Wirtschaft

Kostümdesignerin Mona May über Neunziger-Looks, Clueless und Vintage-Mode | ABC-Z

Leichte Aufregung liegt in der Luft. Dabei ist man in der Theaterkunst Berlin große Namen gewohnt. Der 1907 gegründete Kostümfundus in Berlin-Wilmersdorf beherbergt etwa zehn Millionen Kostüme und Accessoires, die auf Theaterbühnen, in Fernseh- und Kinoproduktionen zum Einsatz kommen. Was zum Beispiel in der jüngsten „Frankenstein“-Neuverfilmung zu sehen ist, in „Der Medicus 2“, in Serien wie „Maxton Hall“, „Babylon Berlin“ und „Ku’damm 77“, hing zuvor in diesem Kostümfundus.

Auch Mona May hat hier schon ausgeliehen. Sie ist eine der bekanntesten Kostümdesignerinnen Hollywoods und ein Beispiel dafür, dass der Einfluss von Filmkostümen auf die Mode Jahrzehnte andauern kann. Ihre Kostüme für „Clueless“, eine Adaption von Jane Austens „Emma“ mit auffallend gut, teuer und mutig gekleideten jungen Leuten in Beverly Hills, zeigten 1995 Jugendliche ganz anders als zuvor: Statt zerfetzter Jeans, Schlabbershirts und verkehrt herum sitzender Caps trugen sie Blazer, kurze Röcke mit Karomuster, Kniestrümpfe, geschickte Lagenlooks, adrette Baskenmützen und ausgefallene Hüte.

Als May im Berliner Fundus erscheint, ist klar: Der Stil, den sie mit Karos und Knallfarben, Witz und Weiblichkeit prägte, kommt ihrem eigenen nahe. Zu Baskenmütze, Lippenstift und Schuhen in leuchtendem Rot trägt sie einen blau-rot-weiß karierten Hosenanzug. Hinter dem grünen Brillengestell wandert ihr neugieriger Blick umher. Sie selbst hat mindestens so viele Fragen, wie ihr gestellt werden, posiert geduldig und begeistert für Fotos mit allen, die darum bitten.

Ikonische Looks der 90er-Jahre wurden durch Mona May geschaffen

Kleidung etwas über Charaktere erzählen zu lassen, ohne diese zu überstrahlen, ist eine Herausforderung. Looks zu erkennen, die auch Jahrzehnte später begeistern, eine noch größere. Das Kleine Schwarze aus „Frühstück bei Tiffany“ und das Polka-Dot-Kleid aus „Pretty Woman“ sind solche Klassiker – so wie das gelb-schwarz karierte Kostüm aus „Clueless“. Das Original von Jean Paul Gaultier wurde oft zitiert, etwa 2014 von Musikerin Iggy Azalea und 2025 bei der „Vogue World“-Schau. Auch den Einband von Mays 2025 erschienenem Buch „The Fashion of Clueless“ ziert das Muster.

Mona May hat unter anderem die Teenager-Komödie „Clueless“ eingekleidet und damit die Kleidung der Jugend bis heute stark geprägt.Jens Gyarmaty

Mona May kam als Tochter einer deutschen Mutter und eines polnischen Vaters in Indien zur Welt. Sie wuchs in Berlin und Warschau auf und studierte in New York und in ihrer heutigen Wahlheimat Los Angeles. Von 1989 an schuf sie Kostüme für mehr als 70 Kino- und Fernsehproduktionen, neben „Clueless“ auch für „Romy und Michele“ mit Mira Sorvino und Lisa Kudrow, „Ungeküsst“ mit Drew Barrymore, „Eine Hochzeit zum Verlieben“ mit Adam Sandler sowie Animationsfilme wie „Stuart Little“.

Mays Einfluss von damals ist gerade besonders sichtbar. Die Renaissance der Mode der Neunziger dauert an. Nach Jahren des „Quiet Luxury“ und des „Cocooning“ sind große Muster und Bonbonfarben, schimmernde Pailletten und akkurate Taillen, (Kunst-)Fell und Federn wieder da. Federn sind ein Markenzeichen von Mona May, sie passen zu ihrer Liebe zum Detail, die auch im Gespräch immer wieder zur Sprache kommt.

