Marathon: Warum Männer sechsmal häufiger an Herztod sterben |ABC-Z

Laufen ist super, denn das senkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten und für einen vorzeitigen Tod. Sorgen machen aber immer wieder Berichte von Marathonläufern, die an plötzlichem Herztod gestorben sind. Statistisch sind Männer mehr als sechsmal häufiger betroffen. Eine Arbeitsgruppe aus Frankreich hat jetzt möglicherweise eine Erklärung hierfür gefunden.
Zum einen scheint es an Umbauvorgängen im männlichen Herzen zu liegen und zum anderen an ihrem Charakter. Die Wissenschaftler werteten Daten von 1,2 Millionen Sportlern aus den Jahren 2011 bis 2024 aus. Sie liefen jeweils den Halb- oder Vollmarathon in Paris. Fünfzehn Männer und zwei Frauen starben während der Läufe an plötzlichem Herztod. Medizinisch besonders interessant war, dass acht Männer, aber nur eine Frau im letzten Kilometer starben.
Im Halbmarathon hatten fast alle Läufer auf dem letzten Kilometer beschleunigt, aber die Männer deutlich mehr als die Frauen. Je älter die Männer waren, desto schneller waren sie im Vergleich zu gleichaltrigen Läuferinnen gesprintet. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren, weil die Toten nicht autopsiert wurden. Es ist bekannt, dass die Herzen von Männern durch Ausdauersport größer und dicker werden. Bei Frauen passiert das seltener, selbst wenn sie genauso viel trainieren.
Ihr größeres und kräftigeres Herz macht die Männer zwar leistungsfähiger, aber womöglich auch empfindlicher für einen plötzlichen Herztod, etwa weil sie dann eher Herz-Rhythmus-Störungen erleiden. Eine andere mögliche Erklärung ist, dass die Männer übertrieben ehrgeizig sind und auf den letzten Metern noch mal „so richtig was rausholen“ wollen. Christian Stumpf hält beide Theorien für plausibel. Er ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Sportkardiologie der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie und Direktor der kardiologischen Klinik im Klinikum Bayreuth. „Die Mechanismen wirken vermutlich zusammen”, sagt er. „Für die Neigung zu größeren Herzen konnten die Männer nichts. Beschleunigten sie dann aber vor dem Ziel wegen ihres krankhaften Ehrgeizes, wurde ihr Herz akut so überlastet, dass sie einen plötzlichen Herztod erlitten.”
Ehrgeiz sei an sich nicht schlecht und könne einen zu Höchstleistungen im Sport bringen, sagt Malte Claussen. Er ist Vorsitzender des Wissenschaftlichen Komitees der Internationalen Gesellschaft für Sportpsychiatrie und Psychiater in der Schweiz. „Ungesund wird es dann, wenn der Sportler Warnsignale nicht beachtet und das Laufen zur Sucht wird.“ Der Läufer spürt dann ein starkes Verlangen nach dem Sport und muss immer mehr laufen, um sich gut zu fühlen. Er vernachlässigt Familie, Freunde, Hobbies und Job und erträgt keinen Tag ohne Training. Dann ist er angespannt, kann nicht schlafen, reagiert gereizt oder fühlt sich niedergeschlagen. Claussens Rat für ehrgeizige Läufer, insbesondere Männer: „Ich würde darüber mit einem Sportmediziner oder Sportpsychiater sprechen. Der kann einem helfen, die eigenen Grenzen zu spüren und Warnzeichen wahrzunehmen.“
Sportmedizinische Untersuchungen geben Sicherheit
Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention empfiehlt allen Erwachsenen, die neu, wieder oder intensiver Sport machen möchten, eine sportmedizinische Untersuchung. Hier sucht der Arzt unter anderem nach Hinweisen auf Risikofaktoren, etwa Herzgeräusche oder Herzleiden in der Familie. Empfohlen wird jedem zudem ein 12-Kanal-Elektrokardiogramm. Ist dieses auffällig, sind weitere Untersuchungen angezeigt, etwa ein Ultraschall des Herzens.
Sportlern über 35 Jahren empfiehlt Stumpf dringend, auch nach Risikofaktoren für eine Arteriosklerose schauen zu lassen. Denn die sind in höherem Lebensalter die häufigste Ursache für plötzlichen Herztod. Ein Sport-Check-up kostet zwischen 100 und 200 Euro; einige Kassen übernehmen die Kosten. „Ich fände es gut, wenn alle Kassen das generell bezahlen würden“, sagt Stumpf. Denn damit können Ärzte nicht nur das Risiko für den sehr seltenen Herztod erkennen. Sondern auch einschätzen, ob der Sportler irgendwann im Leben ein viel häufigeres gesundheitliches Problem bekommt, etwa einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall. „Dann kann der Sportler rechtzeitig Medikamente nehmen oder seinen Lebensstil ändern und auch noch im Alter fröhlich einen Marathon laufen“, sagt Stumpf. Er finde die Kosten für das Check-up nicht zu teuer, „wenn man bedenkt, wie viel Geld Läufer für ihre Sportausrüstung und Accessoires ausgeben.“





















