Kommentar: Nagelsmanns Nationalelf ist bei der WM kein Favorit | ABC-Z

Julian Nagelsmann redet viel, wenn der Tag lang ist. Aber im Fall des Fußball-Bundestrainers ist das an Tagen mit Länderspielen schon auch wortwörtlich zu nehmen: weil diese Tage wirklich lang sind und weil er wegen der verpflichtenden Interviews wirklich viel reden muss. So saß er sehr spät an diesem Montag im Pressesaal des Stuttgarter Stadions, als er einmal mehr das R-Wort sagte.
Rolle – diesen Begriff hat Nagelsmann in der vergangenen Woche, in der er den letzten Lehrgang der Nationalmannschaft vor der Verkündung des WM-Kaders anleitete, so oft benutzt wie kaum einen anderen. Er hat gesagt, dass er mit allen Spielern Rollengespräche geführt habe. Und man hat dann auch am Montag gegen Ghana (2:1) und am Freitag gegen die Schweiz (4:3) gesehen, wie viele von diesen Rollen aussehen. Allerdings gibt es auch Spieler, deren Rollen von außen betrachtet weiter etwas rätselhaft bleiben, allen voran Leon Goretzka.
Das mit dem Mittelfeld ist eh so eine Sache. „Wir haben schon genug Auswahl“, sagte Nagelsmann am Montag, „wir müssen halt versuchen, die Besten zu finden für das Turnier.“ Das Problem daran: für eine Position, so wichtig wie diese, sollte eigentlich längst eine Lösung gefunden sein. Nicht nur deswegen ist in diesem Lehrgang, in dem laut Bundestrainer geklärt wurde, welche Rollen die deutschen Nationalspieler haben, auch etwas anderes klar geworden: welche Rolle die deutsche Nationalmannschaft bei der WM haben wird.
Die Nationalmannschaft als Favorit? Nagelsmann „glaubt es nicht“
„Ich glaube nicht, dass wir Favorit sind“, sagte Nagelsmann. Das kann man wohl so sagen. Anders als Spiele gegen Spanien, Frankreich und Argentinien dürften Spiele gegen Deutschland eher nicht mit einem Gefahrenhinweis versehen werden. Oder wie man in den USA sagen würde: diese deutsche Elf wird eher nicht R-Rated sein.
Redet man nun aber nochmal über das andere R-Wort, muss man auch über die Rolle des Bundestrainers reden. Über Julian Nagelsmann, der an einem Tag vermutlich mehr über Fußball vergisst, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben wissen werden. Der beim Sprechen denkt und beim Denken spricht. Der deswegen auch an den längsten Tagen nie langweilig antwortet. Der dann manchmal aber einfach nicht aus seiner Haut kann.
So auch am Montag, als er sehr spät nochmal auf Deniz Undav angesprochen wurde. Für den Stürmer des VfB Stuttgart hat er die Rolle des Einwechselspielers vorgesehen und in dieser hat Undav gegen Ghana in der 88. Minute das Siegtor geschossen. Im Anschluss an das Spiel sagte Undav, dass er seine Rolle kenne, aber dass sich diese durch solche Tore vielleicht verändern könne. Darauf angesprochen sagte Nagelsmann dann zwei gute Sätze. „Ich glaube, jeder Spieler sollte den Drang haben, eine bessere Rolle zu spielen. Ich glaube, das ist gut so.“ Nur konnte es Nagelsmann dann nicht bei den zwei guten Sätzen belassen. „Den Ehrgeiz“, sagte er danach, „muss er dann auch auf dem Feld umsetzen in Leistung. Ich fand seine Leistung bis zu dem Tor nicht gut. Er hat, glaube ich, einmal den Ball berührt.“ Das war in der Sache nicht ganz falsch, aber nur weil etwas nicht ganz falsch ist, heißt das nicht, dass es richtig sein muss.
Mag schon sein, dass man als Nationalcoach mehr nach dem Form-follows-function-Prinzip arbeitet. Doch kann es sein, dass sich die Form seiner Kommunikation schlecht auf das Funktionieren seiner Mannschaft auswirkt? Es besteht jedenfalls der Verdacht, dass Trainer und Team seit der EM bisher auch deswegen nicht entscheidend vorangekommen sind, weil Julian Nagelsmann zu oft eine Rolle rückwärts machen musste.





















