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Fußball-WM 2026 in den USA unter Donald Trump: mehr Show als Sport – Sport | ABC-Z

Vielleicht das Symbol schlechthin für den wiederkehrenden Griff ins oberste Show-Regal: der „Rocket Man“, der bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 1984 durchs Olympiastadion von Los Angeles schwebte. Dort, im Los Angeles Memorial Coliseum, wird auch die Olympia-Party 2028 beginnen. Weniger als zehn Meilen sind es vom Coliseum zum Footballpalast in Inglewood, wo schon im Sommer acht Partien der Fußball-WM stattfinden werden, darunter zwei Gruppenspiele des US-Teams.

Höchste Zeit also, zum Jahreswechsel mal nachzusehen: Was wird das für eine WM im Sommer? Das Cosm im Süden von Los Angeles, eine Kugelhalle, in die 2000 Leute reinpassen, liefert schon mal ein paar interessante Einblicke.

Die Rams spielen heute auswärts, in Atlanta. Macht aber nichts. Die Innenseite der Kuppel ist eine Leinwand, errichtet für die Illusion, man säße als Zuschauer im Stadion – in diesem Fall in dem der Falcons in Atlanta. Die Stimmung ist bestens; man bekommt Bier an den Tisch geliefert oder Champagner – für 750 Dollar das Ace-of-Spades-Fläschchen. Das billigste Ticket für diese Rams-Party kostet 133 Dollar, das teuerste 317. Für ein Spiel, in dem um nichts mehr geht: Die Rams sind bereits für die Playoffs qualifiziert, die Falcons ausgeschieden.

317 Dollar Eintritt – um nicht wirklich dabei zu sein? Hoffentlich hat niemand beim berüchtigt geschäftstüchtigen Fußballweltverband Fifa davon Wind bekommen. Sonst droht die nächste WM-Ticket-Kategorie: Sitzplatz mit bestem Blick auf Leinwandrasen, ist doch auch irgendwie dabei, oder?

Man ist ein wenig herumgekommen als US-Sportreporter dieser Zeitung im Jahr 2025. Man hat die US-Profiserien verfolgt, klar, aber auch, wie das aussieht, wenn externe Verbände in den USA etwas aufziehen wollen: die Klub-WM der Fifa im Sommer zum Beispiel oder den Formel-1-Grand-Prix im November in Las Vegas. Und es waren wieder einige Events dabei, bei denen man sich fragte: Ist das noch Sport – oder schon Zirkus?

Ende Dezember zum Beispiel: ein Boxkampf zwischen Anthony Joshua und Jake Paul, live übertragen auf Netflix aus der Partystadt Miami. Der Brite Joshua, 36, war mal Schwergewichtsweltmeister mehrerer Verbände und hat einst Wladimir Klitschko besiegt. Der US-Amerikaner Paul, 28, ist irgendwas zwischen Profisportler und Provokateur, bestens geeignet also für Events, die mehr Show als Sport sein sollen. Seine K.-o.-Niederlage gegen Joshua hatte nicht nur nichts mit Boxen zu tun, Paul verschlimmerte sie durch seine Prahlerei, dass Joshua ihm zweifach den Kiefer gebrochen habe.

Vielsagendes Detail dabei: Paul kam gegen Joshua im Hulk-Hogan-Kostüm in den Ring. Hogan ist eine uramerikanische Wrestling-Legende. Kurz nach dem Golfkrieg 1991 „besiegte“ er in einem dieser choreografierten Wrestling-Kämpfe, in denen der Gewinner schon vorher feststeht, einen Gegner, der einem irakischen Offizier nachempfunden war. Nach seinem Sieg schwenkte Hogan die US-Flagge. Vor seinem Tod im Alter von 71 im Juli 2025 fiel er durch Wahlkampfauftritte für Donald Trump auf; auf dem Parteitag der Republikaner riss er sich, sein Markenzeichen vor Kämpfen, mit großer Geste das Shirt vom Leib.

