Ebersberg: Sozialpsychiatrische Dienste unterstützen Menschen in Not – Ebersberg | ABC-Z

SZ: Armut macht krank, Krankheit macht arm. Armut verzehnfache das Risiko zu erkranken, warnen Experten des europäischen Armutsnetzwerks. Können Sie diesen Zusammenhang erklären?
Claudia Kronseder: Kranke Menschen sind oft in ihrer Teilhabe an Gesellschaft und Berufsleben eingeschränkt. Weil sie nicht mobil genug sind oder aber psychisch nicht in der Lage, an Veranstaltungen im Arbeitsleben teilzunehmen. Oft ist das vorübergehend, manchmal aber langfristig, und wenn ich in meinem Erwerbsleben eingeschränkt bin, bin ich auch von Armut bedroht. Das bedingt sich oft gegenseitig.
Birgit Michaelis: Armen Menschen fehlt oft der Zugang zu medizinischer Versorgung. Wenn das Geld knapp ist, kann man nicht so einfach nach München fahren zu einem Spezialisten. Oft fehlen auch die Sozialkontakte, sie kennen nicht die richtigen Beratungsstellen oder einen Menschen, den sie um Rat fragen können: Hast du Erfahrung mit diesem oder jenem Gesundheitszustand? So sind arme Menschen schnell von schlimmeren Erkrankungen und Depressionen betroffen. Weil ein Laptop oft zu teuer ist, fehlt der gute Zugang zur digitalen Welt, selbst die Terminvergabe beim Arzt funktioniert ja schon oft über das Internet. Dazu kommt die schlechtere Ernährung. Wer arm ist, ist oft auf Billigprodukte angewiesen, das fördert nicht gerade die Gesundheit.
Regina Weber: Im Alter kommen weitere Aspekte dazu. Wenn man krank oder gebrechlich wird, ist es oft sehr teuer, sich Unterstützung zu holen. Selbst mit Pflegegrad bekommt man ja nur teilweise Unterstützung. Viele Menschen müssen etwa für eine Haushaltshilfe zuzahlen, können sich das aber nicht leisten. Auch Essen auf Rädern muss man selber zahlen.
Warum Krankheit arm macht, erklärt sich eigentlich von selbst – wer krank ist, kann nicht arbeiten.
Michaelis: Das stimmt. Gerade im Bereich der psychiatrischen Erkrankungen, die die meisten unserer Klienten betreffen, ist man sehr gefährdet. Viele dieser Erkrankungen sind langwierig und chronisch, die Betroffenen haben früh mit sozialer Isolation zu tun.
Weber: Bei jüngeren Erwachsenen erleben wir im Beratungsdienst häufig, wie schwer es ist, überhaupt ins Arbeitsleben zu finden, wenn man psychisch belastet ist. Sie haben schon Ausbildung oder Studium nicht geschafft und finden dann nicht richtig ins Erwerbsleben; es fehlt das finanzielle Auskommen, und diese Schwierigkeiten ziehen sich dann durch. Die Niedrigschwelligkeit, die man braucht, ist oft nicht herstellbar im Arbeitsleben.
Kronseder: Beim Arbeitgeber spielt natürlich auch die Wirtschaftlichkeit eine Rolle. Ein Arbeitgeber kann oft nicht bis ins Unendliche entgegenkommen. Wobei viele inzwischen gut unterstützen, das ist ja gesetzlich gut geregelt. Aber es bleibt eine Hürde.
Und da kommen Sie vom Sozialpsychiatrischen Dienst ins Spiel. Wie können Sie diesen Menschen helfen?
Kronseder: Wir sind in Beratungsdienst, Betreutem Wohnen und unserer Tagesttätte erst mal eine Anlaufstelle für Menschen, die psychisch belastet sind und oft andere Erkrankungen mitbringen.
Weber: Wir unterstützen zum Beispiel, wenn jemand einen Antrag auf Grundsicherung oder Bürgergeld stellen muss. Wir begleiten zu Ämtern, also diese ganz banalen Dinge, die es vielen Menschen schwer machen. Das ist oft schon erleichternd für die Leute, wenn sie wissen, da habe ich jemanden an der Seite, der Ahnung hat, was zu tun ist.
Michaelis: Im betreuten Wohnen, wo wir oft der einzige soziale Kontakt sind, versuchen wir, wieder mehr Selbständigkeit für die Menschen hinzubekommen. Da geht es ja oft um sehr vereinsamende Störungen, vor allem Psychosen, aber auch Persönlichkeits- oder posttraumatische Belastungsstörungen. Als Beispiel: Wir üben mit Klienten, mit dem MVV zu fahren, überhaupt mal in eine S-Bahn zu steigen. So trainieren sie, Ängste zu überwinden.
Kronseder: Beispielsweise haben wir im Beratungsdienst zwei Ex-In-Genesungsbegleiter, einer macht Job-Coaching: Er beschäftigt sich ganz speziell mit Klienten, bei denen es um Begleitung ins und im Arbeitsleben geht.

