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Klub in Abstiegsgefahr: Tottenhams katastrophale Saison ist kaum zu retten – Sport | ABC-Z

In diesem Jahr fiel der sogenannte St Totteringham’s Day bereits auf den 1. März – so früh wie noch nie. Er bezeichnet den Tag, an dem der Fußballklub Tottenham Hotspur rechnerisch keine Chance mehr hat, den Londoner Erzrivalen Arsenal in der Tabelle der Premier League zu überholen. Der Ausdruck ist ein Wortspiel aus „Tottenham“ und „tottering“ (englisch für „taumelnd“) und wurde einst von Arsenals Anhängerschaft scherzhaft geprägt. Dass der Tag in dieser Saison so früh eintrat, liegt vorwiegend an den besonders schwachen Ergebnissen der Spurs.

Nachdem Tottenham die vergangene Spielzeit nur einen Platz vor den Abstiegsrängen beendet hatte, droht dem Verein in dieser Saison nach fast 50 Jahren tatsächlich erstmals wieder der Absturz in die zweite Liga. Acht Spieltage vor Schluss liegen die Spurs mit 30 Punkten aus 30 Partien lediglich auf Rang 16 – nur einen Zähler vor den punktgleichen Verfolgern Nottingham Forest und West Ham United, die bilden gemeinsam mit den abgeschlagenen Burnley und Wolverhampton die Abstiegszone. Seit Jahresbeginn wartet Tottenham inzwischen auf einen Ligasieg. Einen solchen Niedergang hätten sich wohl nicht einmal die Fans von Arsenal für ihren ungeliebten Nachbarn ausdenken können.

Immerhin gelang den Spurs am Sonntag nach fünf Liganiederlagen in Serie ein kleiner Hoffnungsschimmer: Die Mannschaft von Trainer Igor Tudor, der im Februar Thomas Frank ablöste und einen Vertrag bis Saisonende hat, holte beim FC Liverpool trotz Rückstandes ein 1:1. Richarlison glich in der 90. Minute das Freistoßtor von Dominik Szoboszlai aus der ersten Halbzeit aus. Zwar ist die bislang katastrophale Saison nach wie vor zu retten – im Vorjahr gelang dies durch den Gewinn der Europa League, mit dem der Verein eine lange titellose Zeit beendete. Doch dafür müssten die Spurs diesmal erneut den Klassenverbleib sichern und außerdem die Champions League gewinnen.

Vom Henkelpokal ist Tottenham derzeit jedoch ungefähr so weit entfernt wie von der Tabellenspitze der Premier League. Das Achtelfinal-Hinspiel bei Atlético Madrid endete in einem 2:5-Debakel; am Mittwoch steht das Rückspiel in London an.

Seit 2021 hat Tottenham rund eine Milliarde Euro Ablöse für neue Spieler ausgegeben

Tottenhams Entwicklung in den vergangenen Jahren erinnert an deutsche Traditionsklubs wie den Hamburger SV und Schalke 04, die bei ihren Abstiegen ebenfalls weit hinter ihren eigentlichen Möglichkeiten blieben. Um die hohen Erwartungen der Spurs-Fans zu erfüllen, die sich attraktiven Fußball und auch Titel wünschen, investierte der Verein seit 2021 rund eine Milliarde Euro Ablöse für neue Spieler; das Transferdefizit summiert sich in diesem Zeitraum auf 800 Millionen. Zu den Zugängen gehörten zahlreiche namhafte Spieler aus der Bundesliga: João Palhinha und Mathys Tel vom FC Bayern, Xavi Simons von RB Leipzig, Micky van de Ven vom VfL Wolfsburg sowie der frühere Frankfurter Randal Kolo Muani, der von Paris-Saint Germain ausgeliehen ist. Der Kader der Spurs verfügt zwar über internationale Qualität, doch nur wenige Spieler schöpfen ihr Potenzial konstant aus. Ein Grund dafür scheint die mangelnde Kontinuität im sportlichen Konzept zu sein. Der Kroate Tudor ist bereits der fünfte Trainer mit unterschiedlicher Ausrichtung bei Tottenham in den vergangenen viereinhalb Jahren.

