Kinder: Serien wie Fieberträume – Gesellschaft | ABC-Z

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Liebe Leserin, lieber Leser,
vor einer Woche ist mir etwas so Absurdes passiert, dass ich sofort dachte: Das wäre mir früher nicht passiert. Ohne Kind. Jedenfalls war es so, dass ich mal wieder krank war (wie seit Januar eigentlich fast durchgehend irgendjemand bei uns). Das Problem: Meine zweieinhalbjährige Tochter war topfit und voller Tatendrang. Eine Konstellation, die nicht zu unterschätzen ist. Das beschreibt auch meine Kollegin Friederike Zoe Grasshoff in ihrer Elternkolumne.
Meine Tochter nahm sich an jenem Tag vor, alle Buntstifte in unsere Sofaritze zu stecken. Mit der Spitze nach oben. Ich hatte nichts dagegen, weil ich dachte, vielleicht ist das ja kein schlechter Deal: Sie kümmert sich um ihre Stifte, ich kümmere mich um meinen kranken Körper. Als sie dann abends im Bett war, zog ich einen Stift nach dem anderen aus dem Sofa, bis alle wieder auf dem Couchtisch lagen. Gefahr gebannt, dachte ich.
Nach getaner Arbeit ließ ich mich voller Elan mit dem Hintern voraus auf die Couch fallen. Bis ich merkte: Ich hatte meine Aufräumarbeiten wohl doch nicht so gewissenhaft erledigt – und einen (besonders spitzen) Stift vergessen, der nun auf meine Pobacke traf. Zu den Hals- und Kopfschmerzen, die ich eh schon hatte, gesellte sich nun also noch ein weiteres körperliches Leiden. Zum Glück musste ich keinen Arzt aufsuchen, was hätte ich dem auch sagen sollen? Je realer die Schilderung des Tathergangs, desto ausgedachter hätte alles geklungen.
Bevor es mich krankheitsbedingt so erwischt hat, ging es meiner Tochter richtig schlecht, Influenza, Mittelohrentzündung. Sie war kaum in Betreuung, verbrachte viel Zeit auf besagtem Sofa. Was dazu führte, dass meine Frau und ich sie anders als sonst auch mal etwas länger Videos auf dem Handy schauen ließen. Über die Kinder-Blockbuster wie Peppa Wutz und Paw Patrol hat mein Kollege Jonas Junack diesen lesenswerten Text geschrieben (SZ Plus). Dabei geht es unter anderem um die Frage, was die Bilder mit den Hirnen unserer Kinder machen.
Diese Frage habe ich mir auch bei folgendem Lied gestellt, das uns der Algorithmus eines Sofatages ausspuckte (Achtung, höchste Ohrwurmgefahrenstufe!): Wo ist meine Mama? Ein zweiminütiger Fiebertraum, der mich seit dem ersten Hören immer wieder heimsucht. Und nicht nur mich. Das nach seiner Mutter suchende Techno-Küken hat auf Youtube 246 Millionen Aufrufe. Ich habe Sie gewarnt.
Ein schönes fieberfreies Wochenende wünscht
Julian Gerstner





















