Kreuzfahrten: „Enkel, Eltern und Großeltern verreisen verbinden, oft auch in verbundenen Kabinen“ | ABC-Z

Speziell Touren nach Nordeuropa sind ganzjährig stark gefragt, sagt Felix Eichhorn, Chef der größten deutschen Kreuzfahrtreederei AIDA Cruises. Das Unternehmen baut seine Programme weltweit aus – und trimmt seine Schiffe auf mehr Energieeffizienz und geringere Umweltlasten.
Die Angebote seines Unternehmens seien so vielfältig wie nie, vor allem auch von Hamburg aus, sagt Felix Eichhorn, 45, Chef der größten deutschen Kreuzfahrtreederei AIDA Cruises. Bei der weltgrößten Tourismusmesse ITB in Berlin präsentiert AIDA Cruises Trends einer Branche, die nach der Pandemie inzwischen wieder boomt – vor allem auch mit Schiffsreisen nach Nordeuropa.
WELT AM SONNTAG: Herr Eichhorn, es war ein langer und grauer Winter, und es sind anstrengende Zeiten. Drängt es die Menschen auf Ihre Kreuzfahrtschiffe? Endlich mal wieder raus aufs Meer, in die Sonne und Zerstreuung?
Felix Eichhorn: Wir sehen seit Jahren, dass die Menschen ihre Reisen viel langfristiger buchen, oft bis zu zwei Jahre im Voraus. Wir hatten seit dem Herbst bereits sehr viele Reisen in unseren Systemen. Und das setzt sich so auch fort. Der Kreuzfahrtmarkt wächst, und das schließt natürlich AIDA Cruises mit ungefähr jedem zweiten deutschen Kreuzfahrtkunden absolut mit ein. Die Kreuzfahrt ist das stärkste Wachstumssegment innerhalb des deutschen Tourismus. Große Flexibilität und Routenauswahl, leichte Zugänge und inzwischen viele Reisen, die von deutschen Häfen aus starten. Im Sommer beginnen acht von zehn unserer Reisen in Warnemünde, Kiel oder Hamburg. Die Deutschen planen ihren Kreuzfahrturlaub sehr langfristig.
WAMS: Wie sieht es demgegenüber mit den Möglichkeiten für sehr kurzfristige Buchungen aus?
Eichhorn: Grundsätzlich fahren wir nahezu alle Reisen komplett ausgebucht. Wer kurzfristig aufs Schiff möchte, muss sehr flexibel sein. Meist sind sehr kurzfristig nur wenige oder gar keine Plätze verfügbar. Wir haben deshalb ein vielfältiges Angebot: von einer Drei-Tages-Reise, die in Hamburg, Kiel oder Rostock startet, bis zu 144 Tagen Kreuzfahrt einmal rund um die Welt.
WAMS: Ist die Kreuzfahrt inzwischen ein Ganzjahresgeschäft geworden?
Eichhorn: Das war sie ja immer schon, weil wir der Sonne nachreisen können. Wir bei AIDA Cruises haben es mit einem breiten Angebot und einer großen Differenzierung der Kreuzfahrten geschafft, unsere Kapazitäten gleichmäßig und gut auszulasten. Wir hatten noch nie so ein großes Angebot wie in diesem Jahr, zum Beispiel auch in Nordeuropa, mit der „AIDA Nova“, die jede Woche ab Hamburg startet, und mit der „AIDA Prima“ zusätzlich im Winter ab Kiel. Aus diesen beiden Häfen sind wir in der Saison 2025/26 ganzjährig in den Norden unterwegs. Und das sind besonders nachgefragte Kreuzfahrten, die wir nicht mit Nachlässen in den Markt bringen. Es gibt ein großes Interesse daran, Nordlichter zu sehen, Weihnachts- und Wintergefühle in Norwegen zu erleben und vieles mehr. Wir haben allein 600 Anläufe im Jahr in Norwegen und sind dort der größte Kreuzfahrtanbieter.
WAMS: Hamburg hat sich in den vergangenen 20 Jahren von null an zu einem sehr der größten europäischen Kreuzfahrthäfen entwickelt. Welches Potenzial sieht AIDA Cruises hier?
