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Macht der Niedlichkeit: Japans “Kawaii-Ökonomie” ist längst kein Nischenphänomen mehr | ABC-Z

Macht der NiedlichkeitJapans “Kawaii-Ökonomie” ist längst kein Nischenphänomen mehr

01.03.2026, 12:22 Uhr

Von Siems Luckwaldt

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Allein Hello Kitty hat seit 1974 geschätzte 80 Milliarden Dollar an Franchise-Umsatz erwirtschaftet und liegt damit weltweit auf Rang zwei der erfolgreichsten Medienfiguren. (Foto: dpa)

Rote Schleifen, glänzende Augen und ein Milliardenbusiness: Hello Kitty begeistert seit mehr als 50 Jahren Fans weltweit – und ist heute wertvoller als viele Hollywood-Helden. Der kulturelle Sog Japans hat sich zu einer bemerkenswerten Gelddruckmaschine gewandelt.

Dicht gedrängt warten Hunderte von Teenagern, ihre Mütter, Väter oder Großmütter vor dem Ausstellungsbereich im Kyoto City Kyocera Museum of Art, über dem der Slogan “Hello Kitty: As I change, so does she” prangt. Die Wangen der Besucher glühen voll Vorfreude, ihre Augen blitzen, viele haben sich dem Anlass entsprechend ausstaffiert: rote oder pinkfarbene Schleifen im Haar, dazu Halskettchen, Sweatshirts, Umhängetaschen und was es sonst noch alles mit dem Katzengesicht zu kaufen gibt. Und das Angebot ist wirklich riesig – auch im Museumsshop, den mancher Teenie schon vorab mit der Kreditkarte der Eltern durchstöbert hat.

Dann öffnen sich die Türen zur größten, jemals an einem Ort gezeigten Sammlung von Hello-Kitty-Produkten samt überdimensionaler Kulissen für das perfekte Instagram-Bild. Alles ungemein “kawaii”, also “niedlich”. Und auch 52 Jahre nach dem Debüt der putzigen Katze, die immer Grundschülerin bleibt, ist das Geschäft geradezu monströs lukrativ.

Überhaupt hat sich der kulturelle Sog Japans zu einer bemerkenswerten Gelddruckmaschine gewandelt. Besonders seit der Pandemie sammelt das Land Tourismusrekorde und exportiert, begünstigt durch den schwachen Yen sowie die staatliche “Cool Japan”-Kampagne, so viele Comics (Mangas), Zeichentrickfilme (Anime), Videospiele sowie damit verbundene Lizenzprodukte wie noch nie. Als Exportgut haben sie Halbleiter hinter sich gelassen, nur Autos sind noch wichtiger.

Allein Hello Kitty hat seit 1974 geschätzte 80 Milliarden Dollar an Franchise-Umsatz erwirtschaftet und liegt damit weltweit auf Rang zwei der erfolgreichsten Medienfiguren: hinter Pokémon und noch vor Micky Maus sowie “Star Wars”. “Japan versteht es, Produkte zu personifizieren, und produziert Charaktere und geistiges Eigentum in atemberaubendem Tempo”, sagt Kohei Okazaki, Chefökonom bei Nomura Securities dem Wirtschaftsdienst “Bloomberg”. Nostalgische Figuren, die Erwachsene als Kinder liebten, erlebten nun ihr Revival bei deren Nachwuchs.

“Bloomberg” veröffentlichte eine Liste der reichsten Tycoons und Familien auf, deren Vermögen von insgesamt 24 Milliarden Dollar maßgeblich aus dem Geschäft mit der Popkultur stammt, deren Erfolg im In- vor allem aber Ausland man als “Soft Power” beschreibt. Darunter Manga-Verlage, Videospielstudios, Sneaker- und Hotelketten sowie Gastronomie-Imperien. Sanrio, das Unternehmen hinter Hello Kitty, landet in dem “Bloomberg”-Ranking auf Platz sieben. Lizenzgebühren – etwa für Schreibwaren, Mode oder Themenparks – steuern mehr als 60 Prozent zum operativen Ergebnis bei. Seit 2020 hat sich der Aktienkurs etwa verzehnfacht.

Das Unternehemen will seinen Marktwert bis 2035 verdreifachen. Als wichtigste Wachstumstreiber sieht der Konzern Südostasien, Indien und die digitale Verwertung. Im laufenden Geschäftsjahr (bis März 2026) stiegen Umsatz und Ergebnis erneut deutlich: Für das dritte Quartal meldete Sanrio ein Plus beim operativen Gewinn von rund 33 Prozent und hob seine Jahresprognose für das Betriebsergebnis auf 75,1 Milliarden Yen an. Parallel läuft ein Programm zum Aktienrückkauf im Volumen von 15 Milliarden Yen, was signalisiert, dass Management und Tsuji-Familie trotz der starken Kursrally weiter an strukturelles Wachstum glauben.

Japans “Kawaii-Ökonomie” ist damit längst kein Nischenphänomen mehr, sondern ein milliardenschwerer Exportschlager – und die Ausstellung in Kyoto nur die sichtbarste Bühne eines Geschäfts, in dem eine Figur wie die Katze ohne Mund mit fiktiver London-Vita ganz real Milliardäre in Japan hervorbringt.

Dieser Text ist zuerst bei Capital.de erschienen.

Quelle: ntv.de

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