Kommunalwahl in Bayern: Nur wenige junge Leute ziehen in Gremien und Ämter – Bayern | ABC-Z

„Schon in der Grundschule hat mich die Schulleiterin immer ‚Bürgermeister‘ genannt. Ich war dann Klassensprecher, Schülersprecher und viel in Vereinen aktiv. Kurz nach meinem 18. Geburtstag habe ich damals 2020 schon für Kreistag und Gemeinderat kandidiert. Damals hat es nicht geklappt. Seitdem habe ich mich sehr viel bei den Freien Wählern engagiert und wurde auch viel unterstützt.
Als Bürgermeister will ich die Digitalisierung bei uns in der Gemeinde vorantreiben. Da geht es um Transparenz. Darum, dass man den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit gibt, Informationen schnell zu erhalten. Mir ist wichtig, dass die Gemeinde bei Entscheidungen mitgenommen wird. Senioreneinrichtungen und Tagespflege darf man auch nicht vergessen. Als Bürgermeister bin ich lieber breit aufgestellt, als mich nur auf eine Sache zu konzentrieren.

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Insgesamt glaube ich, im Gemeinderat ist die Mischung wichtig. Wir brauchen den Blick aus allen Perspektiven, Jung und Alt. Es gibt schon Themen, wo ich die Jugend vielleicht mehr im Auge habe. In der Kommunalpolitik fehlen junge Menschen, besonders junge Frauen. Ich will mich da engagieren, damit sich mehr trauen. Wenn man einer der jüngsten Bürgermeister in Bayern ist, ist man schon irgendwo Vorbild.“
Johanna Seitz, 24, ist in wenigen Wochen fertig ausgebildete Grundschullehrerin. Doch sie wird nicht nur im Klassenzimmer stehen, sondern auch für die ÖDP im Passauer Stadtrat sitzen. Ihre politische Reise begann 2019 mit Demonstrationen bei Fridays for Future. Heute debattiert sie als Teil des Gremiums mit anderen Politikern.

„Zwei Freundinnen von mir haben damals die Fridays-for-Future-Ortsgruppe in Passau gegründet. Ich war sofort begeistert und habe mich dort engagiert. Dadurch kam ich viel mit der Kommunalpolitik in Kontakt, merkte aber schnell: Das reine Demonstrieren reichte mir nicht. Ich hatte damals oft dieses Gefühl der Abhängigkeit. Eine Ungewissheit, ob wir wirklich gehört werden und ob sich am Ende etwas ändert. Das wollte ich nicht mehr hinnehmen und dachte mir schließlich: Wieso eigentlich nicht selber machen?
Am Ende standen für mich zwei Parteien zur Auswahl: Entschieden habe ich mich für die ÖDP, weil sie meiner Meinung nach noch kompromissloser für den Umwelt- und Klimaschutz einsteht und keine Parteispenden von Unternehmen annimmt. In der Partei wurde ich von Anfang an gefördert und unterstützt. Trotzdem ist es als junge Frau in der Kommunalpolitik nicht immer leicht, da einem oft weniger zugetraut wird.
Dabei finde ich es so wichtig, dass ein Parlament die Gesellschaft widerspiegelt. Es sollten sowohl ältere Männer als auch junge Frauen vertreten sein, da beide Gruppen unterschiedliche Lebensrealitäten und Perspektiven mitbringen. Genau dieser Austausch verschiedener Ansichten ist für gute Entscheidungen wichtig. Mir ist es deshalb wichtig, jüngere Menschen anzusprechen und ihre Interessen zu vertreten.
Ich denke, junge Köpfe haben ganz andere Ideen für die Stadtentwicklung. Deshalb wäre eine bessere Vernetzung zwischen Universität und Stadt eine gute Sache. Außerdem würde ich gerne einen Jugendbeirat einführen, um der nächsten Generation eine feste Stimme zu geben.“
Taylan Yildiz, 20, sitzt bald für die SPD im Weißenburger Stadtrat. Sein politischer Weg begann als Schülersprecher, später begleitete er die Gründung des ersten Weißenburger Jugendparlaments. Neben seinem Politikstudium in Eichstätt arbeitet Yildiz in einem Café. Als Stadtrat möchte er besonders jungen Menschen Gehör verschaffen.

