Kommunalwahl in der Region: Die Linke erfährt einen starken Mitgliederzuwachs – Freising | ABC-Z

Blickt Kreissprecher Sebastian „Led“ Pisot auf diese schwierige Zeit zurück, kommentiert er die Ereignisse emotionslos, so als hätte er an einem Neuanfang nie gezweifelt. Er habe nicht so schwarzgesehen, sagt er bei einem Gespräch in einem Freisinger Café, grundsätzlich sei er eher positiv eingestellt. So viel Optimismus zeigte damals nicht jeder im Rumpf-Team der Freisinger Linken. Denn im November 2024 war ihr fast das gesamte bekannte Personal abhandengekommen.
Zunächst erklärten die beiden Freisinger Stadträte Guido Hoyer und Nicolas-Pano Graßy überraschend ihren Austritt. Zwei Wochen später schmiss der ganze Kreisvorstand hin. Den Schritt könne er nicht nachvollziehen, meint Pisot knapp. Mit einer Partei identifiziere man sich ohnehin nie zu 100 Prozent. „Ich müsste sonst eine eigene erfinden, und das wäre dann eine diktatorische Partei“, sagt er mit einem leisen Lächeln.
Zentrale Themen der Linken auch auf kommunaler Ebene sind der Kampf gegen Rechtsextremismus und für Demokratie, hier müsse man „klare Kante“ zeigen. Pisot, Kinnbart, ganz in Schwarz gekleidet, macht das sehr offensiv. „Alle hassen Nazis“ steht in Brusthöhe unübersehbar auf seinem Shirt, nach dem Song von Kafvka. Im Landkreis Erding hat die Linke zuletzt federführend zwei Demos gegen Auftritte prominenter AfD-Politiker organisiert.
Die Wende für die Partei kam in der Region ebenso unverhofft wie im Bund. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich die Mitgliederzahl im Kreisverband Freising auf 120 verdreifacht. Im Verband Erding-Ebersberg verlief die Entwicklung ähnlich. „Im Dezember 2024 waren wir, nach der Trennung vom BSW, nur noch eine kleine Gruppe mit kaum Hoffnung auf den Einzug in den Bundestag oder gar kommunale Gremien“, sagt Sprecherin Marlene Ottinger. Die Mitgliederzahl lag bei knapp 50.
In den vergangenen 14 Monaten sind 110 Personen eingetreten, 100 davon sind zwischen 16 und 35 Jahre alt. In der ganzen Region sind es vor allem junge Leute, darunter viele Frauen, die sich für die Linke interessieren. „Wir machen eine sehr stark feministische Politik“, erklärt Pisot, „und engagieren uns für soziale Teilhabe“.

Die Linke mochte vielleicht in Berlin-Kreuzberg oder im alten roten Stammland der SED-Nachfolgepartei im Osten eine Größe sein. In dem strukturell konservativen Flächenland Bayern genoss sie lange nicht mehr als den Status einer Exotenpartei, die in den Großstädten vereinzelt vertreten war. Maximilian Steininger aus Ottobrunn war schon dabei, als 2007 die von enttäuschten Sozialdemokraten und Gewerkschaftlern gegründete WASG und die PDS zur Partei Die Linke fusionierten.
Seit 2017 ist er Landesgeschäftsführer und sieht die Partei nach den Mitgliederzuwächsen in einer „anderen Dimension“ angekommen. Viele junge Leute aus der Klimabewegung und aus anderen politischen Sphären seien dazugestoßen. „Ich weiß gar nicht, wo die alle herkommen.“ Aktuell sieht er bei der Wahl am 8. März überschlägig in Bayern 4000 Kandidaten und Kandidatinnen für kommunale Gremien am Start, das seien mehr, als man im Herbst 2024 noch an Mitgliedern gehabt habe. „Jetzt kratzen wir an den 10 000.“
Auch Marlene Ottinger aus Grafing im Landkreis Ebersberg weiß noch, wie es sich anfühlt, in der Diaspora Politik zu machen. Sie war bei den Grünen, verließ die Partei, war mit einem Unabhängigen Bündnis im Stadtrat und trat 2016 der Linken bei. „Eine unscheinbare Gruppe von älteren Menschen“ sei das damals gewesen, sagt sie. 2020 sei sie dann als einzige Vertreterin der Linken in den Kreistag gewählt worden. Die sechs Jahre dort seien von politischem Stillstand geprägt gewesen. Die anderen Parteien hätten achselzuckend die wachsenden finanziellen Nöte der Kommunen hingenommen. Jetzt hoffe sie darauf, dass die vielen jungen Kandidaten von der Basis aus den Druck erhöhten. „Die sind selbstbewusst, die sind anders erzogen. Die sind anders drauf, das ist super.“
Plakate machen auf den Leerstand aufmerksam
Ein Grund für das neue Interesse gerade bei jungen Leuten liegt sicherlich in der Popularität von Frontfrau Heidi Reichinnek in Berlin und ihrer Präsenz in den sozialen Medien, vor allem, als im Januar 2025 die Brandmauer gegen die AfD im Bundestag bröckelte. Als Grund für den Parteieintritt gäben die meisten an, „dass sie schon lange sympathisieren, durch den Rechtsruck im Land aber nun aktiv werden wollen“, schildert Ottinger. Überdies sagten viele, dass die Linke erst mit dem Weggang des BSW für sie wirklich attraktiv geworden sei. Jetzt wollen die Jungen auch in den Kommunen etwas reißen.
In Freising beteiligte sich der Kreisverband im Herbst an einer Leerstandsaktion des Landesverbands und beklebte im Stadtgebiet 15 Häuser. Die meisten Plakate waren schnell wieder verschwunden. An der Pfalzgrafstraße im Ortsteil Lerchenfeld, an einem leer stehenden Gebäude der Stadt, aber macht noch immer ein einsames Plakat auf den Missstand aufmerksam. Er kenne Leute, die in Freising seit Jahren vergeblich nach einer bezahlbaren Wohnung suchten, sagt Sebastian Pisot. Auch er selbst habe lange gebraucht, bis er etwas gefunden habe.
„Es ist schon eher fünf nach zwölf“
Was aber kann die Kommunalpolitik hier tun? Die Freisinger Linke fordert eine Leerstandsatzung. Das betreffe Gebäude, die seit Langem leer stehen, betont Pisot, der auf Platz zwei für den Stadtrat kandidiert. „Wir wollen nicht an die Oma ran, die ein Zimmer untervermietet.“ Bei Neubauten fordert der Kreisverband eine Sozialwohnungsquote von bis zu 60 Prozent. Zudem sollten die Kommunen Genossenschaften unterstützen. Pisot, der in Weihenstephan Landschaftsarchitektur studiert hat, arbeitet in München selbst als Projektleiter Wohnungsbau bei einer Genossenschaft.

