Kommunalpolitikerin über neue Strategien: „Hey, hier fehlt komplett unsere Perspektive“ | ABC-Z

taz: Frau Tadix, Sie waren 16 Jahre alt, als Sie die Wahl gewonnen haben – und erst 15, als Sie vor anderthalb Jahren Ihren Wahlkampf gemacht haben. Wie müssen wir uns diesen denn vorstellen?
Sara Tadix: Klassisch mit Flyer verteilen und samstags auf dem Wochenmarkt am Wahlstand der Grünen stehen und dort versuchen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Mit am Start war immer meine große Regenbogentasche, ganz plakativ. Ich habe einfach Passant*innen angesprochen und gefragt: „Was beschäftigt Sie gerade?“ Viele waren total offen und sind oft zehn Minuten oder länger zum Reden stehen geblieben.
taz: Haben Sie auch mal Unangenehmes erlebt?
Tadix: Ja, manchmal wurde ich einfach angebrüllt – „Scheiß Grüne!“ oder „Halt’s Maul!“ oder so. Das waren Leute, die danach schnell weitergegangen sind und kein Interesse an Diskurs hatten. Das waren Beschimpfungen, die nicht persönlich gegen mich gerichtet waren, sondern gegen unsere Partei. Einige Male kam es aber vor, dass auf den Wahlplakaten mit unseren Porträts nur mein Gesicht durchgestrichen war.
Im Interview: Sara Tadix
Der Mensch
Sara Tadix, 17, ist Gemeinderätin für die Offene Grüne Liste in ihrem Heimatort Kernen im Remstal. Sie geht aufs Gymnasium und engagiert sich in der Schüler*innenvertretung, in der Kirchengemeinde und beim CVJM. Nebenbei singt sie im Chor, spielt im Orchester, tanzt und macht Karate. Beim Landeswettbewerb Mathematik 2024 erreichte sie den zweiten Platz.
Der Ort
Die Gemeinde Kernen hat 15.906 Einwohner*innen und liegt im Rems-Murr-Kreis, einem traditionellen Weinanbaugebiet in der Nähe von Stuttgart. Bei den Kommunalwahlen 2024 wurde die CDU stärkste Kraft, gefolgt von den Freien Wählern. Die Grünen kamen vor der SPD auf den dritten Platz.
taz: Angefeindet werden, das kann schon aufs Gemüt schlagen. Kam da nie das Gefühl: Das packe ich nicht, ich lasse das Ganze lieber?
Tadix: Nein, das hatte ich nie. Natürlich tat so etwas weh. Aber dann habe ich mir gesagt: Gut, dann hänge ich halt ein neues Plakat auf. Aufgeben wollte ich deshalb erst recht nicht.
taz: Sie wussten, es erwarten Sie abendliche Gemeinderatssitzungen, Diskussionen über Bauanträge – warum tut sich das eine Teenagerin an?
Tadix: Ich habe mich schon früh politisiert; so mit zehn ging das los – über Tierschutz, Nachhaltigkeit und Fridays for Future. Als die Black-Lives-Matter-Bewegung groß wurde, hat mich das total beschäftigt – obwohl ich noch gar nicht alt genug war für Demos. Ich habe irgendwann verstanden: Politik ist Interessenvertretung. Davon war ich schnell fasziniert und bereit, auch die Interessen junger Menschen zu vertreten.
taz: Politisiert wird ja überall. Aber wurde bei Ihnen zu Hause viel über Kommunalpolitik gesprochen?
Tadix: Na ja, meine Eltern haben oft aus ihrem Arbeitsalltag erzählt. Beide arbeiten inzwischen in der öffentlichen Verwaltung. Dadurch habe ich früh begriffen, dass eine Kommune nur funktioniert, wenn viele Menschen sich darum kümmern, dass die Dinge klappen – die Müllentsorgung beispielsweise. Aber auch die Beschaffung von Materialien, damit Leute einen Führerschein beantragen oder Wahlen durchgeführt werden können.
taz: Wie sind Sie von diesem Verständnis zur Kandidatur gekommen?
