Eher-Verlag in München: Die publizistische Waffe des NS-Regimes – München | ABC-Z

In den 1930er-Jahren steht Ehers Name auf dem Firmenschild eines Mediengiganten, und dieser Zeitungskonzern ist die schärfste publizistische Waffe des Nazi-Regimes. Das Münchner Presseunternehmen, das nunmehr Franz Eher Nachfolger GmbH heißt, hat sich zu einem NS-Propaganda-Imperium entwickelt, das die deutsche Medienlandschaft beherrscht und dessen völkische, antisemitische und kriegstreiberische Töne bis in die hintersten Dörfer vordringen.
Im Eher-Verlag erscheinen das NSDAP-Kampfblatt Völkischer Beobachter ebenso wie Hitlers „Mein Kampf“. Im Jahr 1937 gehören 54 Prozent der deutschen Zeitungen dem Verlag oder sind von ihm abhängig, darunter auch die Münchner Neuesten Nachrichten, aus denen nach dem Krieg die Süddeutsche Zeitung hervorgeht. Die Bücher und Blätter des Eher-Verlags bringen die Ideologie der Nazis unter die Leute, schüren Hass gegen Juden und andere Minderheiten, propagieren Verfolgung, Völkermord und Vernichtungskrieg.
Das alles hat Franz Eher nicht mehr erlebt, er starb 1918. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre er einverstanden gewesen mit dem rechtsextremistischen Kurs seines Verlags. Eher hat einige Jahre als Redakteur der Neuen Freien Presse in Wien sowie für den Berliner Lokal-Anzeiger gearbeitet, bevor er 1897 in seine Heimatstadt München zurückkehrt. Nach dem Tod des Vaters verkauft er dessen Geschäft und gründet mit dem Haidhausener Druckereibesitzer Johann Naderer das Branchenblatt Der bayerische Metzgermeister.
Etwa zur selben Zeit übernimmt Eher den Münchener Beobachter, eine wöchentlich erscheinende Vorstadtzeitung, die bis dahin Naderer herausgebracht hat. Im Dezember 1901 lässt Eher den Verlag unter seinem Namen ins Handelsregister eintragen. Die Auflage des Münchener Beobachters schwankt zwischen etwa 1000 und 2000 Exemplaren, und die mehrheitlich wohl kleinbürgerlichen Leser bekommen ab und an auch dezidiert antisemitische Artikel aus der Feder Ehers zu lesen. Im Juli 1905 etwa beklagt er unter der Schlagzeile „Unsere verjudete Gemeindeverwaltung“, dass die Stadt München jüdische Geschäftsleute bevorzuge. Eher zufolge „brauchen Juden auch nur ein Geschäft aufzutun, um sofort städtische Lieferungen zu erhalten“.
Antisemitische Töne sind im Bayern der Prinzregentenzeit keineswegs die Ausnahme. Zwar waren Juden seit der Reichsgründung 1871 rechtlich gleichgestellt, dennoch werden sie vielfach nicht als vollwertige Deutsche angesehen. Blätter wie die konservative Staatsbürgerzeitung schimpfen über „eine geradezu erschreckende Zunahme des jüdischen Elements“, und es organisieren sich politische Gruppen, die den Kampf gegen Juden auf ihre Fahnen schreiben. Der 1891 in München gegründete Deutsch-Soziale Verein hetzt gegen jüdische Geschäfte und Unternehmen und ruft zu deren Boykott auf.
Einen mit nordischem Mythenbrimborium angereicherten Antisemitismus pflegt die Thule-Gesellschaft, die der Okkultist Rudolf von Sebottendorff gegen Ende des Ersten Weltkriegs im August 1918 gegründet hat. Sebottendorff heißt eigentlich Rudolf Glauer, ist aber nach eigenen Angaben von einem Baron von Sebottendorff adoptiert worden. Dieser Neuaristokrat und seine Thule-Gesellschaft feiern den nordischen Menschen, faseln von der germanischen Herrenrasse und der „jüdischen Weltverschwörung“ und versehen ihr Emblem mit Dolch und Hakenkreuz.