Frau May, mehr als 30 Jahre nach der Premiere von „Clueless“ inspiriert die Mode des Films noch immer – auch Menschen, die die Neunzigerjahre gar nicht selbst erlebt haben. Woran liegt das?

Wir schufen damals eine völlig neue Welt, eine Art Pendant zu Diors „New Look“ von 1947, nur eben für 1995. Mädchen und junge Frauen begannen, sich feminin zu kleiden und sich dabei stark zu fühlen, Magazine wie „Vogue“ und „Women’s Wear Daily“ berichteten. Zuvor trugen die meisten Jugendlichen weite Hosen und Shirts, Mädchen waren kaum von Jungen zu unterscheiden. Die Mädchen aus „Clueless“ aber waren sehr modisch, kauften ihre Kleidung mit Papas Kreditkarte und ließen sich von den Schauen in Paris und London inspirieren. Aber sie waren auch erst 16 Jahre alt, entsprechend gestaltete ich ihre Kleidung: Ich mischte High-End- mit Streetwear-Marken und schuf Looks aus mehreren Lagen.

Die Layering-Idee half damals auch Jugendlichen mit wenig Taschengeld, aus Vorhandenem neue Outfits zu kreieren. Das schwarze Trägertop, das die Hauptfigur Cher beim Sportunterricht über dem weißen T-Shirt trägt, ist ein häufig kopierter Look.

Eine einfache Idee, aber damals war sie neu. Mittlerweile kann man sogar schon zusammengenähte Tops und T-Shirts kaufen. Der Mix von Secondhand- und Luxuskleidung war ebenfalls neu. Er entstand auch, weil ich mit 200.000 Dollar kein großes Budget hatte. Mit etwa 25 Millionen Dollar war das Budget für den gesamten Film vergleichsweise klein. An einer Geschichte über weibliche Jugendliche hatte damals kein Studio außer Paramount Interesse. Filme wie „Mean Girls“ kamen erst später. Für mich war die Arbeit an diesem Film gleich zu Anfang meiner Karriere dennoch ein wahr gewordener Traum. Das kleine Budget zwang mich, erfinderisch zu sein. Ich kaufte viel in Secondhandläden, unsere Schneiderin passte die Stücke dann an. Am Ende saßen sie perfekt und sahen aus wie Haute Couture.

In Europa erleben wir gerade einen regelrechten Secondhand- und Vintage-Boom.

Immer mehr Menschen greifen lieber zu Bewährtem, statt ständig neue Polyesterkleidung zu kaufen. In Europa ist diese Einstellung besonders verbreitet, hier trägt man denselben Mantel viel länger, wenn er gut verarbeitet ist. Gleichzeitig gibt es heute so viel schlecht sitzende und billig verarbeitete Fast Fashion, dass viele gar nicht mehr wissen, was gut aussieht.

Mona May schreibt Autogramme.
Mona May schreibt Autogramme.Jens Gyarmaty

Neben Fast Fashion gibt es heute auch soziale Medien. In den Neunzigern brauchte man Magazine und jemanden wie die Filmfigur Cher, um zu wissen, was angesagt war.

Vieles hat sich zum Guten gewandelt: Wir erleben heute mehr Körperakzeptanz und Geschlechterfluidität. Aber es gibt auch Negatives. Vor allem junge Frauen stehen unter großem Druck. Das treibt auch die Mode in Extreme: Riesige Schulterpolster und Silhouetten, in denen Frauen fast verschwinden – verleiht das wirklich Selbstbewusstsein? Vielleicht sind die Filmoutfits noch immer so beliebt, weil sie schick und zeitlos sind: A-Linien-Röcke, Empire-Taillen, Caban-Mäntel, Twinsets.

Ahnten Sie, dass die Begeisterung für den Film und seine Mode so lange anhalten würde?

Nein. Als Künstlerin darf man über so etwas auch nicht nachdenken, sonst wäre man wie gelähmt. Der Erfolg ist natürlich auch Amy Heckerling und ihrem phantastischen Drehbuch zu verdanken. Und der Kamera von Bill Pope, der auch Schuhe und Schmuck in den Blick nahm. Das Publikum konnte alle Details sehen, alle Stoffe, Farben, Accessoires. Auch die der Neben- und Statistenrollen. Wenn ich heute bei Screenings dabei bin, sage ich immer: „Achtet auch auf die Statisten!“ Manche wissen gar nicht, dass auch für sie jedes Detail vom Hut bis zum Schuh sorgfältig ausgewählt war. Wenn ich Filmkostüme entwerfe, fühle ich mich wie eine Malerin, die die ganze Leinwand im Blick hat.

