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Wandertipp nach Groß-Umstadt: So wandern Sie zur Odenwälder Weininsel | ABC-Z

Nicht ohne Stolz nennt sich Groß-Umstadt „Odenwälder Weininsel“. Auf den ersten Blick mag es überraschen, Reben in einem Mittelgebirge fernab der großen Anbaugebiete anzutreffen. Beim genauen Hinsehen erklären Bodengüte – mineralreicher Löss auf wärmespeicherndem Gneis oder Quarzporphyr – sowie die Lage im klimatisch begünstigten Norden diese Ausnahmestellung. Kaum zu unterschätzen ist das Bewusstsein der rund 100 überwiegend nebenberuflichen Winzer, zum Bewahren eines über Jahrhunderte gewachsenen Kulturerbes beizutragen.

Es war das Kloster Fulda, das fern seiner engeren Besitzungen mit der Traubengewinnung ein Zeichen der Zugehörigkeit setzte. Wann genau die Rebpflege im Weinberg des Herrn begann, ließ sich nie genau sagen; vermutet wurde zwischen dem 10. und 11. Jahrhundert. Doch neuerliches Aktenstudium verlegte die Anfänge viel weiter zurück – exakt ins Jahr 775 nach Christus.

Dennoch verzichtete die Gemeinde darauf, das unvermutete Geschenk eines 1250-Jahr-Jubiläums gebührend zu begehen. Mangels datierbarer Urkunde belässt man es beim Hinweis, die Ersterwähnung sei als Mittelwert verschiedener Quellen zu sehen. Auf einige Jahre mehr oder weniger kommt es ohnehin nicht an, gibt es doch untrügliche Beweise für den Anbau schon unter den Römern in Form von zwei mit Traubendarstellungen gezierten Sandsteinblöcken. Entdeckt wurden sie 1968 bei der Restaurierung der spätgotischen Stadtpfarrkirche, als unter dem Fundament eine Villa rustica zum Vorschein kam. Die Arbeiten hängen heute im hinteren Langhaus.

Der Wein schenkte Groß-Umstadt bis ins 17. Jahrhundert hinein eine gewisse Wohlhabenheit. Das machte es zu einem begehrten Pfandobjekt und führte zu Doppelherrschaften. Sieben prachtvoll sanierte Adelshöfe und Verwaltungssitze belegen dies ebenso wie das Renaissance-Rathaus am Marktplatz mit seiner schmucken Ausgestaltung. Die am Dachtrauf stehenden Figuren Justitia, die Gerechtigkeit, und Prudentia, die Klugheit, sollten den Bürgern kundtun, dass im Rathaus unbestechlicher Geist waltet.

Eigentlich müsste auch Weingott Bacchus gehuldigt werden. Nach eher bescheidenen Jahrzehnten steigerte die Gründung einer Winzergenossenschaft 1959 erheblich Ertrag und Qualität. Die Gesamtfläche hat sich auf knapp 100 Hektar fast verdoppelt. Die Entscheidung von 1971, gemeinsam mit der 30 Kilometer entfernten „Provinz Starkenburg“ das Anbaugebiet Hessische Bergstraße zu bilden, war offenkundig gut. Gemessen an der gerade einmal 480 Hektar umfassenden Gesamtgröße, schlägt sich das Motto „klein, aber fein“ nicht zuletzt in überdurchschnittlich vielen Prämierungen nieder.

Das Renaissance-Rathaus am Marktplatz von Groß-Umstadt hat eine schmuckfreudige Ausgestaltung.
Das Renaissance-Rathaus am Marktplatz von Groß-Umstadt hat eine schmuckfreudige Ausgestaltung.Thomas Klein

Wegbeschreibung

Wie alles in Beziehung steht, welche Sorten ausgebaut werden, was die einzelnen Lagen unterscheidet oder worin das „Geheimnis der Wasserhäuschen“ liegt, das erläutert ein aufwendiger, zwei Kilometer langer Weinlehrpfad durch die mit 34 Hektar größte Rebfläche Herrnberg. Er beginnt am Naturparkplatz Hainrichsberg an der nordöstlichen Ecke.

Schöner ist es natürlich, von der westlichen, der Stadtseite in den Hang einzusteigen. Im Ort fehlt es nicht an Parkmöglichkeiten: Hinter dem Darmstädter Schloss („Altstadt“) gibt es Stellflächen, die kostenfrei sind – wie die meisten am Wochenende. Bei geringer Tagesgebühr bietet auch das Parkhaus vor der Kreisklinik viel Platz. Von dort geht es durch das gehobene Eigenheimquartier die Krankenhaus- und Röntgenstraße hinauf.

Startet man am Bahnhof, gelangt man mit der St.-Peray- und Carlo-Mierendorff- zur Realschulstraße, wahlweise dann auf der Pfälzer- oder Curtigasse, vorbei am Wambolt’schen Schloss, zum Marktplatz. Seine Weite lässt Stadtkirche und Rathaus noch beeindruckender wirken. Bemerkenswert ist zudem, dass die „gute Stube“ der Stadt ringsum stilvolle Gastronomie säumt.

Mit dem Zeichen gelber Doppelstrich bleibt das Ensemble zurück, wenn man durch die fachwerkgesäumte Untere Marktstraße läuft. Sie endet an einer Kreuzung, auf der anderen Seite geht es weiter auf der Straße Am Steinborn, die in einen ansteigenden Hohlweg übergeht. Er leitet zu den ersten Rebzeilen, lediglich unterbrochen vom südafrikanischen Restaurant „Farmerhaus“. Wenige Schritte dahinter geht man nach rechts zum Weinlehrpfad. Der befestigte Weg leitet per Linksbogen in den von bunter Sortenfolge geprägten Hang und dann geradeaus auf das nahe Wäldchen zu, vor dem man mit gelber Ziffer 4 nach rechts geht.