Wer nun steigt nach dem Tod Ehers im Sommer 1918 als Redakteur beim Münchener Beobachter ein? Just jener Rudolf von Sebottendorff. Er verwandelt die Zeitung in ein Sprachrohr der Thule-Gesellschaft. Seine Schwester Dora Kunze und seine Lebensgefährtin Käthe Bierbaumer werden im folgenden Jahr Gesellschafterinnen der Franz Eher Nachfolger GmbH. Im August 1919 erhält die überregionale Ausgabe des Blatts einen neuen Namen, den bald auch die Münchner Ausgabe übernimmt: Völkischer Beobachter.
Als innerhalb der Thule-Gesellschaft Streit ausbricht und auch Sebottendorff sich zurückzieht, sieht man sich gezwungen, die Zeitung zu verkaufen. Im Dezember 1920 erwirbt der „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterverein“, der nichts anderes ist als die vereinsrechtliche Organisationsform der NSDAP, den Eher-Verlag samt Völkischem Beobachter. 115 000 Mark kostet das Presseunternehmen, eine Summe, welche die Kasse der kleinen, eben erst gegründeten nationalsozialistischen Partei nicht hergibt.
Im Katalog zur Stadtmuseum-Ausstellung „München – ‚Hauptstadt der Bewegung‘“ schreibt der Historiker Peter Weidisch: „Nur durch Einspringen einiger Financiers und letztlich durch die Rückendeckung eines Darlehens von General Franz Ritter von Epp, dem späteren Reichsstatthalter in Bayern, in Höhe von 60 000 Mark konnte der Kauf getätigt werden.“ Die Zeitung, die nunmehr der NSDAP gehört, meldet ihren Lesern den Besitzerwechsel mit schwülstigem Pathos: „Die nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei hat den Völkischen Beobachter unter schwersten Opfern übernommen, um ihn zur rücksichtslosesten Waffe für das Deutschtum auszubauen.“
Im August 1921 übernimmt Dietrich Eckart die „Schriftleitung“, ein völkischer, fanatisch antisemitischer Publizist sowie Freund und Mentor Hitlers; nach Eckarts frühem Tod im Dezember 1923 bekleidet der NS-Ideologe Alfred Rosenberg den Posten des Chefredakteurs. Die Redaktion residiert im Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn in der Schellingstraße, wo die Zeitung auch gedruckt wird.

Schon die Unterzeile auf dem Titelkopf des Völkischen Beobachters macht unmissverständlich deutlich, um welche Art von Zeitung es sich handelt: „Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands.“ Anfangs schreibt Hitler etliche Leitartikel, daneben fungiert er auch als Herausgeber. Am Abend des 8. November 1923 und am folgenden Tag unternimmt Hitler einen Putschversuch, der im Kugelhagel der Bayerischen Landespolizei an der Feldherrnhalle kläglich endet.
Der Völkische Beobachter wird für etwa 15 Monate verboten, danach nimmt das Blatt allerdings mit unverminderter Härte seinen Kampf gegen die Weimarer Republik, die demokratischen Parteien, Linke, Juden und die als „Kulturbolschewismus“ verunglimpfte moderne Kunst wieder auf. Mit dem Erstarken der NS-Bewegung wächst auch die Auflage der Zeitung, die 1930 die Hunderttausend-Grenze überschreitet.
Drei Jahre später, die Nazis sind mittlerweile an der Macht, erfreut sich der Völkische Beobachter idealer Bedingungen. Auf dem Online-Portal des Historischen Lexikons Bayerns schreibt der Historiker Paul Hoser: „Die parteipolitische Konkurrenz wurde verboten oder durch wirtschaftlichen Druck zum Aufgeben bzw. zum Verkauf an den Parteiverlag gezwungen. Werber in SA-Uniform gingen von Haus zu Haus und nötigten Leute zum Abonnement.“ Im Kriegsjahr 1941 steigt die Auflage auf über eine Million. Längst dient die Zeitung nicht nur als Parteiorgan, sondern ist gewissermaßen auch das Regierungsblatt des NS-Staates.