Tadix: Ich hatte mit 15 Jahren ein BOGY gemacht, ein berufsorientierendes Praktikum bei einer Landtagsabgeordneten, die viel kommunalpolitisch arbeitet. Das hat mich total abgeholt, weil ich plötzlich gesehen habe, wie greifbar Politik vor Ort ist. Dann wurde ich von den Grünen eingeladen, in eine Gemeinderatssitzung in Kernen reinzuschauen. Ich saß da – und der Altersdurchschnitt lag bei 50, 60 plus. Die Leute dort haben über Zukunftsprojekte gesprochen, die mich in 60 Jahren immer noch betreffen werden. Und ich dachte mir: Hey, hier fehlt komplett unsere Perspektive, die Sicht der Jugend.
taz: Wie haben die Leute im Gemeinderat darauf reagiert, dass dort eine 15-Jährige kandidiert?
Tadix: Viele haben gefragt, ob ich nicht nach einem Jahr wieder weg wäre. Oder ob ich mir nicht ein bisschen viel zutraue. Aber es gab auch die, die gesagt haben: „Cool, dass du das machst.“
taz: Und zu Hause?
Tadix: Meine Familie hatte zunächst Bedenken, weil ich bald mein Abi mache und viel ehrenamtlich unterwegs bin. Aber als klar wurde, dass ich das wirklich will, haben mich alle unterstützt – meine Eltern, mein Bruder. Ohne diesen Rückhalt wäre das nicht gegangen.
taz: Und Gleichaltrige?
Tadix: Da gab’s in der Schule auch Sprüche wie: „Du spinnst ja komplett.“ Manche kamen mit meinem Flyer auf mich zu und haben gesagt: „Meinst du das ernst?“ Ich habe dann geantwortet: „Ich meine das genauso, wie es in dem Flyer steht.“ Richtig reden wollten die aber meistens gar nicht. Das konnte ich nicht wirklich nachvollziehen und fand es einfach schade.
taz: Hatten Sie auch Rückhalt in Ihrem Freundeskreis?
Tadix: Ja, und dafür bin ich meinen Freund*innen wirklich dankbar. Meine Freundesgruppe ist total politisch, und wir gehen immer wieder gemeinsam auf Demos. Tatsächlich hat ein guter Freund von mir damals auch für den Gemeinderat in seiner Stadt kandidiert und ein anderer ist jetzt Zweitkandidat für die kommende Landtagswahl. Wir unterstützen uns, so gut wir können – gegenseitig. Manchmal durch nächtliche Meetings, um die beste Formulierung zu finden, oft aber durch einfaches Zuhören.
Einmal gleich am Anfang fragte mich einer im Gemeinderat, ob ich mich hier im Ort auf die Straße kleben wolle, so Letzte-Generation-mäßig
taz: Ist Ihnen im Gemeinderat „Adultismus“ begegnet, also diese Von-oben-herab-Art à la „Dafür bist du noch zu jung“?
Tadix: Ja, einmal gleich am Anfang fragte mich einer im Gemeinderat, ob ich mich hier im Ort auf die Straße kleben wolle, so Letzte-Generation-mäßig. Ich dachte mir: Meint er das ernst?
taz: Was haben Sie da geantwortet?
Tadix: So etwas wie: „Und du bist hier, um Parkplätze zu organisieren, oder wie?“ Ich war von anderen Gemeinderätinnen vorgewarnt worden: Lass dir nichts gefallen. Wenn dir einer blöd kommt, trau dich ruhig, tough zu antworten. Danach war das Thema auch abgeschlossen. Ich erfahre aber öfter, dass die sachliche Meinung einer jungen Person gewünscht ist, auch wenn sie nicht zur eigenen passt. Dementsprechend sachlich und respektvoll versuche ich auch meinen Mitgemeinderät*innen zu begegnen.
taz: Mit welcher Fraktion in Ihrem Gemeinderat tun Sie als Grüne sich am schwersten? Sind Ihre politischen Gegner automatisch die CDU oder die FDP?
Tadix: Nicht zwingend. Natürlich gehen unsere Lösungsansätze inhaltlich oft weit auseinander, was politisch regelmäßig zu Diskussionen führt, aber wir teilen in den Grundsätzen eine gemeinsame Realität. Es gelingt uns also, konstruktiv zu streiten. Allerdings sind in unserem Gemeinderat die Vertreter von zwei Bündnissen, die durch die Coronapandemie sehr geprägt wurden, sodass sie staatlichen und wissenschaftlichen Institutionen stark misstrauen. Bei ihnen ist im Abstimmungsverhalten oft eine Dagegen-Haltung zu spüren, das macht eine Zusammenarbeit schwierig.
