Kreml drosselt Messenger Telegram | FAZ | ABC-Z

Die Medienaufsicht Roskomnadzor hat in der vergangenen Woche in ganz Russland die Datenströme des Messengers Telegram gedrosselt, um die Bürger in die staatlich kontrollierte App namens „VK Max“ zu drängen. Davon betroffen waren mehr als 90 Millionen Telegram-Nutzer. Der 2013 von den Brüdern Nikolai und Pawel Durow gegründete Dienst ist binnen eines Jahrzehnts zur wichtigsten Kommunikationsplattform in Russland avanciert. Dazu trug von Anfang an das Versprechen der Gründer bei, dass Telegram vor Eingriffen des Staates sicher sei. Parallel zum seit 2014 von Russland gegen die Ukraine geführten Krieg wurde Telegram zum zentralen digitalen Scharnier, das private und öffentliche Kommunikation verschränkt.
Der Gouverneur von Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, informiert die Einwohner der Region in der Nähe der ukrainischen Grenze per Telegram über Kampfhandlungen der ukrainischen Streitkräfte. Der Chefpropagandist des russischen Angriffskriegs, Wladimir Solowjow, hält auf Telegram seine 1,2 Millionen Follower im Minutentakt über die „Erfolge“ der russischen Streitkräfte bei der Zerstörung ukrainischer Heiz- und Transportinfrastruktur auf dem Laufenden. Der russische Soldat Anatolij Dremow berichtet aus dem Kriegsgebiet in den besetzten Gebieten im Osten der Ukraine, um Spenden für Aufklärungsdrohnen für seine Kosakeneinheit zu sammeln. Auf Telegram erhält er von seinen über 20.000 Fans unmittelbar Rückmeldungen in Form Dutzender Herzen, Flammen und anderer Smileys. Nach jeder Spendenaktion dokumentiert Dremow die Ankunft der Drohnen aus chinesischer Produktion mit einem kurzen Film.
Der Kreml-Ideologe ist außer sich
Wenige Stunden nach dem Beginn der staatlichen Drosselung von Telegram protestierten russische Soldaten, weil sie die Plattform zur Koordination ihrer Logistik an der Front verwenden. Der Kreml-Ideologe Alexander Djukow beschwert sich umgehend: „Ich sende gerade ein Manuskript zum Satz und schicke gleich eine Hassbotschaft an Roskomnadzor hinterher. Telegram läuft so langsam, dass es 15 Minuten dauert, 669 Kilobyte zu senden.“ Die Reaktionen der Leser sind eindeutig: 315 Nutzer senden einen Tränen-Smiley, 242 stimmen zu 100 Prozent zu, 119 sind wütend. Der Gouverneur Gladkow informiert auf Telegram in einem eigens aufgenommenen Video mit einer Spur von Trauer, dass es Zeit sei, auf die staatliche Plattform VK Max zu wechseln. Experten gehen davon aus, dass die Entscheidung der Medienaufsicht Teil der staatlichen Strategie ist, alle Bürger zu zwingen, auf die Max-Version der Facebook-Kopie VKontakte zu wechseln.
Diese Entwicklung ist das nächste Kapitel in einer digitalen Plattform-Soap-Opera, denn VKontakte war das Projekt, mit dem die Durow-Brüder ihren ersten großen Erfolg feierten. Nachdem der Druck des Inlandsgeheimdienstes FSB gestiegen war, Zugang zu den Nutzerdaten zu gewähren, verkauften sie ihre Plattform-Anteile und gründeten mit dem Kapital Telegram als technologische Antwort auf die Kontrollversuche. Die neue umfassende VKontakte-Version Max wurde von einem staatsnahen Konsortium entwickelt, um private Kommunikation und die gesamte Interaktion mit staatlichen Stellen in einer digitalen App mit Klarnamenpflicht zu bündeln. Seit September 2025 ist sie auf allen neu in Russland ausgelieferten Smartphones vorinstalliert. Eine Nutzung der Dienstleistungen ist erst nach Registrierung mit Passdaten möglich. VKontakte Max ermöglicht staatliche Überwachung auf einem Niveau wie in China.
Die Menschen kontrollieren wie in China
VKontakte Max verzahnt eine Vielzahl staatlicher Dienstleistungen: die digitale Anmeldung des Autos, Fragen zur Nebenkostenabrechnung von Wohnungen, Termine bei lokalen Verwaltungen, die Kommunikation mit Lehrern und die Dokumentation von Zensuren in der Schule, eine russische Alternative zum Bezahldienst Paypal, die digitale Patientenakte und vieles mehr. Max ist der Versuch, all diese staatlich kontrollierten Vorgänge mit einem digitalen Messenger zu verbinden, den die Bürger auch privat nutzen sollen. Bereits jetzt wird die Anwendung in den besetzten Gebieten im Osten der Ukraine systematisch eingesetzt, um die Bevölkerung zu kontrollieren.
Die Drosselung von Telegram ist auch ein Eingeständnis, dass der russische Staat nicht über die technischen Möglichkeiten verfügt, den Messenger vollständig zu blockieren. Bereits 2018 hatte Roskomnadzor versucht, Telegram durch die Blockierung von Millionen IP-Adressen zur Aufgabe zu zwingen. Dabei entstand ein erheblicher volkswirtschaftlicher Schaden, weil die Dienstleistungen zahlreicher Unternehmen von der Sperre ebenfalls betroffen waren. Da Telegram weiterhin als Relaisstation für private und öffentliche Kommunikation funktioniert, postet Gouverneur Gladkow auch nach der Drosselung seine Mitteilungen an die Einwohner von Belgorod. Die Solowjow-Propagandamaschine läuft weiterhin über die Plattform. Der Ideologe Djukow verbreitet über seinen Kanal die Fake News, laut der sich der belarussische Präsident Lukaschenko gegen die Sperrung digitaler Dienste ausgesprochen habe.
Noch läuft ein großer Teil der privaten Kommunikation in Russland über die Durow-App. Millionen Bürger sind gewohnt, Telegram ebenso weiter zu nutzen, wie sie seit 2022 gesperrte Dienste von US-Konzernen wie Instagram oder Youtube verwenden. Dafür muss man nur einen VPN-Tunnel installieren. Im Fall von Youtube halbierten sich die täglichen Nutzerzahlen indes innerhalb von drei Jahren von über 50 auf etwa 25 Millionen. Die andere Hälfte nutzt inzwischen die vom russischen Staat geförderten Plattformen RuTube oder VK Video. Jede weitere Einschränkung verstärkt die Herausbildung eines vom russischen Staat kontrollierten Internets sowie die Versuche eines Teils der Bevölkerung, diese aus Gewohnheit und Selbstschutz zu umgehen.
Die Drosselung von Telegram zeigt, dass das Regime die umfassende digitale Kontrolle aller Bürger anstrebt, aber noch nicht über die technischen Möglichkeiten verfügt, dieses Ziel zu erreichen, ohne zugleich gesellschaftlichen Widerstand zu wecken. Für die zahlreichen russischsprachigen Medienprojekte, die vom Ausland aus agieren, ist es zurzeit noch möglich, ihre Inhalte über Telegram, Youtube und andere Plattformen nach Russland zu transportieren. Die Veränderung der Telegram-Nutzerzahlen in den kommenden Monaten wird Auskunft darüber geben, wie lange das noch funktioniert.
Der Autor leitet an der Fernuniversität in Hagen eine Hans-Böckler-Nachwuchsforschungsgruppe zur Geschichte digitaler Kriegsöffentlichkeiten.





