Für diese ernüchternde Bilanz wurde vor allem Daniel Levy verantwortlich gemacht, der im vergangenen September nach 24 Jahren seinen Posten als Vorstandsvorsitzender räumte – offenbar auf Drängen der Eigentümer. Der Klub gehört der Investmentgesellschaft Enic Group, die einst von Geschäftsmann Joe Lewis gegründet und gemeinsam mit Levy geführt wurde. 2022 übergab Lewis die Kontrolle an den Lewis Family Trust (70,12 Prozent), dem seine Kinder V­i­v­i­e­nne und Charles vorstehen; Levy hält die verbleibenden 29,88 Prozent der Anteile an Enic. Levys Ende hatte sich monatelang angedeutet, nachdem die Lewis-Family eine Beratungsagentur mit einer Bestandsanalyse des Vereins beauftragt hatte.

Mathys Tel hat seit seinem Wechsel vom FC Bayern bei Tottenham noch nicht das große Glück gefunden.
Mathys Tel hat seit seinem Wechsel vom FC Bayern bei Tottenham noch nicht das große Glück gefunden. Matthew Childs/Action Images via Reuters

In der Folge stellte Tottenham mit dem ehemaligen Arsenal-Geschäftsführer Vinai Venkatesham im Sommer 2025 erstmals in der Enic-Ära einen CEO ein. Kurz darauf kam es auch zu einer Neuausrichtung im Management: Der intern beförderte Däne Johan Lange sollte die sportliche Leitung gemeinsam mit dem neu verpflichteten Italiener Fabio Paratici verantworten, der bereits vor Jahren in ähnlicher Rolle für die Spurs tätig gewesen war.

Doch die Personalwechsel haben bislang nicht den gewünschten Fortschritt gebracht. Sportdirektor Paratici wechselte bereits im Februar nach nur dreieinhalb Monaten zur Fiorentina, und auch der intern lange gestützte Däne Frank, der vor dieser Saison den beliebten Ange Postecoglou als Coach abgelöst hatte, musste schließlich gehen. Dass ihn Tudor ersetzte, kam wenig überraschend: Für ihn soll sich Paratici vor seinem Weggang ausgesprochen haben; beide haben eine gemeinsame Vergangenheit bei Juventus Turin. Nach vier Pflichtspielniederlagen zu Beginn seiner Amtszeit war das Remis in Liverpool Tudors erster Punktgewinn in der Premier League.

Die Turbulenzen in der Führungsetage übertragen sich auf die Mannschaft

Um die zunehmend aufgebrachte Anhängerschaft zu beruhigen, kam es zu Monatsbeginn zum Gespräch zwischen CEO Venkatesham und einem Fanausschuss. Darin kritisierte der neue Spurs-Chef die Amtszeit seines Vorgängers Levy, wie aus dem von Tottenham veröffentlichten Protokoll des Treffens hervorgeht. Zwar lobte Venkatesham das kommerzielle Wachstum des Klubs und die Entwicklung der Infrastruktur – die Spurs zählen zu den zehn umsatzstärksten Fußballvereinen der Welt –, stellte jedoch insbesondere eine erhebliche sportliche Mängelliste fest. Bereiche wie Fokus auf den sportlichen Erfolg, Gehaltsgefüge und Transfers seien „unzureichend identifiziert, um auf höchstem Niveau konkurrenzfähig zu sein“, heißt es im Sitzungsbericht.

Zu den genannten Punkten äußerte sich Levy bislang nicht. Kurz vor seinem Abschied von Tottenham stand er aber dem Podcast „The Overlap“, moderiert von Sky-Experte Gary Neville, für ein Interview zur Verfügung. Auf die immer wieder geäußerte Unzufriedenheit der Fans angesprochen, entgegnete Levy: „Ich bin überzeugt, dass ich Anerkennung bekomme, wenn ich nicht mehr da bin.“

Die Turbulenzen in der Führungsetage übertragen sich auf die Mannschaft, die ebenso ein diffuses Bild abgibt. Erschwerend kommt eine neuerliche Verletzungsmisere hinzu. Um den Turnaround zu schaffen, beschwört Tudor die Basistugenden: Seine Spieler sollen mit der „Einstellung einer kleinen Mannschaft“ auftreten, fordert er. Ziel ist es, die Premier League zu halten. Irgendwie. Sonst fällt der nächste St Totteringham’s Day womöglich schon vor den Start der neuen Saison.

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