„Ich erlebe leider sehr oft in der Kommunalpolitik, dass Jugendbeteiligung plakativ bleibt und dafür genutzt wird, um zu sagen: ‚Wir tun was für junge Menschen.‘ Aber immer, wenn es darum ging, diese wirklich zu beteiligen, habe ich feststellen müssen, dass man an Grenzen stößt. Deshalb habe ich mir gesagt: Ich möchte Teil des nächsten Stadtrats sein – dann muss man mich mitentscheiden und mitsprechen lassen.
Eine große Hürde für junge Kandidatinnen und Kandidaten ist natürlich, dass Kommunalpolitik eine Personenwahl ist. Die Leute wählen diejenigen, die sie kennen. Wenn man dann gegen Menschen antritt, die vielleicht schon 20, 30 oder 40 Jahre aktiv sind, hat man natürlich einen Nachteil.
Ich bin vor drei Jahren wegen Kevin Kühnert in die SPD eingetreten. Er ist für mich ein Vorbild, weil er als junger Mensch wirklich sehr aktiv in der Politik war und mich seine Ansichten überzeugt haben.
Bezahlbarer Wohnraum ist für mich ein wichtiges Thema. Deshalb möchte ich mich dafür einsetzen, dass die leer stehende Brauerei in Weißenburg in kommunalen Wohnraum umgewandelt wird. Mich freut, dass sich die Jugend wieder mehr für Kommunalpolitik interessiert und auch mitsprechen möchte.“
Philine Blees, 27, kandidierte bereits bei der Europawahl für die CSU, jetzt zieht sie über die Einheitsliste als neue Bürgermeisterin in das Rathaus der Gemeinde Obermaiselstein im Oberallgäu ein. Ihr Weg in die Kommunalpolitik begann mit einer schlechten Internetverbindung und einem Leserbrief. Kurz darauf gründete sie mit Freunden ein parteiübergreifendes Jugendparlament und war dort zwei Jahre lang Vorsitzende.

„Das politische Engagement liegt bei uns in der Familie: Schon meine Eltern und Großeltern waren kommunalpolitisch aktiv. Mein Vater gehörte früher auch dem Stadtrat in Immenstadt an. Bei der Kandidatur 2020 hat er mir dann den Vortritt gelassen, so mussten wir als Familienmitglieder nie gegeneinander antreten. Bis zuletzt hatte ich dort das Amt der Wirtschaftsreferentin inne.
Zur Kommunalwahl hat die Gemeinde Obermaiselstein letztes Jahr die Bürgermeisterkandidatur ausgeschrieben. Ich wurde darauf angesprochen und sah darin eine große Chance: Ich konnte mein ehrenamtliches Engagement in der Kommunalpolitik zum Beruf machen. Mit 67 Prozent der Stimmen wurde ich dann im Oktober für die Einheitsliste Obermaiselstein nominiert – und konnte mich so gegen zwei andere Mitbewerber durchsetzen. Mein Ziel ist es jetzt insbesondere, den Tourismus in der Gemeinde zu stärken – hierbei können auch digitale Lösungen zur Vermarktung sinnvoll sein. Wichtig ist mir dabei, sowohl junge als auch ältere Menschen gleichermaßen anzusprechen. Schließlich geht es in der Kommunalpolitik um die Probleme direkt vor der Haustür.
Auf dem Nockherberg fiel das Zitat ‚mit Augenmaß und Augenhöhe‘. Ich finde, das beschreibt die Kommunalpolitik perfekt, da man nah am Geschehen und an den Bürgern ist. Dass ich noch jung bin, sehe ich nicht als Hindernis – im Gegenteil: Ich möchte ein Vorbild sein und mehr junge Leute sowie insbesondere Frauen dazu motivieren, sich kommunalpolitisch zu engagieren. Es ist ein unglaublich spannendes Feld. Außerdem sind wir die Generation, welche die zukunftsweisenden Entscheidungen am längsten betrifft.“
Lukas Schorer, 22, wird für die Grünen Stadtrat in Neuburg an der Donau. In der oberbayerischen Kreisstadt ist er aufgewachsen und zur Schule gegangen. Weil er in Eichstätt Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie studiert, pendelt er aktuell viel. Seine Expertise zur Verwendung von Verkehrsmitteln will er in das Gremium einbringen. Zur Politik ist Lukas Schorer als Schüler gekommen.