Sind die Klienten im Betreuen Wohnen alle hier im Haus in Ebersberg, im Rosenhof?
Michaelis: Wir haben derzeit 80 Klientinnen und Klienten im Landkreis Ebersberg. Die meisten wohnen in der eigenen Wohnung, etwa die Hälfte in WGs, hier im Haus in Apartments oder in Wohnungen, die wir angemietet haben. Wir fahren die ganze Woche durch den Landkreis und besuchen die Menschen zu Hause.
Und wie sieht der erste Kontakt mit den Klienten aus?
Michaelis: Oft sind es Angehörige oder Nachbarn, die uns Bescheid geben. Auch die Kliniken kontaktieren unsere Beratungsdienste. Wenn der Betroffene sich unsere Betreuung nicht selbst leisten kann, zahlt das der Bezirk Oberbayern.
Weber: Wir bieten Hausbesuche an, auch online oder telefonische Beratungen. Je nach Bedürfnis des Hilfesuchenden.
Das läuft über den Träger, also die Diakonie?
Kronseder: Ja, und es wird vom Bezirk Oberbayern refinanziert. Wohnen, also die Eingliederungshilfe, ist eine Pflichtleistung des Bezirks. Tagespflege und Beratungsdienst aber sind pauschal finanziert und eine freiwillige Leistung. Der Bezirk Oberbayern aber ist in finanzieller Not, weil Steuergelder und damit die Bezirksumlagen der Landkreise weniger werden. Daher sind die Mittel jetzt erst mal eingefroren auf dem Niveau von 2024.

Weber: Die Pauschalfinanzierung ist für den Beratungsdienst besonders wichtig, weil hier Menschen ohne große bürokratische Hürden Hilfe bekommen. Wir sind meist der erste Anlaufpunkt, können dann ins betreute Wohnen weiter vermitteln oder in die Tagesstätte. Man kriegt in der Regel innerhalb von ein, zwei Wochen einen Erstgesprächstermin. Das geht im Vergleich zu einer Psychotherapie oder vielen Fachärzten sehr schnell. Auch in der Tagesstätte ist der Besuch kostenlos, bis auf Essen und Trinken. Ich habe kürzlich mit einer Klientin gesprochen, die gerade aus dem Arbeitsleben wegen einer psychischen Erkrankung und einer Krebserkrankung raus ist. Sie war erleichtert zu wissen: Hier kostet nicht schon das Hingehen Geld, das ich vielleicht nicht habe.
Und wie können die Guten Werke der SZ unterstützen?
Kronseder: Wir helfen mit den Spenden Menschen, sodass sie über akute Notlagen hinwegkommen. Oft geht es darum, dass jemand übers Wochenende einfach nichts mehr zum Essen hat. Oder neue Winterschuhe braucht, wenn die alten schon 20 Jahre alt sind und er sie wirklich nicht mehr jeden Tag anhaben kann. Das geht unbürokratisch und ist besonders wichtig für Menschen, die von Ängsten geplagt sind. So müssen sie nicht noch mal eine Hürde überwinden, weil sie wieder einen Antrag stellen müssten. Dann laufen die lieber weiter mit kaputten Schuhen herum.
Michaelis: Mithilfe der Spenden kann auch mal jemand an einer Familienfeier teilnehmen, ohne sich schämen zu müssen. Weil die Tochter heiratet und kein einziges vernünftiges Kleid mehr im Schrank hängt.
Kronseder: Im Beratungsdienst und in der Tagesstätte brauchen wir die Spenden für Therapiematerial, auch mal für Kekse und Kaffee in den Gruppen oder Lebensmittel in den Kochgruppen. Das könnten wir sonst nicht refinanzieren. Wir holen auch viele Menschen mit dem Fahrdienst zu Hause ab, da haben wir einen deutlichen Mehraufwand für Sprit.
Michaelis: Psychisch kranke Eltern im Betreuten Wohnen kriegen mal ein bisschen Geld, um zu Weihnachten Geschenke kaufen zu können. Häufig brauchen wir Kreativmaterial. Gerade Menschen ohne Geld tun sich schwer, ein Hobby zu entwickeln, das ihnen hilft, psychische Stabilität zu erreichen. Auch Tierarztkosten bezahlen wir manchmal. Manche Klienten haben nichts anderes als ein Haustier. Aber die oberste Priorität ist es meist, akut ein bisschen Luft ins System zu bringen, vielleicht weil dem Klienten sonst der Strom abgestellt wird. Die Spende hilft oft beim ersten Anschub. Wir müssen ja Vertrauen gewinnen, eine Beziehung aufbauen, damit wir überhaupt helfen können. Wenn ich als Bezugsperson erst einmal den Kühlschrank wieder vollmachen oder eine offene Rechnung bezahlen kann, dann ist der Boden geebnet für alles Weitere.
Weber: Im gerontopsychiatrischen Bereich bieten wir zum Beispiel zweimal im Jahr einen Ausflug für Menschen an, die sonst kaum rauskommen, vielleicht nicht zu regelmäßigen Gruppenangeboten wie zum Seniorenfrühstück hierherkommen können. So haben wir eine Stadtführung in Wasserburg organisiert, mit anschließendem Kaffeetrinken. Durch die Spendengelder konnte jeder auch mal ein Stück Kuchen essen – das ist für die Menschen ein Highlight.
Wie viel Geld haben Sie im vergangenen Jahr über die Guten Werke bekommen?
Kronseder: 7500 Euro gingen in die Einzelfallunterstützung, die wir auf 110 Klienten aufgeteilt haben, das ist der größte Teil. Ein kleinerer Teil, 4000 Euro, geht in die Unterstützung der Gruppenangebote.
So können Sie spenden
Wer helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden. Bareinzahlungen sind im SZ Servicepunkt, im Kaufhaus Ludwig Beck, Eingang Dienerstraße, 1.OG., Marienplatz 11, möglich. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr. Banküberweisung an:
SZ Gute Werke e.V. HypoVereinsbank IBAN: DE04 7002 0270 0000 0822 28 BIC: HYVEDEMMXXX Sicher online spenden können Leserinnen und Leser im Internet unter www.sz-gute-werke.de.






