Entscheidenden Anteil am Aufstieg des Kampfblatts hat Max Amann, der im April 1922 die Leitung des Eher-Verlags übernommen hat. Amann, im Ersten Weltkrieg zeitweise Hitlers Vorgesetzter, ist einer der engsten Vertrauten des „Führers“ und hat eine kaufmännische Ausbildung absolviert.

Nach dem Krieg arbeitet Amann zunächst in einer Münchner Bank, doch Hitler überredet ihn, seinen Posten aufzugeben, um als Geschäftsführer der NSDAP zu arbeiten. Nun ist er auch der geschäftliche Leiter des Eher-Verlags und des Völkischen Beobachters. Hitler erfindet einen weiteren Posten für ihn: Amann ist jetzt „Reichsleiter für die Presse“.
Als kaufmännischer Direktor des Eher-Verlags ist Amann durchaus erfolgreich. Schrittweise gelingt es ihm, das bis dahin notorisch klamme Unternehmen zu konsolidieren. Unter anderem gliedert er eine Verlagsbuchhandlung ein, was sich bald als vorausschauende Maßnahme herausstellten sollte. Nach Hitlers Umsturzversuch im November 1923 wird die NSDAP reichsweit verboten, ebenso der Völkische Beobachter. Der Buchverlag aber darf weiterhin publizieren. Und so erscheint im Juli 1925 im Franz-Eher-Verlag der erste Band von Hitlers Programmschrift „Mein Kampf“, den er größtenteils während seiner Haft in Landsberg geschrieben hat. Gut eineinhalb Jahre später bringt der Verlag den zweiten Band heraus. Hitlers Propaganda-Werk wird zum Bestseller. Bis zur Machtübernahme der Nazis Anfang 1933 verkauft man insgesamt 241 000 Exemplare.
Auch der Völkische Beobachter, der von Februar 1925 an wieder erscheinen darf, erlebt einen Aufschwung. Sein Verlag, die Franz Eher Nachfolger GmbH, die in München in der Thierschstraße 11 ihren Hauptsitz hat, beginnt zu florieren. Man kann sich erste Zukäufe leisten, unter anderem erwirbt Amann den von Dietrich Eckart gegründeten Hoheneichen-Verlag, in dem Alfred Rosenbergs antisemitische Schrift „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ erscheint. Ende 1932 beträgt die Gesamtauflage aller Bücher des Eher-Verlags mehr als 14,7 Millionen. Für Hitlers Wahlkämpfe kann Amann 3,9 Millionen Mark aus der Verlagskasse zusteuern.

:Sollte man Hitlers „Mein Kampf“ heutzutage lesen?
Am 18. Juli 1925 erschien der erste Band von Adolf Hitlers zentraler Schrift. Durch ein jahrzehntelanges Nachdruckverbot erlangte sie eine fast mythische Aura. Historiker Christian Hartmann erklärt die Brisanz des Buches, warum selbst Nazis es vermutlich nicht mehr lesen und welche Aspekte noch heute interessant sind.
