Wirtschaft

Louvre und Berliner Gemäldegalerie müssen dringend saniert werden | ABC-Z

Konnte der frühere Louvredirektor Pierre Rosenberg mit seinem ikonischen roten Schal noch von etwaiger Kritik unangekränkelt pfauenhaft herumstolzieren und wurde überall hofiert, reißt sich inzwischen kaum mehr jemand um diesen Posten. Die nicht erst seit dem Juwelenraub unglücklich agierende Laurence des Cars wollte sofort danach hinwerfen, durfte aber nicht, weil die Kulturministerin Rachida Dati – wohl auf Geheiß Emmanuel Macrons (Dati gilt Kennern der Szene als kulturell völlig unbeleckt und als alerte Karrieristin, die alles tun würde, um sich Macron anzubiedern) – ihr den Rücktritt verweigerte. Wäre dies doch einem Eingeständnis der völlig versagenden Sicherheitspolitik des Hauses – dem Raub sahen drei Wärter im Saal mit den Kronjuwelen zu und griffen nicht ein – gleich­ge­kom­men, die Direktorin und Präsident gemeinsam zu verantworten haben.

Der vergangene Woche nur einen Tag nach der Demission von des Cars aus dem Hut gezauberte Christophe Leribault ist zwar ein sehr fähiger Museumsmann, der bereits mehrfach mit intelligent gemachten Ausstellungen wie etwa zu Berninis Marmorbüste für den Sonnenkönig oder einem Zyklus zum republikanischen Versailles sowie einer strategisch klugen Kooperation zwischen dem Schloss und der über nahezu unversiegliche Geldquellen verfügenden chinesischen Staatsvorzeige­institution „Palace Museum“ in Hongkong überzeugte. Es ist allerdings auch kein Geheimnis, dass er gern Direktor der Versailler Museen geblieben wäre. Doch wer verweigert sich schon dem Präsidenten Frankreichs und gibt ihm einen Korb – obwohl Leribault die gewaltigen Probleme des Louvre gewiss realistisch einzuschätzen vermag.

Vom prunkvollen Pharaonengrab zum Moderloch

Wie konnte es zu dieser misslichen Situation kommen? Viele erinnern sich noch an die glanzvolle Einweihungszeremonie von I. M. Peis Pyramide und dem großen Louvre-Umbau mit neuen kalksteincremeweißen Höfen 1989, zum zweihundertjährigen Jubiläum der Französischen Revolution. Seither war der Prachtbau mit der tagsüber kristallin funkelnden und nachts hell erstrahlenden gläsernen Pyramide, der nicht ohne Grund als François Mitterrands Pharaonengrab bespöttelt wurde, beinahe wöchentlich als Aushängeschild der Grande Nation auch im deutschen Fernsehen zu sehen. Nur kommt eine derart fragile Punktaufhängung wie jene des pyramidalen Glasbaus naturgemäß in die Jahre. Seit bald vierzig Jahren wurde in sie nichts mehr investiert, der gesamte Louvre auf Verschleiß gefahren – was, wie jeder Bauherr weiß, nachträglich immer die teuerste Entscheidung ist.

Ganze weniger besuchte Trakte wie der Sully-Flügel dümpelten stark vernachlässigt vor sich hin. Ende vergangenen Jahres gab es erneut zwei Wassereinbrüche, wobei wertvolle Bücher und Gemälde beschädigt wurden. Veraltete Elektrik und Klimaanlagen gefährden die Werke, an vielen Stellen modert es. Die Sicherheitssysteme sind bis auf jene für die Mona Lisa so hoffnungslos veraltet wie ineffektiv, wie der mühelose Raub der französischen Kronjuwelen im Wert von 88 Millionen Euro am helllichten Tage gezeigt hat.

Normalität vor I. M. Peis Glaspyramide: Besuchermassen vor dem Haupteingang des Louvredpa

Die Mona Lisa ist ohnehin eine der Hauptschuldigen für die Misere. Für sie und die Touristen wurde alles eingerichtet, in grotesker Übersteigerungslogik wollte jeder Direktor noch mehr Besucher pro Jahr vermelden. Wer Ruhm sät, wird Sturm ernten: Für Musikvideos ließ man amerikanische Hip-Hopper auf den ägyptischen Gottheiten herumturnen und affig vor da Vincis Gemälde po­sie­ren. Mit dem Resultat, dass vergangenes Jahr beinahe neun Millionen Besucher kamen, die weit überwiegend Leonardos kleines Bildchen sehen wollten und es durch den Wald erhobener Handys nur fragmentarisch konnten, obwohl das Bildnis sicher das uninteressanteste unter all seinen Gemälden ist und nur durch seinen Raub 1911 zur Ikone aufstieg. Bei jedem Louvrebesuch schmerzte es von Neuem, die anderen Leonardos wie den großartigen Johannes Baptista „draußen vor der Saaltür“ von den Massen von Japanern und Chinesen kaum eines Blickes gewürdigt zu finden.