Fast jede Person, die den Film kennt, hat ein Lieblingsoutfit. Welches ist Ihres?

Das ist, als würden Sie eine Mutter fragen, welches ihr Lieblingskind ist. Das gelbe Karo-Kostüm wird immer das berühmteste Outfit bleiben. Aber ich liebe auch das rote Alaïa-Kleid. Im Drehbuch war nur die Rede von einem festlichen, „erwachsenen“ Kleid. Ich ging auf die Suche, fand das Alaïa-Kleid und verliebte mich sofort. Mit 3000 Dollar lag es weit über meinem Budget, also riefen wir im Atelier von Alaïa an – damals kam man bei Designern noch durch. Alaïa lieh uns tatsächlich das Kleid, und als der Film herauskam, war sein Name in fast ganz Amerika ein Begriff.

Auch in Deutschland hörten damals viele zum ersten Mal seinen Namen.

Den Satz, in dem er fällt, schrieb Amy erst ins Drehbuch, als wir das Kleid längst hatten. Ähnlich war es mit Calvin Klein: Im Drehbuch stand, Cher trage „ein sehr unpassendes Kleid“. Wir fanden ein figurbetontes Kleid aus Baumwollstretch in fast jungfräulichem Cremeweiß von Calvin Klein. Es erinnert an ein Unterkleid, ohne zu freizügig zu sein. Der transparente Mantel dazu inspirierte Amy dann zu dem berühmten Dialog, in dem der Designername fällt. Eine so symbiotische Beziehung zu einer Regisseurin gibt es selten.

„Was zur Hölle ist das?“, sagt Chers Vater. Darauf Cher: „Ein Kleid?“ Der Vater: „Sagt wer?“ Und Cher: „Calvin Klein.“ Wo liegt für Sie die Grenze zwischen der Nennung einer Marke als Teil der Geschichte und reiner Produktplatzierung?

Ich wählte die Kleider aus, die Dialoge dazu entstanden erst später. Die Designer erfuhren erst nach Start des Films, dass sie darin vorkommen. Heute werden Marken in Serien und Filmen auch oft erwähnt, weil sie Outfits zur Verfügung gestellt haben oder die Produktion dafür Geld bekommt. Möglicherweise denken Menschen, die „Clueless“ heute zum ersten Mal sehen, dass damals schon die PR-Maschinerie auf Hochtouren lief, weil sie es nicht mehr anders kennen. Aber das war nicht der Fall.

Neben „Clueless“ brachten auch Neunzigerjahre-Klassiker wie „Pretty Woman“ ikonische Looks hervor. Heute sind eher Fernsehserien wie „Emily in Paris“, „Succession“ und „White Lotus“ stilprägend. Woran liegt das?

Das Geschäft hat sich verändert, es gibt weniger Studios. Paramount ist mit Skydance fusioniert, Netflix übernimmt Warner Bros. Streaminganbieter produzieren vor allem, um Abonnements zu verkaufen, es geht eher um Content als um Filme. Ich hatte das große Glück, meine Karriere in einer Zeit zu starten, in der es noch Raum und Zeit für künstlerische Gestaltung gab. Wir saßen mit Produktionsdesignern und Regisseuren zusammen, sprachen über Stoffmuster und Farben. Heute bleibt oft nicht einmal mehr Zeit für Anproben mit den Schauspielern.

Das Polka Dot Kleid aus dem Film „Pretty Woman“ ist heute ein ikonischer Look.
Das Polka Dot Kleid aus dem Film „Pretty Woman“ ist heute ein ikonischer Look.Picture Alliance

Was hat sich noch verändert?