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
taz: Im Gemeinderat kann man nicht dasselbe fordern wie auf der Straße. Wie erleben Sie die politische Arbeit bisher?
Tadix: Kommunalpolitik ist Kompromisspolitik. Ich würde sagen: Ungefähr 80 Prozent meiner Vorschläge werden nicht so umgesetzt, wie ich sie einbringe. Aber das gehört dazu. Ich erlebe die Arbeit trotzdem als total konstruktiv. Wir müssen ja gemeinsam beschließen, was für den Ort funktioniert.
taz: Wo mussten Sie mal ordentlich Abstriche von Ihren Vorstellungen machen?
Tadix: Beim „Quartier der Zukunft“, einem Neubauprojekt, das vor meiner Zeit begonnen wurde. Da mussten wir mehr Autostellplätze schaffen, weil auf derselben Fläche aufgrund des Drucks auf dem Wohnungsmarkt mehr Wohneinheiten geschaffen werden mussten als zunächst angedacht. Ich hätte lieber mehr Carsharing mitgedacht, aber wir konnten den Stellplatzschlüssel nicht einfach ändern. Und das Projekt musste weitergehen.
taz: Ältere planen Städte oder Kommunen natürlich aus einem ganz anderen Lebensgefühl heraus.
Tadix: Ja, viele Gemeinderäte machen Kommunalplanung aus ihrem eigenen Lebensmodell heraus. Wenn jemand Wohlstand immer mit Einfamilienhaus, Auto und Stellplatz vor der Tür verbunden hat, dann denkt er Wohlstand und Normalität in diesen Kategorien.
taz: Mussten Sie schon Kompromisse mit sich selbst schließen?
Tadix: Ja, das hatte ich auch schon – bei der Straßenbeleuchtung etwa. Eigentlich würde ich gerne manche Straßen weniger stark beleuchten, um die Insekten zu schützen. Gleichzeitig sorgt Licht aber für Sicherheit – viele Menschen, gerade FLINTA*-Personen, fühlen sich sicherer, wenn sie Straßen oder Unterführungen einsehen können.
taz: Als stellvertretende Fraktionsvorsitzende sitzen Sie automatisch auch im Ältestenrat. Das klingt irgendwie lustig.
Tadix: Ja, und vielleicht auch widersprüchlich. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Perspektive meiner Generation auch bei den Vorbesprechungen Gehör findet und nicht erst am Ende einer Debatte dazukommt. Beispielsweise bei der Haushaltskonsolidierung erscheint es mir vor dem Hintergrund meiner Zukunft nicht widersprüchlich, dass ich mitrede, wo Abstriche gemacht werden sollten und wo nicht, sondern unbedingt notwendig.
Die Haltestelle war aber nicht barrierefrei … Da dachte ich mir: Das kann doch nicht sein
taz: Gibt es eine positive Veränderung in Ihrem Ort, die wirklich Sie angestoßen haben?
Tadix: Ja. Es gab hier eine Bushaltestelle, direkt gelegen zwischen einem Altenheim und einem Diakoniehaus. Kernen ist ein großer Diakoniestandort. Es steigen dort also viele Menschen ein, die eine Behinderung haben. Die Haltestelle war aber nicht barrierefrei. Ich saß einmal im Bus und beobachtete, wie tatsächlich acht Männer versuchten, eine Person in einem Elektrorollstuhl in den Bus zu heben. Da dachte ich mir: Das kann doch nicht sein. Ich habe das Thema in den Gemeinderat eingebracht. Inzwischen ist die Haltestelle barrierefrei umgebaut. Das hat mich richtig glücklich gemacht.
taz: Wie konnte es passieren, dass erst Sie den Mangel an dieser Stelle erkannt haben?
Tadix: Ich war früher in einer inklusiven Schule, das hat mich für die Hürden sensibilisiert, die sich vor Menschen mit Behinderung aufbauen. Wenn man damit keine Erfahrung gemacht hat, sieht man die Hindernisse gar nicht. Ich glaube, in vielen Gemeinderäten wird nach wie vor für die Norm geplant.
taz: Und die Norm ist was?
Tadix: Für viele ist sie der gesunde, weiße Mann, der ökonomisch wohlsituiert ist und nicht Bus, sondern Auto fährt.
taz: Konnten Sie sich auch beim Thema Klima einbringen?