Der 30-Jährige ist seit 2021 Parteimitglied. Davor engagierte er sich bereits im Umweltschutz und für Klimagerechtigkeit. Viele hätten diese Themen bisher bei den Grünen verortet. Er vermisse bei ihnen aber die Kapitalismuskritik. Dieser Punkt ist für Pisot elementar. Es brauche einen radikalen Umbruch zu solidarischen Wirtschaftsmodellen, denn „es ist schon eher fünf nach zwölf“.
Ganz so weit wie die Grünen ist die Linke beim Aufbau kommunaler Strukturen bisher nicht. Selbst in ländlichen Gemeinden gibt es bei der Kommunalwahl grüne Listen, in den vergangenen Jahren haben sich mehrere Ortsverbände gegründet. Die Linke tritt fast ausschließlich in den Städten und mit Listen für die Kreistage an. Mit der Entwicklung sind die Aktiven dennoch zufrieden. „Langsam zeichnet sich ab, dass sich auch in weiteren Kommunen Orts-Basisgruppen bilden“, sagt Ottinger. Die Kommunalwahl komme für sie aber zu früh, „da viele Neumitglieder in diesem Jahr noch nicht genug politische Erfahrung sammeln konnten, um zur Wahl anzutreten“.

Viele Bewerberinnen und Bewerber sind sehr jung. In Dachau kandidiert die 18-jährige Michail Alexiou, die sich selbst als „queere Person“ bezeichnet, als Landrätin. Als jugendpolitische Sprecherin des Landesverbands verfügt sie bereits über politische Erfahrung. Das Durchschnittsalter der Stadtratskandidaten für Dorfen im Landkreis Erding liegt bei 29 – das sind 20 Jahre weniger als bei der zweitjüngsten Liste. Im Wahlkreis Dachau-Fürstenfeldbruck hat sich im vergangenen Jahr eine Basisgruppe der Jugendorganisation gegründet. OB-Kandidatin in Germering im Landkreis Fürstenfeldbruck ist die 26-jährige Yulia Nikishina. Spitzenkandidatin der Partei in Gilching, Landkreis Starnberg, ist Lotta Ebert, 28.
Viele der jungen Parteimitglieder haben die großen Fragen der Zeit dazu gebracht, sich den Linken anzuschließen. „Wir stehen für die Idee von einer besseren Welt“, sagt Landesgeschäftsführer Max Steininger, „und nicht von einer besseren Ortschaft.“ Aber zugleich sei klar, dass auf kommunaler Ebene wichtige Entscheidungen gefällt würden. „Das ganz große Thema ist das Wohnen.“ Er selbst tritt in Ottobrunn für den Gemeinderat an, um da etwas zu bewegen und Leerstand zu bekämpfen. Aus Sicht von Marlene Ottinger manifestieren die hohen Mieten „die gesellschaftliche Ungleichheit“. Sie sagt, „wer geerbt hat, kann Mieten kassieren, wer nichts geerbt hat, kann durch eigene Lebensleistung kaum noch eine Familie ernähren oder gar eigenes Eigentum aufbauen“.

Die jungen Mitglieder bewegten die Sorgen ums Klima und um gesellschaftliche Gerechtigkeit, das Hinterfragen des Wirtschaftssystems sowie die Emanzipation von benachteiligen Gesellschaftsgruppen. Alexander Kieslich, der in Unterschleißheim als Bürgermeisterkandidat antritt, betont, es sei wichtig, der AfD etwas entgegenzusetzen. Es geht aber auch um praktische Hilfe im Alltag: Die Linke unterstützt Menschen beim Überprüfen der Heizkostenabrechnung, das soll in Freising forciert werden. „Hilfe zur Selbsthilfe ist ein gutes Prinzip“, sagt Sebastian Pisot.
Überall in der Region machen sich die Linken Hoffnung, in den Gremien nach der Kommunalwahl stärker präsent zu sein, vielleicht sogar Fraktionsstärke zu erreichen. Gerade auch im Landkreis Freising. Nach der Aus- und Rücktrittswelle verfügt die Linke derzeit nur noch über einen Sitz im Stadtrat in Moosburg. „Für mich ist wichtig“, sagt Sebastian Pisot, „dass das komplette demokratische Spektrum vertreten ist“.





















