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Magie der Lebenslust: Sandra Vásquez de la Horras Bilderwelten im Haus der Kunst – München | ABC-Z

Papier! Es ist alltäglich unspektakulär, aber wer sich einmal in einen Künstlerbedarfsladen verirrt, wird bald nur noch staunen, wie viele Papiersorten es jenseits der glatten und völlig unspektakulären DIN-A4-Standarddruckerzettel gibt: handgefertigtes Büttenpapier aus Baumwolle, Steinpapier auf Basis von Kalksteinpulver, Japanpapier aus Pflanzenfasern und, wer es ganz Besonders mag, der greift zum Daphnepapier, das an den Südhängen des Himalaya aus der Loktapflanze hergestellt wird. Jedes Papier fühlt sich anders an, mal rauer, mal glatter, mal unregelmäßiger, mal mehr oder weniger saugfähig, mal schwerer, mal leichter.

Und doch hat dieser wundersame Kosmos der Papiere bei Künstlern keine allzu große Konjunktur. Papiere dienen ihnen oft nur für schnell, für unterwegs hingeworfene Skizzen und Entwürfe. Repräsentative Gemälde aber werden schon seit Jahrhunderten mit Ölfarbe auf Leinwand gemalt, beides Statussymbole der nach wie vor männlich dominierten Kunstwelt.

Sandra Vásquez de la Horra in ihrem Atelier. (Foto: Ryan Molnar / VG Bild-Kunst, Bonn 2026)

Sara Vásquez de la Horra, geboren 1967 in Chile, tickt da anders. Sie wuchs im Pinochets Terrorregime auf, arbeitet seit 1995 in Deutschland und hat jetzt im Haus der Kunst mit „Soy energía“ (Ich bin Energie) ihre erste große, ihr Gesamtwerk erkundende Ausstellung, die Papier- und Stoffbilder genauso zeigt wie Installation, Videos, Kleinskulpturen. Oft ist sie selbst Thema ihrer magischen Weltbeschwörungen, die die Natur sogar in mythologischen Fabelwesen beschwört und nie die Gewalt ausblendet, die Menschen (=Männer) der Natur wie ihren Mitmenschen antun. Der menschliche Körper ist Zentrum von Vásquez Arbeiten, sie färbt sie ein, überzieht sie mit Netzmustern, lässt sie blühen und gibt ihnen immer die dieser Künstlerin eigene, überbordende Energie mit.

Wer im Haus der Kunst in den ersten Stock kommt, gerät in eine magisch helle und konsequent weibliche Welt. Mitten im Raum zeigt ein riesiges Endlosvideo die Malerin mit einer Augenbinde von hinten, wie sie mit beiden Händen spiegelverkehrt in ein riesiges Papierbuch malt und schreibt, innehält, umblättert, weitermalt: „Hemisferios“, Hemisphären, erinnert an das Chile der mörderischen Pinochet-Diktatur, da ist „No“ zu lesen, „Tortura“, Folter, und mit „No pasarán“ der Schlachtruf der Republikaner gegen Franco.

Schon der erste Raum der Münchner Ausstellung überwältigt durch riesige, abe zugleich intim zarte Bilder auf Papier.
Schon der erste Raum der Münchner Ausstellung überwältigt durch riesige, abe zugleich intim zarte Bilder auf Papier. (Foto: Markus Tretter © the artist / VG Bild-Kunst, Bonn, 2026, Haus der Kunst München)

An der Wand gegenüber vom Eingang hängen riesige Ganzfrauenportraits, drei mal zwei Meter groß. Auf Leinwand und mit Öl gemalt hätten diese Portraits eine irrsinnig staatstragende Wucht, zusammengesetzt aus je acht großformatigen Papierblättern wirken sie filigran und leicht, sie sind leicht auf- und abzuhängen. Zumal Vásquez liebend gern mit dem Allerweltsgerät Bleistift malt, Aquarell, Gouache verwendet, Bienenwachs. Das dramatische „Auge des Vulkans“ (El Ojo del Huracán) zeigt eine Schwarze mit einem kleinen Kind auf den Schultern, im Sturm wehendes Haar, sie flieht durch brusthohes, dunkelblaugrünes Wasser. Die anderen drei Großbilder sind heller und rätselhafter, „Wasserfälle“ (Cascadas) zeigt eine blauhaarige, weinende, nackte Frau, aus deren Vulva ein Aderndelta strömt.

Diese Bilder sind Feiern einer kreatürlich das Leben bejahenden Weiblichkeit, blenden aber nie Gefährdungen aus, auch nicht Dunkelheiten, Ausgrenzung, Gewalt. Kleinformatige Blätter zeigen einen Erhängten, einen brutalen Liebesakt, eine an einen Stuhl gefesselte Nackte. Sie zeigen „die erste Frau“ (Eva mit Schlange), einen Uterus, eine Schwangere.

In den Videos erscheint Vásquez selbst, schreibt mit Lippenstift „ich bin nicht exotisch“ auf einen Spiegel. Diese farbenverliebte Kunst changiert zwischen den Welten der Frida Kahlo und den vom Ethnologen Claude Lévy-Strauss beschworenen „Traurigen Tropen“, es gibt Surrealistisches und Spukerscheinungen, die seit Füssli zur Kunstgeschichte gehören.

Mit solchen lebensgroßen Faltbildern erschafft Sandra Vásquez ein riesiges Tableau, das der Mutterschaft huldigt.
Mit solchen lebensgroßen Faltbildern erschafft Sandra Vásquez ein riesiges Tableau, das der Mutterschaft huldigt. (Foto: Markus Tretter © the artist / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Haus der Kunst München)

Aber an allen Vorbildern vorbei findet Sandra Vásquez immer zu ihrem Tonfall, der ohne Grellheiten und unspektakulär das Leben als ein Strömen und Gebären und Bejahen feiert. „Under your skin is my skin“ schreibt sie sich in einem Video auf den nackten Leib und tanzt dann voller Verzückung. Erotik ist unveräußerlicher Teil dieses ins Leben drängenden Œuvres, das ein nie nachlassendes Dahinfluten, Drängen suggeriert. Sandra Vásquez ist Buddhistin und beeinflusst durch den ebenfalls mit Wiedergeburt befassten Santería-Kult, einer in Kuba entstandenen Amalgamierung aus Katholizismus und afrikanischer Religion.

Sandra Vásquez ist nicht nur Malerin, sondern auch die Heldin ihrer Videos.
Sandra Vásquez ist nicht nur Malerin, sondern auch die Heldin ihrer Videos. (Foto: Markus Tretter © the artist / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Haus der Kunst München)

In einem faszinierenden, groß angelegten Tableau hat Sandra Vásquez menschengroße Faltbilder von liegenden Frauen aus Papier aufgestellt. Die eine Frau hält einen Säugling im Arm, eine hat sich ein Kleinkind auf den Bauch gelegt. Von der einen Seite her gesehen dominiert Lebensfreude in Violett und Orange und Blau und Gelb, von der anderen Seite gesehen erscheinen die gleichen Frauen in einem hellen und einem damit kontrastierenden dunklen Braun. Vásquez zeigt die menschliche Existenz als Einheit von Trauer und Freude, von Albtraum und Lebenslust. So macht die Ausstellung Lust, immer und immer wiederzukommen. Man wird jedes Mal etwas Neues entdecken. Garantiert.

Sandra Vásquez de la Horra. Soy Energía. Haus der Kunst, bis 17. Mai 2026. Katalog 40 Euro

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