Max Richter ist für seine Filmmusik zu “Hamnet” für Oscar nominiert | ABC-Z

Minimalistisch, melancholisch, millionenfach gestreamt: Max Richter ist für seine Filmmusik zu “Hamnet” für einen Oscar nominiert. Mit seinen Kompositionen trifft er den Nerv der Zeit – im Konzertsaal wie im Kino.
Sanfte Streicher, langsam anschwellend, fast schwebend. Die Musik von Max Richter entfaltet ihre Wirkung meist leise. Mit ruhigen und eingängigen Harmonien und wiederkehrenden Motiven schafft der Komponist Klangräume, die Millionen Menschen berühren.
In der Nacht auf Montag könnte Richter eine der wichtigsten Auszeichnungen der Filmwelt erhalten: Sein Score zu “Hamnet” ist für einen Oscar nominiert. Das historische Drama handelt von William Shakespeare und seiner Frau und deren Trauer über ihren früh verstorbenen Sohn – und davon, wie dieser Verlust möglicherweise die Entstehung seines berühmten Theaterstücks “Hamlet” beeinflusst hat.
Komponist mit deutschen Wurzeln
Max Richter hat deutsche Wurzeln. Geboren wurde er 1966 im niedersächsischen Hameln. Als er drei Jahre alt war, ist seine Familie nach Großbritannien gezogen. Heute zählt der Brite zu den erfolgreichsten Komponisten zwischen klassischer Musik, Elektronik und Filmmusik.
Ein frühes musikalisches Schlüsselerlebnis hatte Richter schon als Kind. Als er zum erstem Mal Musik von Johann Sebastian Bach hörte, habe ihn die Verbindung aus strenger Struktur und emotionaler Kraft tief beeindruckt, erzählte er im Februar 2026, als ihm im Rahmen der Berlinale ein Preis verliehen wurde.
Laudatorin und “Hamnet”-Regisseurin Chloé Zhao beschreibt die Wirkung seiner Musik als etwas fast Körperliches. Sie habe die Fähigkeit, so Zhao, “mich wieder ganz in meinen Körper zurückzuholen, sodass ich alle meine Gefühle spüren kann und ganz im Moment bin”. Zugleich lasse sie viel Raum für eigene Interpretationen. “Er sagt uns nicht, was wir fühlen sollen. Er schafft Raum für Gefühle.”
Zwischen Avantgarde und Populärem
Richter studierte Komposition unter anderem beim italienischen Avantgarde-Komponisten Luciano Berio in Florenz. Seine Einflüsse reichen von der klassischen Moderne bis zur elektronischen Musik.
Ab Mitte der 1990er-Jahre arbeitete er mit den britischen Techno- und Ambient-Pionieren The Future Sound of London. Später schrieb er Konzertwerke, eine Kammeroper und Filmmusik – etwa für den oscar-nominierten Trickfilm “Waltz with Bashir”, den mit Brad Pitt besetzten Weltraum-Thriller “Ad Astra” oder die HBO-Serie “The Leftovers”.
Besonders bekannt wurde Richters Werk “On the Nature of Daylight”. Das Stück taucht in mehreren Filmen auf, unter anderem in “Arrival” von Denis Villeneuve oder in Martin Scorseses “Shutter Island”.
Richters Musik gehört heute zu den meistgehörten Werken zeitgenössischer Komponisten – allein auf Spotify hat er der Streamingplattform zufolge aktuell weit über vier Millionen monatliche Hörer.
Gerade diese Popularität sorgt in Teilen der Klassikszene auch für Skepsis. Manche Kritiker ordnen seine eingängige, minimalistische Klangsprache der sogenannten Neoklassik zu – ein Begriff, der in der Klassikszene durchaus abwertend verwendet wird und Musik meint, die klassische Instrumente mit populären Hörgewohnheiten verbindet.
Musik als emotionale Sprache
Der 59-Jährige selbst beschreibt Musik als eine besondere Form der Kommunikation. “Musik ist eine emotionale Sprache”, sagt er. “Sie ist eine Möglichkeit, Empfindungen und Gefühle zu vermitteln – in einem Bereich, in dem Worte aufhören.”
Viele seiner Instrumentalwerke beginnen mit kleinen musikalischen Ideen, die sich im Verlauf eines Stücks langsam entfalten. “Ich suche nach dem Gefühl, dass ein Stück Musik genau so sein muss und nicht anders”, beschreibt Richter seinen Arbeitsprozess. “Das bedeutet, dass ich etwa 90 Prozent der Arbeit wieder verwerfe.”
Grenzenlose Klangwelten
Richter denkt Musik grundsätzlich nicht in Genres oder Kategorien. Für ihn sind Orchester, elektronische Klänge oder Aufnahmen aus der Umgebung lediglich unterschiedliche Ausdrucksmittel. “Ob das ein Orchester ist, ein Synthesizer oder eine Aufnahme von der Straße – für mich gehört das alles zu einem Kontinuum”, sagt Richter.
Diese Offenheit zeigt sich auch in Projekten wie seiner Neubearbeitung von Antonio Vivaldis “Vier Jahreszeiten”. Für das Album “Recomposed” zerlegte Richter das berühmte Barockwerk, verwarf einen Großteil des Originalmaterials und setzte es neu zusammen – mit elektronischen Effekten, Repetitionen und neuen Klangfarben.
Vertonter Nerv der Zeit
Ob im Konzertsaal, im Kino oder als Stream: Richters Musik scheint punktgenau den Nerv einer politisch bewegten und mental belastenden Zeit zu treffen. Sie wirkt zugleich ruhig und intensiv, melancholisch und tröstlich. Ein Effekt fast wie eine akustische Umarmung – und wohl einer der Gründe, warum Richter so viele Fans hat.
In der Nacht auf Montag wird klar, ob auch die Mitglieder der Academy von Richters Musik fasziniert sind.





















