Linksaktivisten gegen Nius: „Ich weiß gar nicht, was Vordenker genau heißen soll“ | ABC-Z

taz: Herr Arnold, sind Sie der Vordenker der Vulkangruppe?
Guido Arnold: Vermutlich nicht. Das ist aber auch eine unsinnige Zuschreibung. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht genau, was Vordenker heißen soll. Wenn wir alle ein bisschen mehr nachdenken, würde mir das schon reichen.
Im Interview:
Der Physiker und Quantentheoretiker arbeitet am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung. Er forscht aktuell zu den Folgen von Künstlicher Intelligenz. Politisch ist er für die technologiekritische Gruppe Çapulcu aktiv.
taz: Zuerst die Welt, dann das rechte Krawallportal Nius bezeichneten Sie in Beiträgen so, zuletzt auch der Spiegel. Weil Sie neben Ihrer Forschungsarbeit auch für die Gruppe Çapulcu auftreten, deren radikale Technologiekritik Inhalten der Bekennerschreiben der Vulkangruppen ähnelt – und weil einige Bekennerschreiben auch in Çapulcu-Heften dokumentiert sind.
Arnold: Das ist schlicht eine Behauptung, ich würde sagen, eine Diffamierung. Denn es übergeht, dass ich mich als Wissenschaftler mit Dingen beschäftige, die andere womöglich aufgreifen. Wenn man dem folgt, ist man schon auf die scheinbar selbstkonsistente Erzählung von Welt und Nius reingefallen. Ich habe keinen Einfluss darauf, wer meine wissenschaftlichen Texte verwendet.
taz: Sie haben nichts mit den Vulkangruppen zu tun?
Arnold: Warum sollte ich?
taz: Ihre Gruppe Çapulcu belässt es nicht bei Analysen, sondern ruft auch zum Widerstand gegen eine aufziehende Technokratie auf. Sind Sie also Wissenschaftler oder Aktivist – oder beides?
Arnold: Ich bin notwendigerweise beides. Man kann sich in diesen Zeiten, in denen wir uns auf eine technokratisch rechte bis faschistoide Zukunft hinbewegen, nicht auf eine reine Forscherrolle zurückziehen und nur beschreiben, was in dieser Welt passiert. Da braucht es auch eine Form von politischem Aktivismus. Ich habe mich in den Neunzigerjahren in der Anti-Atom-Bewegung politisiert. Deshalb beschäftigt mich die Entwicklung als Person, die Zukunftsideologien analysiert – aber auch als eine, die politisch darum streitet.
taz: Sie sehen sich als Opfer einer „Schlammpresse“. Was meinen Sie damit?
Arnold: Damit meine ich, dass zuerst von rechten Influencern Unsinnigkeiten oder Dinge mit sehr, sehr geringem Nachrichtenwert aufgewühlt werden, die dann rechte Medien wie Nius oder Apollo News medial so aufbereiten, dass sie eine konsistente Story ergeben. Über diese Scharnierfunktion werden die Geschichten dann auch von klassischen Medien aufgegriffen. Im engeren Sinne ist das Bullshitting, weil der ursprüngliche Wahrheitsgehalt egal ist. Aber es entfaltet am Ende eben öffentlichen, politischen Druck, mit dem man umgehen muss.
taz: Was die Welt und Co. anführen, ist der Begriff des „technologischen Angriffs“: ein zentraler Terminus von Çapulcu – den auch die Vulkangruppe in ihrem Bekennerschreiben zum Brandanschlag auf eine Strombrücke zu Jahresanfang in Berlin verwendete. Zufall?
Arnold: Dieser Begriff ist schon sehr viel älter. Çapulcu hat ihn dann 2015 als Analysekonzept vorgeschlagen. Seitdem wird dieser Begriff breit rezipiert. Dabei gehen wir davon aus, dass Technologie nie neutral ist, sondern bereits ihre Entwicklung eng verwoben ist mit den gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Einige Technologien wie die künstliche Intelligenz verändern eine Gesellschaft bewusst so tiefgreifend, dass man von einem technologischen Angriff spricht. Und wie gesagt: Wenn andere unsere Kritik aufgreifen, liegt dies nicht in unserer Verantwortung, auch nicht, was sie daraus machen. Unsere Hefte dokumentieren Debattenbeiträge und Aktivitäten zum Thema Technologiekritik – das gibt nicht automatisch die Meinung von Çapulcu wieder. Bekennungen zu dokumentieren, hat die taz übrigens auch schon getan.
taz: Die Çapulcu-Hefte geben selbst an, „zur Förderung des Widerstands gegen den technologischen Angriff“ zu erscheinen. Und dann werden dort Sabotagen oder Hacking-Aktionen dokumentiert. Das kann doch als Aufruf zu solchen Taten verstanden werden?
Arnold: Nein. Natürlich kann sich aus unseren Analysen der Wunsch ableiten, ins Handeln zu kommen – weil wir ansonsten vor einer antidemokratischen Zukunft stehen. Und wenn wir sehen, mit welcher Geschwindigkeit diese Entwicklung voranschreitet, ist doch klar, dass wir diese technokratische Zukunftsideologie sabotieren müssen. Aber das bedeutet nicht zwingend an brennende Rechenzentren zu denken. Das kann auch einfach heißen, dass man diese Ideologie delegitimiert und versucht, ihr die Basis zu entziehen. Da gibt es sehr, sehr viele Möglichkeiten, dieser düsteren Zukunftsvision etwas entgegenzusetzen.
taz: Sie warnen vor einer Technokratie. Was genau ist Ihre Befürchtung?