„Außer Atem“ walzen sich die Touristenmassen zur Mona Lisa

Wie in Godards Film „À bout de souffle“, in dem Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo atemlos durch den Louvre hetzen, wurden die Touristenmassen per Pfeil nur zu dem einen Ziel gelotst, der Rest des Louvre abgehängt. In der exzellenten Carracci-Sonderausstellung etwa, die vor ei­nem Monat zu Ende ging, war man fast allein. Statt nun aber eine kluge Besucherführung einzurichten, welche die Milli­onen sinnvoll auf die vier großen Louvreteile streut, wurde resignativ das „Sie wollen ja doch nur das eine sehen“ zum Handlungsimperativ erhoben.

Zu allem Unglück kommt nun noch Macrons Pharaonenprojekt „Louvre – Nouvelle Renaissance“ hinzu: Die Mona Li­sa soll einen eigenen Saal erhalten (momentan muss sie sich ihren mit Veronese und anderen Renaissancemalern teilen), der Louvre ei­nen zweiten Haupteingang an der Colonnade de Perrault am Ostende. Keine Rede ist dabei von der Aufwertung des ansehnlichen Rests durch Besucherregie oder der Entlastung des völlig überforderten Personals, was zu den massiven Streiks der letzten Monate mit bis zu viertägiger Museumsschließung führte. Dass der Präsident die großen kulturpolitischen Weichen wie freihändige Direktorenwahl und Umbau des Louvre nach Gusto selbst stellt, hat in Frankreich nicht erst seit Mitterrand Tradition. Macron hat bislang auf kulturellem Sektor abgesehen von der Cité internationale de la langue française und dem verunglückten Kulturpass wenig vorzuweisen; auch deshalb will er sich jetzt wohl auf den letzten Metern seiner Präsidentschaft noch mit dem Louvre-Projekt profilieren.

Für das monumentale Projekt nannte er die Summe von 450 Millionen Euro. Noch aber ist nichts offiziell budgetiert, geschweige denn durchfinanziert. Wenn selbst die Ertüchtigung der Stuttgarter Oper auf mindestens zwei Milliarden Euro geschätzt wird, kann sich jeder leicht vorstellen, was mit einem Viertel dieses Betrags im mehr als 70.000 Quadratmeter großen Louvre zu bewerkstelligen ist: abermals Mona-Lisa-Kosmetik, damit bald zehn Millionen Touristen Macrons Vermächtnis sehen. Kulturministerin Dati wird ihn dabei nicht bremsen. Vieles an seinen Plänen für den Louvre erscheint jedoch den Franzosen und selbst seinen Parteigängern unausgegoren.

Kein Grund zur Häme von deutscher und schon gar nicht von Berliner Seite aus

Doch gibt es von deutscher Seite keinen Grund, auf Paris mit Häme zu blicken, sitzt man doch im Glashaus beziehungsweise im Bunker. Halt, wird mancher nun einwenden – wird nicht die Berliner Museumsinsel seit Jahrzehnten für Milliarden baulich ertüchtigt? Das ist richtig, doch besitzt die Hauptstadt noch eine zweite Museumsinsel im Westen, malerisch abgeschnitten von der Welt durch vielspurige Magistralen und nur selten von neugierigen Besuchern in ihrer Ruhe aufgestört.

Die Rede ist vom sogenannten Kulturforum, dem baulich verbundenen Ensemble aus Gemäldegalerie, Kunstgewerbemuseum (KGM) und Kupferstichkabinett. Das Kulturforum war noch vor dem Mauerfall bewusst als westliches Gegengewicht zur Museumsinsel im Osten der Stadt geplant, obwohl die Gemäldegalerie West als gewichtigster Part damals noch in Dahlem residierte. Alle drei Häuser gehören zweifellos zu den bedeutendsten Sammlungen ihrer Art in der Welt, doch gerade die Gemäldegalerie und das KGM auch zu den ihrer Größe und Bedeutung nach am wenigsten besuchten. Wenn Friedrich Merz nicht wie seine Vorgängerin von den Amerikanern abgehört werden mag, könnte er das Handy einfach im nahen Bundeskanzleramt liegen lassen und vertraulichste Staatsgespräche in den Sälen der Galerie unternehmen – er bliebe über Stunden ungestört.