Amanns kaufmännische Erfolge verschaffen ihm nach dem Machtantritt Hitlers enormen Einfluss auf das Pressewesen des NS-Staates. Als Vorsitzender der Reichspressekammer und des Vereins Deutscher Zeitungsverleger hat er alle Hebel in der Hand, um die deutsche Presse gleichzuschalten. „Das Ziel der nationalsozialistischen Pressepolitik“, resümiert der Historiker Paul Hoser, „bestand darin, die Presse des Hauptgegners, der Linken, zu vernichten, der eigenen Presse die Vorherrschaft zu verschaffen und die bürgerliche Presse politisch und wirtschaftlich zu kontrollieren. Amanns spezielle Aufgabe war es, möglichst viele Zeitungen unter die finanzielle Herrschaft der Partei zu bringen.“
Das effektivste Instrument der auf totale Unterwerfung zielenden Pressepolitik ist der parteieigene Eher-Verlag. Mit Rolf Rienhardt und Max Winkler, seinen Spezialisten für komplizierte Transaktionen, macht sich Amann daran, sein Imperium auszubauen. In den Jahren 1933/34 geraten die lokalen nationalsozialistischen Zeitungen, die bis dahin in der Hand der Gauleiter waren, auf Geheiß Hitlers unter die Aufsicht des Eher-Verlags. Sozialdemokratische und kommunistische Blätter werden verboten, ihre Verlage kurzerhand konfisziert.
Mit juristischen Tricks, schierer Finanzmacht und Berufsverboten für missliebige Verleger reißen sich Amann und seine Helfer eine Zeitung nach der anderen unter den Nagel. Die katholische politische Presse trifft es ebenso wie bürgerliche Blätter oder Generalanzeiger. Auch die renommierte Frankfurter Zeitung gerät unter die Fuchtel des Eher-Verlags. Im Februar 1942 feiert Hitler den alten Kampfgenossen Amann mit enthusiastischen Worten: „Er ist ein Genie. Der größte Pressemann der Welt!“ Zu diesem Zeitpunkt kontrolliert der Eher-Verlag mit seinen Tochtergesellschaften insgesamt 150 Verlage. Rund 35 000 Personen arbeiten für das Unternehmen, das einen Reingewinn von fast 100 Millionen Reichsmark erwirtschaftet.
Auch während des Zweiten Weltkriegs expandiert der Eher-Verlag weiter. Unter anderem übernimmt Amann das Berliner Zeitungshaus Scherl, das bis dahin zum Hugenberg-Konzern gehörte. Erfolgreich sind auch zwei Neugründungen des Jahres 1940: die Propaganda-Illustrierte Signal und die Wochenzeitung Das Reich, die eine Millionenauflage erreicht. Doch die Zerstörungen durch Luftangriffe sowie der Mangel an Material, Energie und Personal machen den Zeitung- und Bücherproduzenten zunehmend zu schaffen. Kleinere Blätter verschwinden oder werden mit größeren Zeitungen zusammengelegt. „In drei Wellen setzte 1941, 1943 und 1944 ein gewaltiger Konzentrationsprozess ein“, schreibt Hoser. „Die Zahl der Zeitungen sank von 2075 im Jahr 1937 auf 975 im Jahr 1944.“ Es ist der Anfang vom Ende.
Am 29. April 1945 titelt der Völkische Beobachter voller Häme einen Bericht über den Aufstand der „Freiheitsaktion Bayern“: „Krawall feiger Deserteure in München niedergeschlagen.“ Die letzte Ausgabe wird noch gedruckt, aber wegen des Vormarsches der US-Truppen nicht mehr ausgeliefert. Der Untergang der Nazi-Diktatur ist auch der Untergang des Eher-Verlags. Nach dem Krieg gehen dessen Vermögenswerte an den bayerischen Staat, den die alliierten Siegermächte verpflichten, diese zu verkaufen. 1952 wird der Eher-Verlag aus dem Handelsregister gelöscht.
Max Amann, der es in der NS-Zeit zum vielfachen Millionär gebracht hat, stellt sich in der Nachkriegszeit als unpolitischer Geschäftsmann dar. Vor der Spruchkammer in München kommt er damit aber nicht durch. Er wird zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Doch wie so viele Nazi-Verbrecher muss er die Strafe nicht vollständig absitzen. Bereits 1953 kommt er frei.





















