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Liveblog zur Mondmission Artemis 2: Besatzung so weit von der Erde entfernt wie kein Mensch zuvor – Wissen | ABC-Z

Der Mond in der Literatur
Kein anderer Autor deutscher Sprache hat so viele Mondmetaphern erdacht wie Arno Schmidt. Seit 2004 trägt ein Asteroid seinen Namen.
In dem Novellchen „Schulausflug“ träumt der Erzähler (und natürlich träumt er für den Autor) von einem kleinen Glück, einem Häuschen in der Heide, ein ordentliches Bett, „nichts mehr ums liebe Brot schreiben zu brauchen“, Zeit, endlich den ganzen Lessing zu lesen, Ruhe, Ruhe. „An Uhren werden nur die lautlosen geduldet, die mit Sand und Sonne, oder höchstens im Korridor eine Standuhr, die alle Ewigkeiten, nachdem man vieles und vielfältiges gedacht hat, vor sich hin ‚Mnja‘ sagen. Den Mond untergehen sehen, über Wieseneinsamkeiten, ganz rot würde das silberne Wesen geworden sein, wenn es einsank in Dunstband und Kiefernborte…“.
Auf und unter geht der Mond bei Arno Schmidt, in seinen Büchern unermüdlich bestaunt, bewundert, beschwärmt, allein, zu zweien, immer ist der Mond dabei: „Wir besahen zusammen eine zeitlang den mageren Mond, der sich im weißgestrickten Gewölk eins fror.“ Ein „Kupfergong“ ist er, „sehr niedrig im Äther“, ein „Mondkeil“, „margarinen“ manchmal, erscheint „traurig und glänzend im Fenstervier“, allgegenwärtig. Beim Aufwachen, heißt es einmal, „stierte der Mond durchs Seitenfenster in mein taubes Gesicht“.
Kein Autor, keine Autorin deutscher Sprache hat den bleichen Gesellen da oben in schöneren Farben gemalt: „am Silberkraal des Mondes kauerte ein löwengelbes Gestern“. Schon in der frühen Erzählung „Leviathan“ wird er aufwändig beschworen: „Als junger Mensch hing mir der Mond wie eine Frucht mit schaumiger Seidenschale und schartigem Silberkern in den Weinranken.“ In romantischste Romantik verfällt der Dichter, wenn er sich zu seiner Obsession bekennt: „Das ist doch das Schönste im Leben: nachttief und Mond, Waldsäume, ein stillglänzendes Gewässer fern in bescheidener Wieseneinsamkeit.“ Und erliegt ihr doch nie, wird unbezahlbar grotesk: „… da schteht, genau mittn uff der een’n Schneise, ‘n rotes versoffenes Gesicht, mit schwarzer Ohrnklappe: sah aus, wie 3 Kommunistn! – Der Mond natürlich.“
Lange vor der ersten Landung auf dem Trabanten spielt Schmidts Roman „KAFF auch Mare Crisium“, 1960 erschienen, „in seinen entscheidenden Partien im Jahre 1980 auf dem Monde“, auf dem sich – „wo der Moont doch jetz so modärn iss –“ Russen und Amerikaner angesiedelt haben.
Ende 1958 wird besagtes Häuschen endlich erworben, Schmidt ist glücklich, sein Nachtlicht schon zur Stelle: „schön zunehmender Mond“, notiert der Träumer im Tagebuch, „1. Mondlust an Bäumen & Besitz“. Selbstbewusst erinnert er Mit- und Nachwelt an seine Verdienste: „was ich schon so an Mondmetaphern ersonnen habe; es wäre nicht mehr als recht und billig, einen Mondkrater nach mir zu benennen“. Es wurde kein Mondkrater, aber ein vor 45 Jahren, kurz nach dem Tod des Mondomanen entdeckter Hauptgürtelasteroid trägt seit 2004 seinen Namen. Seither rauscht (12211) Arnoschmidt durchs All, unbemannt, wenig besungen, wie geträumt vom mondsüchtigen Arno Schmidt.
Mehr zu Arno Schmidt erfahren Sie in diesem Text, der zum Anlass seines 100. Geburtstags im Jahr 2014 erschienen ist





