Im Innern des Betonlabyrinths: Das wenig anheimelnde Berliner Kunstgewerbemuseum
Im Innern des Betonlabyrinths: Das wenig anheimelnde Berliner Kunstgewerbemuseumdpa

Doch während der Louvre zu viel und die Gemäldegalerie zu wenig Gäste hat, teilen beide Museen das Wasserschadenproblem. Am 23. Juni 2023 posteten amerikanische Touristen in den sozialen Medien schockierende Bilder des von den Restauratoren notdürftig mit Plastikplane abgedeckten großen Rembrandts „Der Mennonitenprediger Anslo und seine Frau“ in Saal X der Gemäldegalerie, der so vor den durchs Dach eindringenden Regenmassen geschützt werden sollte, bevor er schließlich rasch abgehängt wurde. Die nassen Stellen im Saal wurden großflächig mit speziellen Saugmatten und einem Eimer „behandelt“. Von der Generaldirektion der Staatlichen Museen aber kam keinerlei Meldung zu dieser Malaise, geschweige denn nachhaltige Abhilfe.

Berlins Kunstgewerbemuseum bleibt uneinnehmbar für Besucher

Schlimmer noch stellt sich die Lage im Kunstgewerbemuseum dar. Seit Jahren regnet es auch in dieses Haus; manchmal, wenn man schlecht träumt, ist es das Bild eines kostbaren Rokokomöbels, das als Sonderform aus Pappmaché besteht und neben dem in Auffangeimern lustig das Regenwasser plätschert. Das traumatische Bild hat sich seitdem vielfach wiederholt. Wenn das KGM seine aktuelle und noch bis zum 14. Juni zu sehende Ausstellung zum vierzigsten Jubiläum des Hauses „Heimsuchung“ getauft hat, entspricht das einer tieftraurigen Wahrheit. Das von Rolf Gutbrod entworfene Haus in fensterlos brutalistischer Bauweise ist nicht nur das mit Abstand hässlichste und im Innern labyrinthischste Museum Berlins, es ist auch seit Jahren ein Sorgenkind und insofern eine echte Heimsuchung.

Von den Berliner „Kunstbunker“ getauft: Der brutalistische Hauptbau des Kunstgewerbemuseum am Kulturforum,  im Hintergrund rechts das Bundeskanzleramt.
Von den Berliner „Kunstbunker“ getauft: Der brutalistische Hauptbau des Kunstgewerbemuseum am Kulturforum,  im Hintergrund rechts das Bundeskanzleramt.dpa

Statt Hauptwerke des Mittelalters wie den Baseler Münsterschatz würdig zu präsentieren, versteckt man diese Preziosen und wendet sich woken Themen zu. Der überragende Welfenschatz beispielsweise ist derzeit überhaupt nicht ausgestellt, da er künftig an einem attraktiveren und „zentraleren“ Ort gezeigt werden soll, in den unteren Ausstellungsräumen am Kulturforum – ob das die Attraktivität des KGM fördert, ist fraglich. Und um seinem Charakter als unbezwingbare Betonburg noch stärker Rechnung zu tragen, soll der Eingang des Museums nun auch noch wegen Personalkosteneinsparung geschlossen werden, sodass es nurmehr über das zentrale Portal des Kulturforums erreichbar wäre. Das 2029 als fünftes Museum am Kulturforum (die Neue Nationalgalerie ist schon grundsaniert) eröffnende „Berlin Modern“ wird eher nicht wegen seiner architektonischen Qualität als belächelte „Kunstscheune“, sondern durch den simplen Reiz des Neuen dem Kunstgewerbemuseum und der Gemäldegalerie die letzten Besucher abluchsen.

Wie in Jim Jarmuschs aktuellem Film „Father Mother Sister Brother“, dessen drei Teile von wild durchs Bild ratternden Skateboardfahrern zusammengehalten werden, scheinen auch auf dem Kulturforum das einzig Lebendige die Rollbrettchenfahrer auf der abschüssigen Rampe zu sein. Von den Milliarden für die Museumsinsel sollten durch Abspecken zumindest fünfzig Millionen für die Sanierung der beiden Museen umgewidmet werden. Derart bedeutende Museen wie den Louvre und die Berliner Gemäldegalerie wie auch das KGM auf Verschleiß fahren zu lassen, wird sich sonst als teure Fahrlässigkeit herausstellen.

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