Ist das noch Sport? Influencer und Großmaul Jake Paul (li.) verlor jedenfalls seinen Boxkampf gegen Anthony Joshua.
Ist das noch Sport? Influencer und Großmaul Jake Paul (li.) verlor jedenfalls seinen Boxkampf gegen Anthony Joshua. (Foto: Sam Navarro/Imago)

„Amerika heilt unter Präsident Trump“, findet Jake Paul, wofür er selbstredend Lob von Trump auf dessen Social-Media-Plattform bekommt. Alles hängt mit allem zusammen, viele Leute hier nennen das: Sport.

Und jetzt kommt also der Männerfußball nach 1994 zum zweiten Mal mit seiner WM in die USA. Eine oft gestellte Frage lautet: Ist dieses Land nun endlich bereit für diesen Weltsport Nummer eins, den sie hier weiter Soccer nennen, wo er doch sonst überall Football heißt?

Genauso spannend ist die Frage allerdings andersherum: Ist der Fußball bereit für dieses Land? So wie die Amerikaner Sport verstehen, zelebrieren, vermarkten, inszenieren? Klar erscheint, dass Fifa-Präsident Gianni Infantino den Fußball genau dort haben will: wo Show und Geldverdienen ineinanderfließen. „104 Super Bowls“ werde man in fünfeinhalb Wochen zur Aufführung bringen, tönte er bei der Gruppenauslosung im Dezember in Washington. Darunter macht Infantino es nicht mehr.

„Die Welt zu Gast bei Freunden“, lautete das Motto der Fußball-WM 2006 in Deutschland. Was böte sich für eine Infantino-WM in Trump-Amerika besser an als: „Der Zirkus zu Gast im Zirkus“?

Apropos Inszenierung: Am 4. Juli feiern die USA ihren 250. Geburtstag. Eines der Achtelfinalspiele – womöglich Deutschland gegen Frankreich – findet am Independence Day ausgerechnet in Philadelphia statt, wo am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde. Das ist die Symbolik, die herauskommt, wenn sich die Emotionen-Lieferanten der Fifa mit Spektakel-Intendanten der US-Entertainment-Industrie zusammentun. Andererseits wird Donald Trump trotzdem eher nicht nach Philadelphia ins Stadion kommen. Für diesen Tag ist eine Gala im noch zu errichtenden 350-Millionen-Dollar-East-Wing-Ballsaal im Weißen Haus terminiert, finanziert von Firmen wie Amazon, Apple, Google, Meta, Comcast, Union Pacific Railroad, Microsoft, Palantir oder T-Mobile.

Beste Freunde, im schlechtesten Sinne: US-Präsident Donald Trump (li.) und Fifa-Präsident Gianni Infantino bei einem Pressetermin im Oval Office des Weißen Hauses.
Beste Freunde, im schlechtesten Sinne: US-Präsident Donald Trump (li.) und Fifa-Präsident Gianni Infantino bei einem Pressetermin im Oval Office des Weißen Hauses. (Foto: Jacquelyn Martin/AP/dpa)

Überhaupt ein spannendes Thema: Ob Trump ein Spiel des US-Teams besuchen wird? Bei einem K.-o.-Spiel? Trump möchte keinesfalls einer Niederlage beiwohnen, denn das widerspräche allem, was er sein und darstellen will. Und das Risiko angesichts der aktuellen Qualität der US-Elf ist enorm. Andererseits: Wer glaubte Silvester 2005 ans Halbfinale der deutschen Elf ein halbes Jahr später? Trump würde einen Lauf der Nationalmannschaft sicher für seine Zwecke nutzen – aber er geht auf Nummer sicher und bastelt ein Alternativprogramm, indem er den 250. Jahrestag mit seinem 80. Geburtstag drei Wochen davor verknüpft. An diesem 14. Juni soll im Rosengarten des Weißen Hauses ein UFC-Kampfabend stattfinden. Ultimate Fighting in einem Brot-und-Spiele-Ausmaß, das selbst dem römischen Kaiser Nero gefallen hätte. Es heißt, dass die UFC-Legenden Conor McGregor und Jon Jones für diesen Trump-Fight reaktiviert werden.