Eichhorn: Mehr als jeder zweite Kreuzfahrtgast, der in Hamburg seine Reise startet, ist ein Passagier von AIDA Cruises. Hamburg ist für uns einer der wichtigsten Häfen. Wir fahren ganzjährig ab Hamburg. Etliche Projekte der vergangenen Jahre, auch beim Landstrom, zeigen die sehr enge Verbindung der Stadt Hamburg mit uns. Unser nautisch-technisches Herz sitzt in Hamburg in der HafenCity, von dort aus wird der Schiffsbetrieb unserer Flotte betreut. Und bei AIDA Entertainment managen wir die Unterhaltungsprogramme für die gesamte AIDA-Flotte von Hamburg aus. Wir sehen für den Hamburger Hafen natürlich auch weitere Wachstumsmöglichkeiten in dem Maße, wie sich der Markt und auch die AIDA-Flotte weiterentwickelt.
WAMS: Hat die Kreuzfahrtbranche die Folgen der Pandemie bewältigt?
Eichhorn: Über die Branche hinweg gibt es sicher den einen oder anderen Kredit, der während der Pandemie aufgenommen wurde und der noch abzuzahlen ist. Die Kreuzfahrtunternehmen haben die schweren wirtschaftlichen Lasten der Pandemie aus eigener Kraft, ohne staatliche Hilfen bewältigt. Wir als AIDA stehen jedenfalls gesund da.
WAMS: Welche sind für AIDA Cruises die derzeit wichtigsten Trends?
Eichhorn: Es geht vor allem darum, eine große Flexibilität anzubieten. Wir sprachen von Urlaub auf dem Meer von drei Tagen bis zu 144 Tagen. Wir sehen eine deutlich größere Nachfrage nach Reisen nach Nordeuropa. Im Sommer starten acht von zehn Gästen in Nordeuropa bei uns. Und das reicht eben längst weit über die klassische Sommer-Kreuzfahrt hinaus. Im Winter können sie inzwischen auch zu Ski-Wettbewerben in Norwegen fahren.
WAMS: Wer ist Ihr Publikum?
Eichhorn: Wir sehen viele junge Menschen an Bord. Manche nehmen an, eine Kreuzfahrt sei eher etwas für ältere Leute. Das ist bei uns nicht der Fall. Das Durchschnittsalter unserer AIDA-Gäste liegt bei 42 Jahren. Und wir sehen einen Trend zu Mehrgenerationenreisen. Enkel, Eltern und Großeltern verreisen gemeinsam, oft auch in verbundenen Kabinen. Das ist für alle Beteiligten eine sehr schöne und entspannte Erfahrung, weil man etwas gemeinsam machen kann, aber nicht muss. Und wir sehen inzwischen auch viele junge Menschen, die sagen, ich möchte mal eine Kreuzfahrt ausprobieren. Das ist eine schöne Entwicklung für uns.
WAMS: Neben dem Norden – welche neuen Routen haben Sie vor Augen?
Eichhorn: Unsere Schiffe sind global im Einsatz. Und wir haben die Möglichkeit, sie nach Bedarf umzurouten. Nach dem Beginn des Ukrainekrieges zum Beispiel sind die Reisebuchungen für die östliche Ostsee komplett eingebrochen. Inzwischen fahren wir längst wieder nach Tallinn, Riga, Helsinki und Danzig. Abgesehen davon, wachsen auch die Buchungszahlen für das Mittelmeer weiter. Wir fahren in die Karibik, nach Südafrika, und wir sind in Südostasien unterwegs. Wir fahren zu mehr als 350 Häfen in der Welt und können aus einem großen Portfolio schöpfen.
WAMS: Sie setzen derzeit elf Schiffe unterschiedlicher Größen ein. Wie entwickelt sich Ihre Flotte?
Eichhorn: Wir haben 2025 zwei weitere Schiffe bestellt, die zum Ende dieser Dekade zu unserer Flotte hinzustoßen. Unsere etwas kleineren sieben Schiffe der „Selection“-Flotte modernisieren wir im Rahmen des Programms „AIDA Evolution“ nach und nach durchgreifend. „AIDA Bella“ als drittes Schiff dieser Reihe geht nach dem Umbau in zwei Wochen zurück in den Betrieb. Wir investieren dafür je Schiff nahezu 100 Millionen Euro. Vier weitere Schiffe werden in den kommenden zwei Jahren noch folgen. Das zeigt ganz klar, dass auch kleine Schiffe in unserer Flotte Zukunft haben, neben den größeren Schiffen bis hin zu „AIDA Nova“ und „AIDA Cosma“. Die Neubauten werden etwas kleiner sein als die beiden größten Schiffe unserer Flotte. Mit den heute elf Schiffen und den beiden Neubauten sehen wir uns sehr gut und flexibel aufgestellt für das kommende Jahrzehnt.
WAMS: Beim Umwelt- und Klimaschutz wird die Kreuzfahrtbranche besonders genau beobachtet.
