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Krank mit Kind: RSV, mit freundlichen Grüßen! – Gesellschaft | ABC-Z

Seit der Pandemie ist es kompliziert geworden, einfach mal erkältet zu sein. Bei all den Hobby-Virologen im mittlerweile zwölften Semester fühle ich mich irgendwie verpflichtet, Kollegen, Nachbarn und Kita-Personal klare Diagnosen zu präsentieren, wenn ich schniefend und triefend vor ihnen stehe und versuche, so etwas wie einen Alltag aufrechtzuerhalten. Früher habe ich mich hingelegt, wenn es gut lief, zwei Staffeln „Breaking Bad“ geguckt und tagelang nur Kontakt mit dem sehr verständnisvollen Essenslieferanten gehabt, dem ich hiermit übrigens einen Heiratsantrag für mein nächstes Leben mache. Heute lege ich mich nicht mehr hin. Ich schaue kein „Breaking Bad“ mehr. Ich esse gesundes Zeug, das mein Immunsystem auf Kurs bringen soll. Meine Droge ist Aspirin Complex. Am schlimmsten aber: Bei leider unvermeidbarem Kontakt mit anderen Menschen klinge ich, als würde ich „MfG“ von den Fantastischen Vier neu interpretieren, grippal interpretieren: RSV, Sars, Noro, H1N1, mit freundlichen Grüßen!

Völlig egal, was es diesmal wieder ist, ich hatte sie alle.

Als Mutter einer vierjährigen Tochter, die eine Kita besucht, stehe ich jedes Jahr auf Neue vor folgendem Problem: Von Oktober bis März wird jeden Tag eine neue potenzielle Seuche bei mir zu Hause eingeschleppt. Krank darf ich aber nicht werden.

Wurde ich vergangene Woche aber, ziemlich plötzlich, als hätte mich irgendwas Gewaltiges gestochen. Am ersten Tag bat ich meinen Freund, mich von allen elterlichen Pflichten zu entbinden, was er, sagen wir gefasst, aufnahm. Am zweiten Tag schaltete ich mich noch in Videokonferenzen ein und legte nachmittags acht Kilometer mit dem Fahrrad zur Kita zurück, weil die Bahnen streikten. An Tag drei konnte ich gar nichts mehr. Mein Freund begann nebenan bedrohlich zu husten, konnte dann auch gar nichts mehr. Nur unsere Tochter, die hatte noch mehr Energie als sonst. Vielleicht auch, weil ich versucht hatte, mir mit der Zufuhr von Traubenzucker-Lollis aus der Apotheke etwas Ruhe zu erkaufen.

Während ich also siechend dalag und mein Freund und ich sehr gleichberechtigt darüber diskutierten, wer nun acht Kilometer zur Kita fährt und mit Schüttelfrost auf dem Spielplatz stehen muss, drifteten meine Gedanken zusehends ab. Ich dachte darüber nach, was eigentlich die schlimmste Konstellation ist: Kind krank/Eltern gesund, Kind krank/Eltern krank und kam letztlich auf das aktuelle Szenario: Kind gesund/beide Eltern krank. Das ist Next-Level-Selbstmitleid, ich weiß.

Nur steigerbar, indem meine Tochter nachmittags von der „Mission Feel Good“ berichtete, einer Entdeckungsreise durch die eigene Gefühlswelt, die momentan im Kindergarten abgehalten wird. Ein sinnvolles Ansinnen. Auch für Eltern. Wie wirken RSV und Noro auf meinen heruntergewirtschafteten Emotionshaushalt? Für wie verroht hielte mich Friedrich Merz, wenn er wüsste, dass ich mich telefonisch habe krankschreiben lassen? Wieso kann ich der Tatsache, nicht krank werden zu dürfen, nur mit Wut begegnen? Und was macht mich glücklich?

Dass ich seit der Pandemie über meine viralen Infekte in aller Ausführlichkeit sprechen darf. Macht man heute so.

In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

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