Berlin

Letzte Bastion des alternativen Zirkus: Hoch gestapelt – bis es kracht | ABC-Z

E in Schrei breitet sich am blauen Zelthimmel aus, als die Geschenke wie Meteoriten aus ihm niederprasseln. Trotz der bunt bemalten Kartons, die jetzt auf die offenen Münder zusausen, versteht sich der Zirkus Mond aus Prenzlauer Berg als antikapitalistisch. Manchen gilt er gar als letzte Bastion des alternativen Zirkus in Berlin. Aber was macht einen Zirkus eigentlich alternativ?

Auf jeden Fall ist er schwer zu finden. Man muss viel Mut mitbringen, um den ausgetretenen Pfad zu nehmen, der zwischen den Mietskasernen und dem frisch renovierten Güterbahnhof der Greifswalder Straße durch die Finsternis führt. Erst nach ein paar hundert Metern sieht man die Lichter, die in den Baumwipfeln vor dem großen Zelt um die Discokugel herumwirbeln.

Acht Kollektive haben gemeinsam als Disko-Babel e. V. die Brachfläche im Osten Berlins gemietet. Eigentlich sollen hier seit Jahren Wohnungen entstehen, doch bisher wurde der Bau immer wieder verschoben. Ohne Wasser- und Stromanschluss ist der Zirkus angewiesen auf Generatoren und Bioplumpsklos.

Im Zelt riecht es nach Popcorn und selbst gebackenen Keksen. Auf den Sitzkissen toben die Kinder, als plötzlich das Licht ausgeht und ein tätowierter Weihnachtsmann mit jeder Menge Glitzer auf die Bühne rauscht. Er lässt erst die Kleinen Krach machen, dann die Eltern und zum Schluss „alle Singles, die den ganzen Tag nur trinken“.

Hoch gestapelt – bis es kracht



Foto:
Mathias Härter

Zum Schluss knutschen sie sogar

Der Gay-Santa leitet zusammen mit zwei dünnbeinigen Elfen durch den Abend – und zwar gleichzeitig auf Deutsch und Englisch. Zuerst herrscht typische Geschwisterkonkurrenz. „Gib ihm keine Chance!“, schreien die Kinder dem älteren Elfen zu, der sich wütend über den Neuankömmling ans Publikum wendet. Zum Schluss knutschen sie sogar.

Bei KünstlerInnen ist der Zirkus Mond beliebt, weil er Raum für Experimente bietet

Bei KünstlerInnen ist der Zirkus Mond beliebt, weil er Raum für Experimente bietet. In der Regel hat jede Show eine andere Besetzung. Da geht auch mal etwas schief.

Wer das größte und kühnste Kunststück sehen möchte, sollte wohl besser zum Cirque de Soleil am Potsdamer Platz gehen. Dort setzt die Kaderschmiede der internationalen Artistinnen in schwindelerregenden Höhen auf das Unglaubliche immer noch einen drauf. In diesem Leistungstaumel wird Zirkus mit Extremsport fast identisch. Es sind keine Außenseiter mehr, die am Rand der Gesellschaft die Selbstkontrolle auf die Spitze treiben.

wochentaz

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Hier auf dem Mond sind die Geschichten genauso wichtig wie die sportlichen Leistungen, die sie erzählen. In einer düsteren Szene spielt ein durchtrainierter Mann mit kurzgeschorenen Haaren eindrucksvoll eine Leiche, die die Elfen hin und her ziehen. Erst als Santa ihr Leben einhaucht, beginnt sie ihre Gliedmaßen ruckartig hin- und herzubewegen. Plötzlich kippt sie in einen Handstand auf zwei dünnen Eisenstäben und lässt die Beine dann langsam in eine Schwebe parallel zum Boden sinken.

Die kreischende Menge …

Später schlendert eine Dame im Seidenbademantel voll beladen mit Gucci-Taschen auf die Bühne und bringt die doch eigentlich streng antikapitalistischen Zuschauer zum Lachen. Dann wirbelt sie Hula-Hoop-Reifen um alle denkbaren Gliedmaßen, als wäre sie ein einziges, rasendes Mobile. Noch später twerkt dann ein Mann mit schwarzer Lockenmähne und weißen Strapsen zu technolastigem Reggaeton seinen Hintern, bevor er sich auf dem Trapezring würdevoll in die blaue Zeltkuppel ziehen lässt.

Während der ganzen Show lehnt sich eine Reihe weiter vorne ein Dutt mit eingestecktem Pinsel zärtlich an einen Hut mit Rosen-Crochet und Feder. Beide neigen sich immer weiter nach hinten, während die Elfen anfangen, Geschenk auf Geschenk zu türmen. Immer höher, bis fast zur Decke, ragt der Stapel schon und wackelt gefährlich über den offenen Mündern der Zuschauer. Nur geschicktes Balancieren scheint den schwankenden Turm noch davor zu bewahren, auf die kreischende Menge herabzustürzen. Dann schieben sie noch ein Paket von unten in den Stapel und …

Die großen Kartons sind bunt, aber leer. Sie tun niemandem weh. Der Schrei wird zu erlösendem Lachen. Nur die „Alternativen“ wissen eben, dass es am schönsten erst wird, wenn alles zusammenbricht.

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