Eichhorn: Schiffe, die heute neu in den Dienst gestellt werden, verbrauchen je Passagier nur noch ein Drittel so viel Treibstoff wie ein Schiff, das vor 20 Jahren in Dienst gestellt worden ist. Kein anderer Verkehrsträger hat es in dieser Zeit geschafft, seinen spezifischen Verbrauch um zwei Drittel zu reduzieren. Und trotzdem arbeiten wir natürlich weiterhin daran, unsere Schiffe zu optimieren, den Bestand in der Flotte und die Neubauten. Dabei geht es nicht nur um die Antriebe, sondern um etliche Details, von effizienteren Waschmaschinen über bessere Klimaanlagen bis hin zu einer optimierten Routenplanung.
WAMS: Umweltverbände wie der Nabu in Deutschland interessieren sich vor allem auch dafür, ob und wie viel Landstrom die Kreuzfahrtschiffe im Hafen nutzen.
Eichhorn: Wir sind Pionier beim Landstrom. Jeder zweite AIDA-Anlauf in Nordeuropa findet inzwischen an einer Landstromanlage statt. Wir gehen davon aus, dass wir in Nordeuropa dieses Jahr mehr als 600 Mal eine Versorgung an der Landstromanlage haben. Realität ist fairerweise aber auch, dass von den 15 Anlagen, die es aktuell in Europa gibt, nur eine im Mittelmeer ist. Da muss noch deutlich mehr im Ausbau passieren. Unsere Schiffe sind bereit. Jetzt geht es darum, dass die entsprechende Infrastruktur in den Häfen geschaffen wird, denn zu ungefähr 40 Prozent seiner Einsatzzeit liegt ein Schiff im Hafen. Wir werden in diesem Jahr zum ersten Mal vollständige „Landstromreisen“ anbieten können, und zwar bei 20 Reisen, die von Hamburg und Kiel aus starten. Bei diesen Reisen werden wir in jedem Hafen Landstrom nutzen können, vorausgesetzt, die Anlagen funktionieren an den Tagen, an denen wir dort anlegen.
WAMS: Die „AIDA Nova“ war das weltweit erste Kreuzfahrtschiff mit LNG-Flüssiggas-Antrieb. Verfolgen Sie weiterhin die Strategie, langfristig synthetische, „klimaneutrale“ Kraftstoffe auf ihren Schiffen einzusetzen?
Eichhorn: Ja, absolut, denn wir haben uns in der Kreuzfahrtindustrie verpflichtet, bis 2050 mit Netto-Null-Emissionen unterwegs zu sein. Und daran arbeiten wir auf diesem langen Weg intensiv. Die neuen Schiffe, die jetzt gebaut werden, versuchen wir für die Nutzung von Treibstoffen so flexibel wie möglich zu gestalten, denn sie sind 30, 40 Jahre für uns im Einsatz sind. Allerdings funktioniert der Markthochlauf für strombasierte Treibstoffe international bislang nicht. Diese eFuels – zu bezahlbaren Preisen – sind eine wichtige Voraussetzung für Erfolg beim Klimaschutz.
WAMS: Was müsste die Politik in diesem Sinne vordringlich verbessern?
Eichhorn: Obwohl der maritime Sektor seit drei Jahren in den europäischen Emissionshandel integriert ist, fließen die Erlöse aus den CO2-Abgaben unserer Branche nicht vollständig zurück in den maritimen Sektor. Ein Teil bleibt in Brüssel, ein anderer Teil davon wiederum geht in nationale Budgets. Diese Mittel sollten beispielsweise für den Markthochlauf von strombasierten Kraftstoffen für die maritime Wirtschaft verwendet werden. Wir als maritime Branche haben die klare Erwartung, dass Transparenz hergestellt wird, wie die Einnahmen aus dem Emissionshandel verwendet werden. Sowohl auf europäischer Ebene als auch auf nationaler Ebene in Deutschland.
Der gebürtige Rostocker Felix Eichhorn, 45, steht seit September 2015 an der Spitze von AIDA Cruises, der größten deutschen Kreuzfahrtreederei. Das Unternehmen mit Sitz in Rostock und derzeit elf Kreuzfahrtschiffen gehört zum weltweit größten Kreuzfahrtkonzern, der Carnival Corporation in Miami. Eichhorn studierte Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsakademie Hamburg und absolvierte das General Management Program der Harvard Business School in Boston. Für AIDA Cruises arbeitet er seit 1999. Eichhorn gehört den Führungsgremien mehrerer Branchenverbände an.
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Häfen und Werften.




