„Ich bin in die Politik gegangen, weil ich denen eine Stimme geben will, die im politischen Prozess keine haben. Das gilt besonders auch für junge Menschen. Während der Corona-Zeit hätte die Schule an einem Montag eigentlich wieder aufmachen sollen, doch am Wochenende ist die Inzidenz stark gestiegen. Ich habe mir gedacht, das kann doch nicht sein, das ist ein Superspreader-Event. Und da habe ich dann richtig gekämpft, dass die Leute zu Hause bleiben. Das hat funktioniert. Und da kam die Erkenntnis: Wow, man kann einen Unterschied machen. Das war ein wichtiger Moment der Selbstwirksamkeit. In der Schule war ich dann Schülersprecher, im Jugendparlament und später im Jugendkreistag.
Im Stadtrat werde ich mich vor allem für Umweltschutz, Demokratie und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Wir sind eine sehr wohlhabende Region. Trotzdem müssen mehr als vier Prozent der Leute jeden Winter entscheiden, ob sie heizen oder sich was zu essen kaufen. Viele bekommen keine Sozialleistungen, obwohl sie ihnen zustehen. Man könnte Sozialarbeiter einstellen, die den Leuten bei den Anträgen helfen.
Leider haben junge Menschen oft nicht das Standing in den Parteien, um einen guten Listenplatz zu bekommen. Ich bin hier aber auf wirklich wertschätzende Leute getroffen, die mich unterstützt haben. So erübrigen sich viele Hürden, die ansonsten viel zu hoch wären.“
Annie Schraml, 22, besetzt als einzige Abgeordnete der Linken einen Sitz im Tirschenreuther Stadtrat. Damit bringt sie erstmals die Positionen ihrer Partei in das Gremium ein. Abseits der Politik arbeitet sie als medizinische Fachangestellte in der Pflege.

„Schon seit ich denken kann, interessiere ich mich für Politik. Dabei gaben mir meine Eltern zentrale Werte mit auf den Weg: Jeder Mensch ist gleich und jede Meinung zählt. Ich bin überzeugt davon, dass ein gutes Zusammenleben von Vielfalt lebt. Deshalb stehe ich für Menschen ein, die schüchtern sind oder deren Stimmen ungehört bleiben.
Mit meinem Einzug sind wir nun drei Frauen im Stadtrat. Ein Fortschritt, sicher – aber noch lange keine echte Repräsentation. Dass ich nicht nur eine Frau, sondern auch jung bin, sorgt oft für skeptische Blicke nach dem Motto: ‚Was weiß sie schon?‘ Doch ich sehe mein Alter als großen Vorteil: Ich bin in meinen Ansichten nicht so festgefahren wie manch langjähriger Politiker. Schon im Wahlkampf war die Überraschung groß, als die Leute merkten: Diese junge Frau hat wirklich etwas zu sagen.
In Zukunft möchte ich vor allem der jungen Generation eine starke Stimme geben. Wir haben in Tirschenreuth zwar einen Jugendrat, was ein wichtiger Schritt ist, doch Beteiligung darf keine Alibi-Veranstaltung sein. Wenn solche Gremien primär von Älteren gesteuert werden, geht das oft an der Lebensrealität der Jugend vorbei. Ich möchte, dass junge Leute für sich selbst sprechen können, statt nur als Vorwand für Entscheidungen anderer zu dienen. Mein Ziel ist deshalb ein enger, ehrlicher Austausch auf Augenhöhe mit allen Bürgerinnen und Bürgern.“





















