Wirtschaft

Kommentar: Die Rüstungsindustrie kann die Autoindustrie nicht retten – Wirtschaft | ABC-Z

Panzer statt Autos, das war lange die Hoffnung für das VW-Werk in Osnabrück. Wenn die deutsche Industrie immer weniger Autos produziert, dann soll eben Rheinmetall die Fabrik übernehmen. Zwar waren die Beschäftigten auch nur mäßig begeistert, aber immerhin hätte das Werk dann nicht ganz schließen müssen. Jetzt teilte Rheinmetall mit: Das VW-Werk können wir doch nicht übernehmen. Stattdessen will die Firma ihre Produktion an ihrem eigenen Standort in Kassel ausbauen.

Die Absage von Rheinmetall stellt die größere Frage, wie viele Jobs der kriselnden Autoindustrie die Rüstungsbranche tatsächlich retten kann. Überall im Land wird spekuliert, welche Automobilwerke die Rüstung noch übernehmen könnte. Das Ford-Werk in Saarlouis etwa, wo selbst der Chef der Jungen Union Saarland ins Spiel brachte, KNDS oder Rheinmetall könnten es ja einfach übernehmen. Natürlich braucht es für eine schnelle Wehrhaftigkeit auch schnellere Produktion. Und Massenproduktion, das können die Automobilbauer, auf die die Rüstungsindustrie teilweise auch noch stärker zugehen könnte. Doch die Rüstung kann niemals den Wegfall der Automobilindustrie kompensieren.

Dafür hat die deutsche Autokrise viel zu große Ausmaße angenommen. Ein Blick auf die Zahlen: Bis 2029 könnten, unter Optimalbedingungen für die Rüstungsbranche, 144 000 neue Arbeitsplätze entstehen und 216 000 Jobs in der Rüstung erhalten werden. Rheinmetall etwa hat angekündigt, von 40 000 auf 70 000 Mitarbeiter zu wachsen. Das ist jedoch eine ganz andere Größenordnung als in der Automobilindustrie.

Bis 2030 will allein der VW-Konzern 50 000 Stellen streichen. Dazu kommt der Abbau bei anderen Konzernen und die desaströsen Konsequenzen für die Zulieferindustrie. Und dann hängen da noch Abertausende andere Jobs dran. Wenn weniger Autos produziert werden, braucht es auch weniger Lackierer, die den Lack für die Autos herstellen. Ja, sogar weniger Kantinenpersonal wird gebraucht. Und die soll nun alle die Rüstungsindustrie auffangen? Unwahrscheinlich. Klar, für die 2300 Beschäftigten ist die Absage des wichtigsten Interessenten bedauerlich. Doch es ist wichtig, den Jobmotor der Rüstungsindustrie nicht zu überschätzen.

Auch eignet sich nicht jeder Standort der Automobilbranche automatisch für die Rüstungsindustrie. Im VW-Werk in Osnabrück hätte Rheinmetall zum Beispiel den Nachfolger des Fuchs-Panzers herstellen können. Der Auftrag dafür ging jedoch an eine finnische Firma. Für andere Panzermodelle, wie den Boxer-Panzer, hat das VW-Werk jedoch schlichtweg eine zu geringe Traglast. Solch ein Gefechtsfahrzeug wiegt schon mal an die 30 bis 60 Tonnen, das kann nicht jeder Untergrund tragen. Auch in anderen Fabriken darf man nicht einfach Raketen statt Lötkolben bauen. Denn nicht jeder Ort ist für Explosivstoffe geeignet.

Für eine schnelle Verteidigungsfähigkeit muss Rüstung europäischer werden

Außerdem hat die Branche, ja der ganze Industriestandort Deutschland, mit viel zu tiefgreifenden Herausforderungen zu kämpfen, als dass die Rüstung sie einfach retten könnte. Da ist der Umstieg auf die E-Mobilität, die Konkurrenz aus China, die hohen Energiepreise. Dafür muss eine andere Zukunftsvision her, die auch langfristig nachhaltig ist.

Verteidigungsfähigkeit sollte ohnehin nicht zwingend daran festgemacht werden, wie viele Arbeitsplätze durch sie entstehen. Klar, bestenfalls sollte beides passieren: Deutsches Steuergeld schafft Sicherheit und Arbeitsplätze, eine Win-win-Situation. Aber so einfach ist es eben nicht immer. Wenn Aufträge nur an die heimische Industrie gehen, dann kann das schlimmstenfalls die Aufrüstung verlangsamen.

Für eine schnelle Verteidigungsfähigkeit muss Rüstung europäischer werden. Noch immer kaufen Staaten hauptsächlich bei ihrer heimischen Industrie ein. Die hat dadurch weniger Wettbewerb und investiert weniger in Produktionskapazitäten. Warum sollte sie auch, sie muss schließlich nicht fürchten, Aufträge zu verlieren, wenn es auf dem Markt sonst wenige Wettbewerber gibt. Für eine schnellere Verteidigungsfähigkeit braucht es also einen europäischeren Markt. Das bedeutet aber auch: Das Sondervermögen fließt nicht immer in heimische Firmen und Arbeitsplätze.

Das ist ein Dilemma. Doch wenn Deutschland schnell verteidigungsfähig sein will, darf es nicht immer zu sehr darauf schauen, wie viele Jobs dadurch geschaffen werden.

Back to top button