Tadix: Ja. In unserem Rathaus war es im Sommer oft unfassbar heiß, weil alles verglast ist. Manche wollten eine Klimaanlage einbauen. Unser Vorschlag: Lasst uns eine Spiegelfolie anbringen und Bäume pflanzen. Das wurde umgesetzt. Es funktioniert, ist viel kostengünstiger und spart Energie.
taz: Wenn Sie nicht in Sitzungen oder in der Schule sind – wo findet man Sie dann?
Tadix: Meistens beim Musikmachen oder Tanzen. Am liebsten mache ich aber zweimal die Woche Karate und habe in unserem Verein auch eine Kindergruppe unterrichtet, seitdem ich den grünen Gürtel habe.
taz: Was mögen Sie an Kampfsport?
Tadix: Für mich ist er Ausgleich und Förderung zugleich. Ich kann mich im Training nach einem langen Tag erholen und merke, dass ich einfach den Kopf frei bekomme. Außerdem ist es ein sehr integrativer Sport. Sobald wir den Gi tragen – also unseren Anzug –, sind wir alle Karateka, egal woher wir kommen. Der Gürtel zeigt nur, wie viel Erfahrung jemand hat.
taz: Sie sind Teil der queeren Community und tragen an Ihrem Revers einen Button mit der Regenbogenflagge und dem Satz: „Jesus had two Dads and he turned out fine.“ Haben Sie einen Bezug zur Kirche?
Tadix: Ja, ich bin queere Protestantin. Für mich bedeutet der Glaube aber nicht, einfach fromm mit dem Kopf zu nicken, sondern er ist für mich ein sicherer Raum, um zu zweifeln und Dinge zu hinterfragen. Dazu habe ich auch die Konfirmand*innen ermutigt, die ich betreut habe.
taz: Wie fanden Sie es, dass die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner auf dem Evangelischen Kirchentag 2025 sinngemäß sagte, sie halte es nicht für sinnvoll, wenn Kirchen sich wie eine weitere NGO zur Tagespolitik äußerten?
Tadix: Erschreckend. Für mich war das der Versuch, der Kirche in politischen Themen den Mund zu verbieten und ihre Stimme aus aktuellen Debatten herauszudrängen. Aber ich fand die Reaktionen der Menschen in den Kirchen total schön, weil viele gesagt haben: Ganz sicher mischen wir uns weiterhin in die Politik ein. Das ist superwichtig, weil Kirchen ein Teil unserer demokratischen Kultur sind. Es sind Orte, in denen Menschen sich noch trauen, ins Gespräch zu kommen. Im Kulturcafé unserer Pfarrei sammle ich beispielsweise viel Erfahrung mit Menschen unterschiedlicher Herkunft.
Glaubensbekenntnisse haben in der Politik nicht viel zu suchen. Glaube ist kein politisches Argument. Denn Politik muss für alle Menschen da sein
taz: Spielt Ihr Glaube in der Politik eine Rolle?
Tadix: Nein. Glaubensbekenntnisse haben in der Politik nicht viel zu suchen. Glaube ist kein politisches Argument. Denn Politik muss für alle Menschen da sein. Aber es gab politisch aktive Pfarrerinnen und Pfarrer, die mich im Wahlkampf super unterstützt haben und gesagt haben: „Hey, mach!“ – auch öffentlich. Das hat mir viel bedeutet und mich total ermutigt weiterzumachen.
taz: All diese Ehrenämter – was treibt Sie an, sich so in die Gesellschaft einzubringen?
Tadix: Hoffnung. Und der Wunsch nach Veränderung. Wenn wir nichts tun, verändert sich nichts. Das Gegenteil von Stillstand ist nicht meckern, sondern sich einbringen – und dafür auch mal streiten.
taz: Können Sie sich vorstellen, später einmal für den Landtag zu kandidieren?
Tadix: Ja, möglicherweise schon. Aber dafür ist es gut, Erfahrung im Kommunalen zu sammeln. Man versteht dadurch viel besser, was die Landespolitik den Städten und Gemeinden an Aufgaben zumuten kann und was besser nicht. Außerdem erfahre ich so, was demokratisches Streiten heißt – wie wichtig es ist, andere Meinungen ernst zu nehmen und gegenseitig Kompromisse zu akzeptieren.





















