Longevity: Was kann die Wissenschaft von der Kunst lernen? | ABC-Z

Herr Bornschlögl, Frau Barragué-Zouita, darf ich Sie nach Ihrem chronologischen Alter fragen?
Laetitia Barragué-Zouita: 42.
Und Ihr biologisches Alter?
Bornschlögl: Den Test habe ich noch nie gemacht. Ich habe ein wenig Angst vor dem Ergebnis.
Barragué-Zouita: Getestet habe ich es noch nie, aber ich vertraue auf meine Ernährung und meine Pflegeroutinen. Ich würde mich freuen, wenn mein Körper jünger als 42 ist.
Longevity ist zum gesellschaftlichen Schlagwort geworden. Welche Rolle spielt es für Sie bei L’Oréal als Wissenschaftler, Herr Bornschlögl?
Bornschlögl: Longevity-Wissenschaft ist für unser Unternehmen ein zunehmend wichtiger Forschungsbereich. Den Alterungsprozess zu verlangsamen ist ja gewissermaßen das Herzstück unserer Forschung als Kosmetikweltmarktführer – und um das zu erfüllen, brauchen wir ein noch tieferes Verständnis von den Mechanismen des Alterns. An dieser Stelle kommt Longevity ins Spiel, und die Erforschung von Longevity umfasst viele spezielle Teilbereiche der Biologie.
Was kann uns die Kunst der Vergangenheit darüber lehren, wie das geht, mit dem langen, gesunden Leben?
Barragué-Zouita: Schauen Sie sich Michelangelo an, er wurde 90 Jahre alt – und das im 16. Jahrhundert. Das lag natürlich daran, dass er zur gehobenen Gesellschaft gehörte und sich so einfacher vor Krankheiten schützen und sich auch besser ernähren konnte. Seit der Antike spielen ewige Jugend und das Verlangsamen des körperlichen Verfalls eine große Rolle für die Menschheit. Für uns als Kuratoren geht es um den Erhalt alter Kunstwerke, und da gibt es einige Parallelen zum Erhalt alternder Körper.
Barragué-Zouita: Für Kunstwerke sind Hitze und Luftfeuchtigkeit gefährlich, ebenso wie Luftverschmutzung und Sonneneinstrahlung. Damit bestehen für Mensch und Kunst die gleichen Gefahren.
Wann haben Sie zum ersten Mal von Longevity gehört?
Barragué-Zouita: Ich bin Kunsthistorikerin, dieser Begriff ist Teil meiner Arbeit, seit ich als Kuratorin angefangen habe. Die Aufgabe eines Museums ist es, seine Kunst für die Ewigkeit zu erhalten, und damit steht Longevity im Zentrum unserer Arbeit. Jedes Material reagiert unterschiedlich auf äußere Einflüsse. Ich bin auf Skulpturen spezialisiert, wir restaurieren Werke vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Marmor reagiert zum Beispiel anders als Kalkstein. Bronze verhält sich wieder anders und bildet eine Patina, während Gips wasserempfindlich ist. Jedes Material besteht aus verschiedenen Schichten, die anders reagieren können, und auch das muss man beim Erhalt berücksichtigen.
Können Sie das auf den Körper übertragen, Herr Bornschlögl?
Bornschlögl: In einem gewissen Sinne, ja. Nehmen wir beispielsweise unsere Haut oder Haare. Wir sind alle ähnlichen Risiken ausgesetzt, wie etwa UV-Strahlung oder Luftverschmutzung, aber wenn man ins Detail geht, sieht man Unterschiede. Beispiel UV-Strahlung: Sie hat zwar auch Einfluss auf den Zustand der Haare, aber die Schäden an der Haut sind viel schwerwiegender. Ihr Haar wird am Strand heller, weil die Strahlung die Melaninpigmente zerstört, aber durch zu starke UV-Strahlung auf Ihrer Haut bekommen Sie einen Sonnenbrand, und das kann im schlimmsten Fall zu Krebs führen.
Altert blondes Haar anders als braunes?
Bornschlögl: Der Unterschied zwischen den verschiedenen Haarfarben ist nicht groß. Starkes Kämmen zum Beispiel verursacht ähnliche Schäden an blondem wie an braunem Haar. Entscheidender ist die Haarstruktur: Wenn man glattes Haar kämmt, ist das weniger schädigend, als wenn Sie lockiges oder stark gewelltes Haar haben.
