Lena Dürr: So stolz, so beschissen | ABC-Z

Nur eine Kontrahentin steht noch mit Lena Dürr da oben im Starthaus. Mikaela Shiffrin, die beste Skifahrerin der Geschichte, führt nach dem ersten Slalomlauf auf der Tofana. Dürr ist Zweite. Ihr Ziel ist jetzt eine Medaille, natürlich, sie ist so nah dran. Und sie muss wissen, sie ist gut genug, um diese Olympiamedaille zu gewinnen. Das hat die 34-Jährige bei diesen Winterspielen bewiesen, das hat sie in der Vergangenheit bewiesen.
Aber die Vergangenheit hat auch gezeigt, dass immer etwas schiefgehen kann. 2022 zum Beispiel, bei den Winterspielen in China. Im Team gewann sie damals eine Silbermedaille, aber allein machte sie eine bittere Erfahrung.
Nach dem ersten Lauf lag Dürr damals in Führung. Sie stresse das nicht, als Letzte oben im Starthaus zu stehen, sagte sie. Sie fuhr dann auch gut, sehr gut sogar, doch im Ziel war sie Vierte. Undankbarer ging es nicht. Nur 0,19 Sekunden fehlten ihr zu Gold. 0,07 Sekunden zu einer Medaille.
Auch bei diesen Olympischen Spielen kostete sie der zweite Lauf schon einmal die Medaille. Am Sonntag war Dürr im Riesenslalom, der ihr eigentlich nicht so liegt, zur Halbzeit Zweite. Dann machte sie am fünftletzten Tor einen Fehler. Wieder nicht. So knapp vorm Ziel. So brutal kann dieser Sport sein. Diesmal fehlten 0,19 Sekunden zu einer Medaille.
Aber Dürr hat heute im Slalom eine dritte Chance. Sie hat im ersten Durchgang gut attackiert, wie die Skifahrerinnen sagen. Ist nicht zu zögerlich gefahren und hat das nötige Risiko genommen. “Ich konnte gleich Gas geben”, sagt Dürr im ZDF nach dem ersten Lauf.
Kann man nicht einfach nach dem ersten Durchgang abbrechen?
Dürr sagt auch, sie sei stolz auf ihre Leistungen bei diesen Olympischen Spielen. Sie kam mit einem schlechten Gefühl nach Cortina d’Ampezzo, ihre Saison war schwierig. Seit Dezember lief es gar nicht mehr, im Slalom war ihr bester Platz ein zehnter, in zwei von fünf Rennen schied sie aus. Doch seit sie in Cortina ist, habe sie ein gutes Gefühl. Und Gefühl ist vielleicht nicht alles, aber schon sehr viel im Slalom. Wenn sie jetzt ihre beste Leistung auf die Piste bringt, kann sie eine Medaille gewinnen. Ihre erste olympische Einzelmedaille.
Noch führt die Schweizerin Camille Rast. Das ist keine Überraschung, Rast ist die zweitbeste Slalomfahrerin der Saison, als Einzige konnte sie die Dauersiegerin Mikaela Shiffrin schlagen. Die anderen sieben von acht Rennen gewann Shiffrin.
Dürr stößt sich ab, schiebt noch einmal mit ihren Stöcken an, dann setzt sie zum Schwung nach rechts an. Zack. Mit dem rechten Ski überfährt sie das blaue Tor. Eingefädelt, am allerersten Tor. Ein Albtraum. Unten jubelt die Schwedin Anna Swenn-Larsson. Sie weiß, sie hat dank Dürrs Fehler eine Medaille sicher.
Anders als der Norweger Atle Lie McGrath, der gestern als Führender ein paar Tore später einfädelte, rennt Dürr nicht in den Wald. Sie fährt einfach runter vom Berg. “Mikaela stand noch oben, das Rennen musste ja weitergehen”, wird sie später sagen.
Im ZDF leidet der ehemalige Skifahrer Marco Büchel mit. “So Sachen passieren immer wieder. Aber nicht heute!” Unten im Ziel an der Tofana leiden Christian und Felix Neureuther mit, beide waren Weltklasse-Slalomfahrer. Auch sie sind fassungslos. “Ich habe noch Tränen in den Augen”, sagt Christian Neureuther, als er aus dem Zielbereich geht. Man sieht sie nicht unter seiner Sonnenbrille.
Kurz zuvor ist Shiffrin losgefahren. Die US-Amerikanerin hat 108 Weltcups gewonnen, 106 mehr als Lena Dürr. Und doch haben Shiffrin und Dürr eine ähnliche Geschichte mit Olympia. Vor vier Jahren, bei den Winterspielen in China, fragten manche, ob Shiffrin fünf Goldmedaillen gewinnen könne. Weil sie den Skisport so dominierte. Dann schied sie im Riesenslalom am siebten Tor aus und zwei Tage später an der vierten Slalomstange. “Ich werde versuchen, zurückzukommen. Aber ich war noch nie in dieser Situation und ich weiß nicht, wie ich mit ihr klarkommen soll”, sagte sie danach. So ein Schwein kann Olympia sein. Aus China reiste Shiffrin ohne Medaille ab.
Ihr letzter Sieg bei Olympia ist acht Jahre her, sie hat da eine Rechnung offen. Und diesmal kommt Shiffrin klar. Sie gewinnt mit anderthalb Sekunden Vorsprung. Dominant wie so oft. Im Ziel regt sie sich lange nicht, geht in die Hocke. Dann steht sie auf, reckt die Faust nach oben, kurz darauf umarmt sie ihre Mutter. Der Druck, der sich über Jahre aufgetürmt hat, fällt von ihr ab.
Auf der Pressekonferenz sagt Shiffrin, sie könne sich nicht erinnern, wie Dürr jemals am ersten Tor eingefädelt zu haben. Aber ihrem Idol Marlies Schild sei so was mal passiert. “Damals habe ich mir gesagt: Denke immer an das erste Tor.” Aber im Slalom, in dem es so viel Präzision braucht, könne das eben passieren.
Viele Fahrerinnen werden heute auf das Dürr-Drama angesprochen. Was sagt man einer Teamkollegin in so einer Situation, wird Emma Aicher gefragt, die mit ihrem neunten Platz einigermaßen leben kann. Sie hat ja schon zweimal Silber gewonnen bei diesen Spielen. “Keine Ahnung, was man da sagt”, antwortet Aicher. Vermutlich weiß das niemand, nicht mal ein Psychologe.
Kurz bevor die Siegerehrung beginnt, beantwortet Lena Dürr die Fragen der Journalistinnen und Journalisten. “Es ist beschissen und es tut weh”, sagt sie. “Aber es macht mich stolz, zu wissen, dass ich da ganz vorn mitfahren kann.” Sie wirkt recht gefasst. Vielleicht habe sie noch gar nicht begriffen, was da oben passiert ist, mutmaßt sie. “Da geht’s gerade los und ist dann schon wieder vorbei.”
Als Mikaela Shiffrin, Camille Rast und Anna Swenn-Larsson ihre Medaillen im Zielbereich bekommen, unterbricht Dürr die Fragerunde. Sie will sich diese Zeremonie anschauen. Sie stellt sich zwischen die Tribüne und das Siegerinnenpodest. Neben ihr die Schwedin Sara Hector, die auch ausschied, allerdings in nicht so aussichtsreicher Position wie Dürr. Als die Medaillen vergeben sind und Dürr noch mal zurückkehrt in den Medienbereich, erzählt sie, was Hector ihr eben gesagt habe: “Schade, Lena, du hättest eine von denen sein können.”





