Entdeckt wurden die Plastiken bei Restaurierung der spätgotischen Stadtpfarrkirche 1968, als unter dem Fundament eine Villa rustica zum Vorschein kam. Die Arbeiten hängen heute im hinteren Langhaus.
Entdeckt wurden die Plastiken bei Restaurierung der spätgotischen Stadtpfarrkirche 1968, als unter dem Fundament eine Villa rustica zum Vorschein kam. Die Arbeiten hängen heute im hinteren Langhaus.Thomas Klein

Sie zeigt nach etwa 300 Metern nach links eine Etage tiefer – Auftakt für den Abstieg bei mehrmaligem Richtungswechsel ins obstbaumbestandene Tal. Jenseits der Senke gewinnt man zwischen Feldern geradeaus wieder an Höhe. Oben am Waldrand wendet man sich nach links und läuft eine Weile auf einem Wiesenweg mit schöner Aussicht dem nächsten Forst entgegen, womit moderates Steigen einsetzt.

Rund 500 Meter später wird – unverändert geradeaus – die schon zuvor aufgetretene Kombination U 1 relevant. Knapp einen Kilometer weiter hat sie ihre Schuldigkeit getan, es sei denn, man kürzt mit ihr links gen Rödelshäuschen stark ab. Ansonsten gilt jetzt, nach rechts, das Zeichen gelbes V. Es ist etwas verblasst, spielt allerdings auf den 700 Metern geradeaus bis zum Anschluss links an das rote Kreuz in Richtung Pferdsbach-/Sausteigtal keine Rolle. Von dieser Kreuzung lohnt es übrigens, einen 250 Meter langen Abstecher zum vollständig mit entsprechenden Motiven bemalten „Hexenhäuschen“ zu unternehmen.

Das Kreuz führt durch urwüchsigen Wald ins Tal. Dort überrascht ein Feuchtbiotop: Auf einen Tümpel folgen links Eschen, Birken und in Offenland dunkelgrüne Seggenbüschel. Dass der Wald zurücksteht, entstammt Zeiten, als an der „Sausteige“ die Umstädter Schweine gehütet wurden. Schatten spendete die wenigstens 300 Jahre alte, gut 29 Meter hohe Brunneneiche, auf die man am Ende der Wiese trifft. Kurz davor kann ebenfalls gen Rödelshäuschen verkürzend zurückgekehrt werden.

Regulär bleibt das rote Kreuz bei neuerlichem Anstieg erhalten, hinter dem Linksschwenk oben wird es von einem roten X ergänzt. Die Zeichen verlaufen weiterhin in Mischwald, ehe sie eine Viertelstunde später an der vielarmigen Kreuzung nach links gegen den gelben Doppelstrich zu tauschen sind. Der hat kaum mehr zu tun, fast ebenen Weges läuft man durch eine abwechslungsreiche Galerie aus Fichten, Buchen, Kiefern und Kastanien. Sie bietet in natura Anschauung für das zu einer waldpädagogischen Einrichtung gewandelte Rödelshäuschen.

Auch der vormalige Unterstand einer großen Baumschule ändert nichts am Geradeaus durch den Wald. Eine Öffnung kommt im richtigen Moment: Gegenüber liegt der vulkanisch geformte Otzberg und etwas tiefer ein eiszeitlicher Flutgraben. Ihn überspannt eine kleine Hängebrücke. Sie war lange Zeit gesperrt, darf aber nach vollständiger Erneuerung nun wieder betreten werden.

Jetzt ist es auch nicht mehr weit zum Naturparkplatz „Hainrichsberg“. Man kann dessen Zufahrtssträßchen direkt nutzen oder in Höhe der hellgrünen Weinbergshütte – einer der letzten historischen – in den Rebhang wechseln und dann wenige Meter weiter rechts wie gekommen zurücklaufen.

Anfahrt

Groß-Umstadt liegt im nördlichen Odenwald nahe der B 45. Als „Altstadt“ ist der zen­trale Parkplatz ­ausgeschildert. Von der Bahn wird die Gemeinde direkt oder via Hanau angefahren.

Sehenswert

„Klein, aber fein“ trifft nicht nur die Besonderheit eines isoliert ­liegenden Weinanbaugebietes im ­nördlichen Odenwald von insgesamt 95 Hektar Größe, das an der ­Hauptlage Herrnberg von einem zwei ­Kilometer langen Lehrpfad ­erschlossen ist. Die Titulierung ­umschreibt aber auch die Altstadt, die ungewöhnlich viele Sakral- und herrschaftliche Bauten besitzt. ­Ortsbeherrschend ist die evangelische spätgotische Stadtkirche auf ­römischen Fundamenten. Die Villa rustica barg „Traubensteine“, die nun im Langhaus hängen. ­Gegenüber steht das um 1600 ­errichtete Rathaus mit typischen ­Renaissance-Elementen: Voluten, Pylonen, Wappenzier und allegorischen Figuren. Aus der gleichen ­Erbauungszeit stammt das hufeisenförmige Wambolt’sche Schloss, nur eines von vier weiteren Schlössern wie dem Pfälzer über hohem ­Steinsockel oder dem gotisch-­barocken Darmstädter.

Einkehren

„Farmerhaus“, südafrikanisches ­Restaurant, Telefon 0 60 78/91 11 91, mittwochs bis samstags jeweils von 18 Uhr an geöffnet, sonntags bis dienstags Ruhetage.

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