Arnold: Eine offene Abkehr von demokratischen Grundprinzipien hin zu etwas, das ich als CEO Monarchie benennen würde, angeführt von Big-Tech-Protagonisten wie Elon Musk oder Peter Thiel. Eine Art modernes Bevölkerungsmanagement unter Zuhilfenahme künstlicher Intelligenz, das denjenigen Macht zuspricht, die in der Lage sind, diese lenkenden Algorithmen zu kreieren. Langsame demokratische Aushandlungsprozesse werden dann zurückgedrängt.
Zwar wird von den Big Tech vorgegeben, soziale Probleme zu lösen, aber gelöst werden in der Regel nur Ersatzprobleme, die man technologisch fassen kann. In den USA erleben wir unter Trump ja momentan, wie die Big-Tech-Unternehmen inzwischen eine aktive politische Rolle übernehmen – und zwar eine rechte. Das erinnert mich an den Futurismus vor 100 Jahren in Italien, der auch in einer Phase der Stagnation propagierte, wir brauchen wieder das Recht des Stärkeren, wir brauchen entfesselte Männlichkeit. Das war keine verquere Avantgarde, sondern daran konnte später der Faschismus unter Mussolini andocken.
taz: Ihre Antwort ist eine Ablehnung dieser technologischen Entwicklung. Aber lässt sich das überhaupt noch aufhalten? Muss es nicht eher darum gehen, die Entwicklung progressiv umzulenken?
Arnold: Eine fundamentale Ablehnung jeder Form der Technologie wäre unsinnig. Das vertrete ich auch nicht. Aber wir müssen uns für jede einzelne Technologie genau anschauen, welche gesellschaftlich wirklich gebraucht wird, und welche nicht – gerade auch wenn wir uns den enormen Ressourcenverbrauch der KI anschauen, deren Rechenzentren Unsummen an Strom und Wasser verbrauchen. Ist etwa Social Media vergesellschaftbar? Brauchen wir wirklich KI-Sprachmodelle?
Meine Antwort wäre: nein. Oder wie ließe sich ein Portal wie Immoscout nutzen, damit es wirklich Menschen hilft, die eine Wohnung suchen und nicht denen, die mit Wohnraum Profite machen wollen? Und wenn wir uns bestimmte Technologien leisten: Wie können wir diese von ihrem Herrschaftscharakter befreien? Das ist alles nicht simpel, das gilt es auszuhandeln. Darüber braucht es eine fundierte gesellschaftliche Debatte.
taz: Sie und andere wollen diese Debatte am Wochenende auf einer Konferenz in Berlin führen, den „Cables of Resistance“. Auch dort soll es um Widerstand gegen Big Tech gehen. Wie weit ist dieser Widerstand zu verstehen?
Arnold: Das weiß ich nicht, ich bin keiner der Organisatoren dieser Konferenz. Und laut Manifest der Konferenz wird dort zwar KI in voller Breite delegitimiert – eine durchaus begrüßenswert klare Ansage. Aber in diesem Manifest steht nichts davon, dass dies mit Formen erreicht werden soll, die einige schwierig finden können.
taz: Wir hatten Sie schon im Januar, nach den ersten Berichten, für ein Gespräch angefragt, da hatten Sie nicht reagiert. Jetzt sprechen Sie doch. Warum?
Arnold: Mir war nach den medialen Angriffen von vornherein klar, dass es notwendig ist, das zu kontern. Jede sofortige Reaktion aber hätte wieder als neues Futter für die mediale Hetzkampagne genutzt werden können. Deshalb blieb ich erstmal strategisch still. Jetzt aber ist der Zeitpunkt, um klar zu benennen, was hier vor sich geht: ein Angriff nicht nur auf meine Person, sondern auf viele Menschen, die progressiv denken. Sich hier wegzuducken, wäre kontraproduktiv.
taz: Sie wollen noch mehr. Ende April wird sich Ihre Gruppe auch an einer weiteren Initiative beteiligen: gegen Nius und deren Redaktionssitz in Berlin-Kreuzberg.
Arnold: An der Initiative beteiligt sich eine Kreuzberger Gruppe, die sagt, sie wollen Nius raus aus dem Kiez und raus aus dem Netz haben. Aber es beteiligen sich auch sehr viele Personen, die ins Kreuzfeuer von Nius geraten sind. Wir wollen eine Gegenstrategie erarbeiten, wie hier ein Schulterschluss gelingen kann und eine tiefergehende Analyse dieses Kulturkampfs von rechts, zu der auch die Hetze von Nius gehört. Man muss ihnen die gesellschaftliche Berechtigung entziehen, indem man ihre Machenschaften und ihre Art zu arbeiten offenlegt. Wobei der Begriff Kulturkampf hier eigentlich zu harmlos ist.
taz: Warum? Was wäre treffender?
Arnold: Es findet gerade gesamtheitlich eine Delegitimierung und Einschüchterung von progressiver Politik statt. Wir erleben, wie die Rote Hilfe Konten verliert, nur weil der US-Präsident eine Antifa-Gruppe als terroristisch einstuft. Wir erleben Gesinnungsprüfungen bei der Vergabe von Fördermitteln. Kulturkampf klingt, als würde hier politisch auf einer rein symbolischen Ebene um eine Deutungshoheit gerungen. Geschichtlich ist Kulturkampf aber die Erweiterung von Politik raus aus den Parlamenten auf die Straße, ein Erhöhen der sozialen Temperatur, um aus Sicht der Rechten im besten Fall etwas zu generieren, was eine Gewalteskalation bis hin zum Bürgerkrieg ermöglicht. Kein Bürgerkrieg hat jemals aus dem Nichts angefangen, sondern hatte immer Straßengewalt als Vorläufer. Deshalb ist es so wichtig, dass wir jetzt dagegen aktiv werden.





