Welches Event wohl mehr Amerikaner interessieren wird: dieser Kampfabend in einer 6000-Zuschauer-Arena im Rosengarten plus Leinwänden für 100 000 Fans dahinter? Oder die WM-Partie Deutschland gegen Curaçao um 13 Uhr Ortszeit in Houston?

Oder am 17. Juni: Da konkurriert das eventuell entscheidende Spiel um den Stanley Cup im Eishockey mit der WM-Partie Usbekistan gegen Kolumbien in Mexiko-Stadt. Oder am 22. Juni: ein mögliches Spiel sieben in der NBA-Finalserie – oder der WM-Knaller Jordanien gegen Algerien in San Francisco?

104 Super Bowls? Die Fußball-WM mit inflationärem Dauerbetrieb hat nicht mal den amerikanischen Sportsommer auch nur halbwegs für sich allein. Die Währung ist das Interesse der Leute, die Spiele sind als Muss-man-sehen-Events zu vermarkten. Es muss mindestens gigantisch und noch nie da gewesen sein. Das am meisten polarisierende Event des Jahres findet deshalb im Mai statt, natürlich in den USA: die Enhanced Games in Las Vegas, bei denen leistungsfördernde Mittel ausdrücklich erlaubt sind. Als Investor beteiligt: Donald Trump Jr. Dort bringt die scharf geführte Debatte über den kalkulierten Tabubruch das nötige Interesse.

Und für den Herbst hat Donald Trump schon das nächste sportliche Großereignis ausgerufen, erfunden von ihm selbst: die „Patriot Games“. Je zwei Highschool-Schüler aus jedem US-Bundesstaat sollen bei einem Vier-Tage-Wettkampf gegeneinander antreten. Natürlich ohne Transgender-Kategorien, wie Trump bei der Ankündigung ausdrücklich betonte: „Ihr werdet keine Männer im Frauensport sehen. Ihr werdet alles sehen – aber nicht das.“

Noch ein Großmaul für Donald Trump: Conor McGregor soll für seinen UFC-Kampfabend reaktiviert werden.
Noch ein Großmaul für Donald Trump: Conor McGregor soll für seinen UFC-Kampfabend reaktiviert werden. (Foto: Ethan Miller/AFP)

Sport, das ist in Amerika die ewige Show rund um Sieger und Verlierer. Und Donald Trump hat schon entschieden, wen er den Amerikanern als eigentlichen Gewinner des US-Sportjahres 2026 präsentieren will: Trump. Vielleicht glaubt Fifa-Imperator Infantino tatsächlich, dass Trump einen zweiten Sieger neben sich dulden wird. Dass er, Infantino, seine Fußball-Flagge in den US-Boden rammen kann und dass diese über das Finale am 19. Juli hinaus weht. Bis zur nächsten Klub-WM, zur Frauen-WM 2031. Für die amerikanische Profiliga MLS als Heimat internationaler Fußball-Legenden wie Lionel Messi. Genauer gesagt: zum Geldverdienen.

Doch das dürfte mindestens schwierig werden angesichts der Aneinanderreihung von Großevents: Super Bowl, Olympia in Mailand (mit NHL-Stars und der Partie USA gegen Kanada), Stanley Cup, Laver Cup, NBA-Cup, US Open, Enhanced Games, UFC an Trumps Geburtstag, Patriot Games. Und all das können sie hier im Cosm in Los Angeles gucken. Oder im Cosm in Dallas. Und bald auch im Cosm in Detroit, im Cosm in Atlanta, im Cosm in Cleveland. Ohne Reise, Genuss in der eigenen Blase, für ein paar Hundert Dollar das Gefühl, dabei zu sein: Das beschreibt diese Sportnation wohl am treffendsten.

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