„Love Story: John Fluor. Kennedy Jr. & Carolyn Bessette“ bei Disney | ABC-Z

Kaum etwas fasziniert die Amerikaner so sehr wie ihre Dynastien – die Vanderbilts, die Kennedys, die Kardashians. Da ist es nur folgerichtig, dass sich Ryan Murphy in der ersten Staffel seiner neuesten Anthologie „Love Story“ der unmöglichen Beziehung zwischen John F. Kennedy Junior (Paul Anthony Kelly) und seiner Ehefrau Carolyn Bessette (Sarah Pidgeon) widmet. Unmöglich nicht, weil sie unziemlich war – Bessette hatte im Konzern des Modedesigners Calvin Klein Karriere gemacht, bevor sie Kennedy kennenlernte –, sondern weil der neugierige Blick der Öffentlichkeit Kennedys Leben vollständig vereinnahmte.
Die Herzen der Amerikaner flogen ihm zu
JFK Jr. galt als Kronprinz von Camelot, als vielversprechender Sohn des vielleicht heiß geliebtesten US-Präsidenten. Als er als Dreijähriger dem Sarg seines Vaters salutierte, nahm er die Herzen der Amerikaner in Besitz; als er zu einem gut aussehenden Mann heranwuchs, steigerte sich die eigenartige Vereinnahmung zur Obsession. In der auf Elizabeth Bellers „Once Upon a Time: The Captivating Life of Carolyn Bessette-Kennedy“ gestützten Erzählung des Serienschöpfers Connor Hines erscheint Kennedys Verhältnis zur Presse als perfide Symbiose: Die Paparazzi füttern die Neugier der Öffentlichkeit, Kennedy selbst meint, er habe die Klatschblätter „unter Kontrolle“ und zieht aus der überwältigenden öffentlichen Aufmerksamkeit Selbstbestätigung. Als Carolyn Bessette auftaucht, wird deutlich, dass dies eine Falle ist.
Ryan Murphys Interesse an der amerikanischen Faszination für Prominenz und ihrer Bespiegelung in der Öffentlichkeit, die er zuletzt in den Society-Buhlereien von „Feud“ und den Mörder-Bildern von „Monsters“ auslotete, hatte ihren schärfsten Fokus in „American Crime Story: The People v. O. J. Simpson“ gefunden, einem Gesellschaftsporträt, das den Skandalcharakter der Geschichte überragte. „Love Story: John F. Kennedy Jr. & Carolyn Bessette“ ist das Gegenteil davon – ein inniger Blick auf eine Beziehung im Rampenlicht und die Frage, wem diese Story eigentlich gehört. Hines erzählt die glamouröse Geschichte um Amerikas begehrtesten Junggesellen nicht als Märchen, sondern als Albtraum in cremefarbenen, lichtdurchfluteten Bildern in den Zirkeln der New Yorker High Society, in dem das Ringen um die Hoheit über die eigene Geschichte und eine große Liebe vergebens sind.
Johns Leben spielt sich zwischen Dinnerparties und oberkörperfreien Footballspielen im Central Park ab. Das juristische Staatsexamen versiebt er gleich zweimal, die Politik scheut er, sein Magazin „George“ ist wenig mehr als ein koketter Versuch, wichtig zu erscheinen. Vor allem bemüht er sich, nicht anzuecken, und auf die Kritik seiner Schwester Caroline (Grace Gummer) hat er nichts zu erwidern. Aber im Zentrum steht hier Carolyn Bessette. Sarah Pidgeon glänzt als sensible, humorvolle Frau von Format, die zusammenschrumpft, als sie der Liebe wegen ihre Selbständigkeit aufgibt. Die Lovestory wird zur beklemmenden Tragödie – lange bevor ein Flugzeugabsturz John, Carolyn und ihre Schwester Lauren das Leben kostet.
Eine Familie, in der jeder seine Rolle für die Öffentlichkeit spielt
Zu den vielen Frauen, die sich John an den Hals werfen, zählt Carolyn nicht. Sein Status beeindruckt sie wenig. Seinen Annäherungsversuchen begegnet sie zunächst mit Skepsis; ihr Herz verliert sie schließlich an einen liebenswerten Mann, der ihr nicht gewachsen zu sein scheint. Mit John vermählt sich Carolyn aber auch mit einer Familie, die gelernt hat, im Blitzlichtgewitter zu leben – und die erst einmal annimmt, dass es jedem Außenseiter bloß um Zugang zum Dunstkreis ihres Wohlstands und Einflusses geht. Zugleich versagt ihre erdrückende neue Prominenz Carolyn ein selbstbestimmtes Leben.
All das ist mit Weitblick und Finesse inszeniert: Die Kennedys sind hier keine Göttergestalten, sondern Menschen, die ihre Rollen so clever wie möglich spielen. Carolyn dagegen hat weder Übung noch Anleitung darin und droht an allen Fronten zu scheitern. Der Anspruch an Kennedy-Frauen sei, perfekt zu sein, um die Schwächen ihrer Männer auszugleichen, sagt Jackie Kennedy-Onassis (Naomi Watts) einmal zu ihrem Sohn. Carolyn gehört zwar einer anderen Generation an, aber als sie die Falle erkennt, in die sie da tappt, ist es zu spät.
Dass der echte Kennedy-Clan sich gegen die Serie verwahrte – Jack Schlossberg, der politisch ambitionierte Sohn von Johns Schwester Caroline, bezeichnete sie ungesehen als „grotesk“ –, ist wenig überraschend. Letzten Endes vereinnahmt auch dieses Projekt die Familie, ihre Mitglieder und deren Geschichten. Immerhin: Diese „Love Story“ verkneift sich den Skandalblick, der die Stories über die Kennedys so oft beherrscht, und setzt stattdessen aufs Intime – auf die unerfüllte Liebe zweier Menschen, die Gefangene ihrer Lebensumstände sind und tragisch zu Tode kommen.
Love Story: John F. Kennedy Jr. & Carolyn Bessette läuft bei Disney+.





