Das Material spielt also eine Rolle. Welche Parallelen bestehen noch zwischen Kunst und Körper?
Bornschlögl: In Haut und Haaren finden sich Melaninpigmente…
… kleine Körnchen, die für die Färbung sorgen.
Bornschlögl: Genau, und in der Malerei braucht es für die Farben auch Pigmente. Unter dem Mikroskop sind die Gemeinsamkeiten schnell sichtbar.
Barragué-Zouita: Das Stichwort ist: Schichten. Ein Kunstwerk besteht aus vielen Schichten, nur so kommen Tiefe und Struktur rein, bis hin zur Schutzschicht ganz oben. Und auch diese kann sich, aufgrund der erwähnten äußeren Einflüsse, gelblich oder bräunlich färben.

Das zeigt, dass die Longevity-Bewegung stark vom technologischen Fortschritt im Bereich der Mikroskopie profitiert.
Bornschlögl: Biologisches Alter muss messbar sein. Daran beteiligt ist nicht nur die Mikroskopie, auch viele andere Technologien und Methoden ermöglichen das inzwischen immer besser.
Barragué-Zouita: Und Erfahrung und Daten spielen eine Rolle. Wir haben auch schon in den Vierziger- und Fünfzigerjahren Untersuchungen durchgeführt, aber die Messungen waren lange nicht so präzise wie heute. Heute können wir Struktur und Oberfläche gut durchleuchten. Auch das ist in der Kunst und beim Menschen gleich: Oberfläche und Struktur sind gleichermaßen wichtig. Schauen Sie sich mal dieses Beispiel an. (Zeigt eine Skulptur von circa 1500, siehe Aufmacherfoto.) Im 19. Jahrhundert wurde diese Skulptur in einem Museumsgarten ausgestellt, das erklärt die schwarzen Stellen.Der Stein war einmal weiß und die Skulptur bemalt. Durch die Luftverschmutzung hat sich ein schwarzer Schleier darübergelegt. Das Foto ist noch schmeichelnd, in echt war der Zustand deutlich schlechter.
Wie haben Sie diese beschädigte Oberfläche behandelt?
Barragué-Zouita: Man muss das Material kennen, und wir wussten, dass dieser Kalkstein besonders empfindlich ist. Wir haben dann ein paar Tests mit einem Laser durchgeführt, der funktioniert wie ein dermatologischer Laser, indem er dunkle Verfärbungen schonend abträgt.
Galt dieser Mann im 16. Jahrhundert als schön?
Barragué-Zouita: Ja, nachdem wir unsere Laserarbeiten abgeschlossen hatten, kam das Ideal eines männlichen Körpers zum Vorschein. Blasse Haut – das bedeutete schon damals: keine Arbeit im Freien und damit gehobene Gesellschaftsschicht. Schmale Nase, verlängerte Augen – das galt als elegant. Und dazu eine prächtige Frisur. Auch die Körperform ist verlängert, nicht zu muskulös. Sie deutet auf jemanden mit einer ausgewogenen Ernährung hin. Die Melancholie auf seinem Gesicht war zu der Zeit in der Kunst üblich. Lachen war damals auch in der Kunst selten und kam höchstens unter dargestellten Kindern vor. Lachen war keine elegante Art zu zeigen, dass es einem gut geht. Man brauchte ein dezentes Lächeln, wie die Mona Lisa, oder ein Pokerface.
Was können junge Künstler tun, damit ihre Werke so gut altern?
Barragué-Zouita: Ich kann allen Künstlern der Gegenwart nur raten, kein Plastik zu verwenden. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen in der zeitgenössischen Kunst haben schon jetzt Probleme damit, weil sich das Material langsam selbst zersetzt. Marmor hingegen ist perfekt, das hält Jahrhunderte, sogar Jahrtausende.
Herr Bornschlögl, abschließend Ihr Tipp, um gesund zu altern?
Bornschlögl: Der wichtigste Rat ist zugleich der naheliegende: Sonnencreme! Und das gilt für jeden Hauttyp. Sie müssen wissen: Wenn Sie sich der Sonne aussetzen, altert Ihre Haut schneller. Der andere ist Feuchtigkeit. Für die Hautoberfläche ist das auch von Vorteil. Und zuletzt: Sollten Sie Luftverschmutzung vermeiden können, wird Ihnen das auch helfen.




















