Lenggries: Realschülerinnen zeigen Theaterstück über Depressionen – Bad Tölz-Wolfratshausen | ABC-Z

Luisa erinnert sich noch genau an die Zeit, als ihre Schwester nichts mehr essen wollte, weil sie sich dick und hässlich fand. Sie verbrachte viel Zeit am Handy, verglich sich mit den schönen, jungen Frauen auf Instagram und Youtube. Luisa, die eigentlich anders heißt, spürte, dass es ihrer Schwester nicht gut ging. Ein schreckliches Gefühl, „man macht sich Sorgen, aber man weiß, man kann nicht helfen“, sagt sie.
An einem Freitagmorgen sitzt sie mit zehn Mitschülerinnen in der Aula der St.-Ursula-Schulen Hohenburg. Die 13 bis 16 Jahre alten Realschülerinnen erzählen freimütig von persönlichen Krisen: von Panikattacken vor Schulaufgaben; vom Leistungsdruck am Gymnasium, dem sie nicht gewachsen waren; von Eltern, die ihnen das Skifahren verboten, weil die Noten schlecht waren.
Dass die Schülerinnen so offen über Probleme sprechen, ist womöglich auch einem Theaterstück zu verdanken, an dem sie mitgewirkt haben. „Icebreaker“ heißt das bemerkenswerte Projekt, das sich mit dem Thema Depressionen bei Jugendlichen auseinandersetzt und seit mehr als zehn Jahren Station an bayerischen Schulen macht. „Ein oft tabuisiertes Thema“, sagt Roman Haehl, Schulleiter der Realschule Hohenburg, die sich als einzige Schule im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen beteiligt hat. „Wir wollten dem eine Bühne geben, um für Warnsignale zu sensibilisieren.“
Bin ich nur schlecht drauf, oder sind das schon Merkmale einer Depression? Wie geht es Geschwistern, wenn sich alles nur noch um die Schwester dreht, die sich zurückzieht und Verabredungen mit Freunden absagt. Wie reagieren Eltern, wenn ihre Kinder nicht mehr essen wollen, kaum noch schlafen und in der Schule nicht mehr mitkommen? Eine Woche lang haben sich die Schülerinnen mit dem Theaterpädagogen Sebastian Eilers von der Nürnberger Agentur „Kunstdünger“ freiwillig mit dem Thema Depressionen auseinandergesetzt.
Die Nachfrage von Schulen sei „anhaltend groß“, sagt Eilers, das Stück werde jedes Jahr „dutzendfach“ gespielt. Schirmherrinnen sind die bayerische Kultusministerin Anna Stolz (FW) und Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU), finanziert wird das Projekt von der AOK Bayern. Die Gelder seien gut angelegt, findet AOK-Chef Wolfgang Morlang von der Direktion Bad Tölz. Es gehe um Prävention und um die Botschaft „Du bist nicht allein“.
„Icebreaker“ funktioniert als interaktives Theaterstück, bei dem die Zuschauer nach jeder Szene abstimmen, welche Verhaltensweisen der beiden Protagonistinnen Anna und Romi auf eine Depression hindeuten könnten. Das Publikum, das sich an diesem Vormittag aus Schülerinnen der neunten und zehnten Jahrgangsstufe, Kommunalpolitikern und Schulvertretern zusammensetzt, hat eine Checkliste mit Warnsignalen an die Hand bekommen. In den einzelnen Szenen werden Stationen des Tagesablaufs durchgespielt, Gedanken der Protagonistinnen als „Kopfkino“ und in Form von Tagebucheinträgen transportiert. Auch die Perspektive von Geschwistern, Eltern und Freunden wird gezeigt, ebenso der Weg zurück aus der Krankheit.
Die von den Schülerinnen eindringlich gespielten Szenen zeigen, wie schwer eine Abgrenzung ist. Denn nicht jede Stimmungsschwankung ist gleich eine Depression, zumal in der Pubertät. Mindestens zwei Symptome müssten mindestens zwei Wochen lang ununterbrochen anhalten, erfährt man. Und so wird im Verlauf klar, dass Romi professionelle Hilfe braucht, „weil sie eine gebrochene Seele hat, die man nicht sehen, aber heilen kann“, wie die Psychiaterin im Stück sagt.

Wie groß die Relevanz ist, zeigt die Statistik: Laut einer Studie der Barmer Ersatzkasse hat sich die Zahl junger Menschen zwischen fünf und 24 Jahren mit Depressionen innerhalb weniger Jahre drastisch erhöht: Waren es 2018 rund 47 400 Fälle, stieg die Zahl 2023 auf 64 000. Mädchen erkranken doppelt so häufig wie Jungen. Das bestätigt der neue DAK-Kinder- und Jugendreport. Demnach waren in Bayern im Jahr 2024 hochgerechnet rund 13 000 Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren wegen einer Depression in Behandlung. Bei Essstörungen waren es etwa 3300, was laut DAK einem Anstieg seit 2019 um 50 Prozent entspricht.
Wie AOK-Direktor Morlang erklärt, liegen die Zahlen im Direktionsbereich Bad Tölz-Wolfratshausen/Miesbach etwas unter dem bayerischen Durchschnitt, aber auch hier zeigt sich ein deutlicher Geschlechterunterschied: So litten 2,3 Prozent der jungen Männer zwischen 15 und 24 Jahren (Bayern: 2,7 Prozent) an einer Depression. Bei den jungen Frauen waren es 5,8 Prozent (Bayern: 6,3 Prozent).
Regina Gascha, die das Icebreaker-Projekt an die Hohenburger Realschule geholt hat und dort seit 13 Jahren als Sozialpädagogin arbeitet, betreut regelmäßig Fälle. Mädchen, die sich selbst verletzen, „ritzen“, um überhaupt etwas zu spüren. Die völlig antriebslos sind und in endlosen Gedankenschleifen festhängen.

Meist werde sie von der besten Freundin der Betroffenen angesprochen, die sich Sorgen macht. „Reden hilft“, sagt Gascha, dazu brauche es Vertrauen. Dass sie der Schweigepflicht unterliege, mache es vielen leichter, sich zu öffnen. „Die Mädchen wissen, dass ich nicht gleich ihre Eltern anrufe“.
Allerdings gebe es Grenzen, denn etwa bei Suizidgefahr müssen sie informiert und Kontakt zu Ärzten aufgenommen werden. Gascha ist keine Therapeutin, sie verweist Betroffene an entsprechende Stellen. Etwa an das neue kbo-Heckscher Klinikum an der Königsdorfer Straße in Wolfratshausen, an die „Arche“ nach München, zu Kinderärzten oder Psychotherapeuten.
Als Gründe für die steigenden Fallzahlen bestätigt sie die Einschätzung der Schülerinnen: Leistungsdruck und Schulstress, auch überzogene Ansprüche an sich selbst wegen unrealistischer Rollenbilder in den sozialen Medien, die zu Essstörungen führen könnten, welche meist von Depressionen begleitet werden. Die Folgen der Corona-Pandemie zeigten sich nicht mehr so deutlich, sagt Gascha. Aber auch ohne Lockdowns beobachtet sie eine Tendenz zur Vereinsamung. „Es fehlen in unserer Gesellschaft Ansprechpartner.“ Berufstätige Eltern hätten oft wenig Zeit. Sie wolle das nicht bewerten, sagt Gascha. Aber oft führe das zu einem Teufelskreis: Jugendliche flüchteten sich verstärkt in soziale Medien, um die Einsamkeit zu lindern.





















