noch etwas an Komfort beifügen können. Durch zielgerichtete Fortsetzung des Angriffs zum Beispiel – das würden die beiden gegen die wenig furchterregenden und in dieser Szene weit aufgerückten Kölner doch hinbekommen? Nun, sollte man meinen. Sugawara jagte den Ball jedoch über die Torlatte. Boniface lamentierte, weil er vom Kollegen nicht erneut berücksichtigt worden war.
:„Neulich habe ich gehört, ich sei streng …“
Ihm eilt der Ruf voraus, nett zu sein: Vor dem Spiel beim FC Bayern erklärt Horst Steffen, nach welchen Prinzipien er seine Elf führt, wie er in Bremen empfangen wurde – und was er über Videospiele von Victor Boniface denkt.
Und die Bremer, die mit einem weiteren Treffer ihren vierten Heimsieg in Serie hätten besiegeln können, fingen sich in der Nachspielzeit stattdessen noch das 1:1, weil Verteidiger Niklas Stark einen Schuss von Kölns Saïd El Mala mit der Hacke ins eigene Tor abfälschte. „Einzig und allein wir sind dafür verantwortlich, dass wir dieses Spiel nicht gewinnen“, sagte Abwehrmann Marco Friedl, der Schütze zu Werders 1:0-Führung: „Deshalb ist es sehr bitter, weil das heute absolut drin gewesen wäre.“ Die Bremer befinden sich in einer Art Wiederholungsschleife: Gefühlt fehlte zuletzt häufig nicht viel, damit der Klub die nächste Entwicklungsstufe erklimmt. In entscheidenden Augenblicken gelingt aber zu wenig.
Boniface und Sugawara waren im Sommer zu Werder gestoßen, der Stürmer per Leihe aus Leverkusen, der Rechtsverteidiger per Leihe vom FC Southampton. Beide Zugänge verkörpern die Ambitionen des Traditionsvereins, der sich im Idealfall gerne wieder auf einen Europapokalplatz schieben würde, allerdings jeweils auf sehr unterschiedliche Weise. Sugawara, der vor ein paar Jahren Mal als eindrucksvolles Talent galt, kam mit dem Ansinnen zu Werder, besagtes Talent endlich auszuschöpfen. Seitdem saust er mit Verve über seine rechte Seite, in dieser Saison hat er drei Torvorlagen beigesteuert. Bei Boniface – das weiß jeder, der Newsfeeds zum Thema Bundesliga verfolgt – verläuft die Wiedereingliederung in die nationale Spitzenklasse nicht ganz so glatt. Null Saisontore hat der Nigerianer bislang erwirtschaftet, einen Stammplatz hat er auch deshalb nicht, weil sein aktuelles Erscheinungsbild zum Bewegungsradius auf dem Rasen passt.
Boniface, 24, gilt als Genussmensch, und so spielt er auch: Wirklich hübsch sieht das aus, wie er mit dem Ball umgeht und diesen behauptet; nach Weitergabe gönnt er sich aber schon mal ein Päusschen, damit er für den nächsten Ballkontakt wieder einigermaßen zu Kräften kommt. Blöd für Werders Coach Horst Steffen: Sturmkollege Keke Topp, gegen Köln zum dritten Mal hintereinander Bremens Startelf, hat ebenso wie der für ihn in der 70. Minute eingewechselte Boniface noch kein Saisontor erzielt und verkörpert auf den ersten Blick nicht gerade dessen Gegenentwurf. Mit Ball ist der 21-jährige Topp zwar nicht ganz so galant unterwegs, doch auch er ist hochgewachsen, breit gebaut und war laut eigener Auskunft nicht immer Anwärter auf die Auszeichnung als Trainingsweltmeister. Gerade zu Saisonbeginn, erklärte Topp über seine zu diesem Zeitpunkt spärlichen Einsatzzeiten, hätte er „vielleicht das ein oder andere Mal besser performen können“.
„Ich hätte vielleicht das ein oder andere Mal besser performen können“.
Werder-Stürmer Keke Topp
Warum er das nicht getan habe? Da müsse man „den Trainer fragen“, antwortete der Stürmer, ehe er dann einen zentralen Gesprächsinhalt offenlegte: Vielleicht sei es seinem Vorgesetzten ja ums Thema „Fleiß“ gegangen, erklärte Topp wenig nebulös; vielleicht fühlte er sich bei dieser ehrlichen Selbstauskunft auch bestärkt davon, dass sein Vorgesetzter so etwas niemals öffentlich anmerken würde. Werders Coach Steffen bescheinigte Boniface und Topp gleichermaßen „fleißig“ zu sein, keine Sorge, beide würden „ihre Tore schon noch machen“. Zumindest Topp war seinem primären Einsatzzweck gegen Köln in der 54. Minute nahe gekommen, wie in der Vorwoche gegen Leipzig verhinderte eine hauchzarte Abseitsstellung seinen ersten Saisontreffer – und somit Werders erstes Mittelstürmertor.
In seinem Berufszweig, das weiß auch Topp, werde man natürlich in erster Linie an „Toren gemessen“. Er selbst versuche das allerdings „locker“ zu sehen, „weil ich weiß, wenn ich verkrampfe, dann wird das nichts“. Früher oder später werde es schon „passieren“, prophezeite Topp. Wobei „früher“ aus Bremer Sicht gar nicht so verkehrt wäre. Nächsten Sonntag steht das Nordderby gegen den HSV auf dem Programm.





















