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Kommunalwahl in München: Die Brillen der Kandidaten – eine Stilkritik – Kultur | ABC-Z

Damit diese kleine Stilkritik des Münchner Kommunalwahlkampfs nicht zu sehr ins Provinzielle abdriftet, erfolgt die Hinführung auf das Thema über ein gehobenes Werk der deutschen Gegenwartsliteratur aus dem Jahr 2020.

In Bov Bjergs Roman „Serpentinen“ (er stand anno dazumal auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises) ist der Ich-Erzähler, ein latent suizidaler Soziologieprofessor, wiederkehrend mit einer rätselhaften Figur konfrontiert: „DIE GROSSE BRILLE“ (in Versalien geschrieben) traktiert den Helden immer wieder mit der Überprüfung seiner Wahrnehmung und weist ihn auf verborgene Absichten hin. DIE GROSSE BRILLE steht für Unbestechlichkeit und Analysefähigkeit.

Das sind zwei Eigenschaften, die auch bei der Oberbürgermeisterwahl einer saturierten und gemütlichen Millionenstadt nicht schaden. Wer weiß, ob CSU-Spitzenkandidat Clemens Baumgärtner Bov Bjerg gelesen hat. Vermutung: Eher nicht, „Serpentinen“ ist literarisch schwere Kost, und schwere Kost hat ein Münchner OB-Kandidat im Wahlkampf weiß Gott schon genug auf dem Teller, zumal der von der Anti-Veggie-Partei. Man will gar nicht wissen, wie viele Schweinsbraten, wie viele Leberkässemmeln, wie viele Wiener mit scharfem Senf Baumgärtner bei PR-Terminen schon vertilgen musste. Allein von der Vorstellung bilden sich Gallensteine.

Womöglich ist er also selbst, wahrscheinlicher aber ein begabtes Strategieteam intrinsisch und ohne belletristische Inspiration auf die Idee gekommen, ihn als DIE GROSSE BRILLE des Plakatwahlkampfs zu installieren. Weil Baumgärtner der Stadtbevölkerung noch nicht so bekannt ist wie der amtierende Lokalmatador Dieter Reiter (SPD) – dem es auch diesmal wieder reichen wird, in einem braunen Mantel herumzustehen, dabei fotografiert zu werden und den Menschen frohe Weihnachten zu wünschen –, hat man sich dafür entschieden, zuerst nicht ihn, sondern nur sein neu erfundenes Markenzeichen zu plakatieren: eine Rundbrille.

Die Brille war überall. Die Grünen antworteten mit einem sehr ähnlich gestalteten Satireplakat, auf dem stand: „Wir sammeln alte Brillen.“ Das Team Baumgärtner ließ sich davon nicht irritieren. Bevor der Kandidat in Fleisch und Blut plakatiert wurde, folgte zunächst ein freundlich lächelnder Zeichentrick-Lebkuchenmann mit Rundbrille, der den Menschen ebenfalls frohe Weihnachten wünschte und dabei nahbarer wirkte als der braun bemäntelte Reiter. Sogar eine Zahnpasta ließ die CSU als Wahlkampfgadget herstellen. Zu dem Slogan „Politik, die auf die Tube drückt“ war ein Zahn abgebildet, der eine Rundbrille trug.

Die Linke gewinnt den modischen Brillenwahlkampf

So leicht lässt sich die politische Konkurrenz aber selbstverständlich nicht die Brille von der Nase nehmen. Aljoscha Lubos, FDP-Kandidat für den Bezirksausschuss Altstadt-Lehel, ist mit einem kantigen, schwarzrahmigen, flächigen Modell plakatiert, nicht so bürokratisch anmutend wie Baumgärtners Brille, sondern weltläufiger, stilbewusster. Einer Partei würdig, die Ikonen der Ästhetik wie Christian Lindner oder Marie-Agnes Strack-Zimmermann hervorgebracht hat. Ohne Lubos zu unterstellen, dass er mit Fensterglas arbeitet, erinnert die Front seiner Brille an die Glasfront eines Penthouse im Lehel, im Besitz eines klugen und vermögenden Investors, leer stehend, um dem Wertverfall durch Abnutzung vorzubeugen.

Unternehmer. Münchner. Vater. Brillenträger. Aljoscha Lubos von der Münchner FDP.
Unternehmer. Münchner. Vater. Brillenträger. Aljoscha Lubos von der Münchner FDP. (Foto: IMAGO/Bihlmayerfotografie)

Vorläufige modische Gewinnerin des Brillenwahlkampfs ist Michèle Dermastia, Stadtratskandidatin der Linken. Der Rahmen ihres Statement-Modells erinnert an die Oberfläche eines Swimmingpools an einem Sommertag. Als würde die Sonne im Schyrenbad brechen, während man eine Bahn taucht, und das tanzende Licht in den Wasserpartikeln ließe einen für einen kurzen Moment lang denken, wie schön doch ein frei zugängliches, leistbares Freibad für alle ist, was für ein hohes demokratisches Gut.

Jetzt aber bitte keine Vorwürfe, der Autor würde hier etwas durch die rote Brille sehen. Dieter Reiter demonstriert seine Robustheit und Vitalität durch den öffentlichen Auftritt ohne Sehhilfe. Wenn er da mal politikstrategisch nicht zu kurzsichtig ist.

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