Der rote Teppich. Gerade erst las ich einen Artikel über die besten Red-Carpet-Looks des vergangenen Jahres. Dabei tragen viele nur noch, was Stylisten für sie zusammenstellen. Es sollte also eher eine Liste der besten Stylisten geben. Früher hatten Persönlichkeiten wie Cyndi Lauper ihren eigenen, authentischen Stil. Heute ist vieles gleichförmig und ähnlich. Sogar die Gesichter. Die Normalisierung von Schönheitsoperationen thematisierte „Clueless“ auf humorvolle Weise. Damals sah man in Beverly Hills auf den Nasen junger Frauen manchmal diese Bandagen, die wir im Film aufgriffen. Wir konnten aber nicht vorhersehen, dass sich heute fast jeder operieren lässt. Ich werde oft gefragt, wie der Film heute aussehen würde. Das ist eine schwierige Frage, denn wir sind nicht mehr so unschuldig und unbekümmert.

Ist die verspielte Mode der Neunziger deshalb wieder so beliebt?

Mode ist zyklisch, aber ich denke, dass sich viele Menschen nach etwas sehnen, das ihnen Halt und Sicherheit gibt. Das tun auch viele Looks aus dem Film: Sie bieten etwas, worauf man zurückgreifen kann, das sich gut anfühlt, an schöne Zeiten erinnert und einfach Spaß macht.

Welche Modesünden der Neunziger möchten Sie lieber nicht wiedersehen?

Supertief sitzende Jeans – die waren furchtbar. Aber ich liebe bauchfreie T-Shirts und bin froh, dass es sie noch gibt.

Gibt es aus Ihrer Sicht ein Alter, von dem an man zu alt für ein bauchfreies T-Shirt ist?

Das kommt auf die Figur an. Man kann auch mit 80 einen tollen Körper haben. Der muss nicht perfekt sein oder eine bestimmte Größe haben, dank Body Positivity sind wir da heute viel offener. Man muss sich nur in seiner Haut wohlfühlen.

Mona May im Fundus der Theaterkunst in Berlin
Mona May im Fundus der Theaterkunst in BerlinJens Gyarmaty

Wünschen Sie sich angesichts des Revivals der Neunzigerjahre-Mode manchmal mehr Anerkennung? Immerhin haben Sie sie entscheidend mitgeprägt, auch mit Kostümen für Filme wie „Romy und Michele“ und „Ungeküsst“.

In erster Linie bin ich stolz darauf, Menschen und besonders Mädchen und junge Frauen dazu inspiriert zu haben, mit ihrer Garderobe zu experimentieren und Spaß an Mode zu haben.

Ein Magazin nannte Sie einmal die „Königin der Neunzigerjahre-Mode“. Fühlen Sie sich auf diese Ära beschränkt?

Nein. Ich empfinde diesen Titel als große Ehre. Und ich habe bewiesen, dass ich alles andere als ein One-Hit-Wonder bin.

Schlägt Ihr Herz noch heute fürs Kostümdesign?

Ich liebe diesen Beruf. Es begeistert mich, Charaktere und Welten zu erschaffen. Aber ich widme mich auch verstärkt dem Unterrichten und dem Mentoring. Junge Leute haben es heute schwer. Ihnen wird suggeriert, ständig in den sozialen Medien präsent sein und sich gut verkaufen zu müssen. Sie zu inspirieren, eine eigene Perspektive zu finden, authentisch und neugierig zu bleiben und meine Leidenschaft an sie weiterzugeben, das ist meine Mission. „Clueless“ hilft mir dabei – wenn ich ein Klassenzimmer betrete, finden die Studenten mich von Anfang an cool und hören mir zu. Ich möchte Wissen, aber auch Spaß an Mode vermitteln. Für mich bedeutet Mode nämlich vor allem das: Spaß und Freude.

Dieses Jahr soll eine „Clueless“-Fernsehserie entstehen, wieder mit Alicia Silverstone in der Hauptrolle. Der „Sex and the City“-Ableger „And Just Like That“ zeigt, dass die Wiederbelebung beliebter Figuren riskant sein kann. Was halten Sie davon?

Man weiß ja noch nicht viel darüber – nur, dass Alicia die Mutter einer Teenager-Tochter spielen wird. Aber was sie beruflich macht, was sie verdient, wo sie lebt, all das wissen wir nicht. Aber es beeinflusst, was sie in dieser Rolle trägt. In meinem Buch gibt es am Ende kleine Abschnitte darüber, was die Figuren wohl heute machen. Bei Cher heißt es: „Sie liebt Mode immer noch, aber jetzt hat sie eine Öko-Modelinie. Sie macht Leder aus Pilzen und Kakteen.“

Back to top button