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Kiezcafé in Kreuzberg: „Jammern ist nicht“ | ABC-Z

Karin Lücker-Aleman traut sich. Ständig hat sie in ihrem Leben Entscheidungen getroffen, Experimente gewagt, ist ins Risiko gegangen. Immer im Zeichen der Solidarität mit anderen. Passend also, dass sie nun auch der Anfang einer kleinen feministischen Weltreise ist.

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Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.

Seit 2010 betreibt Lücker-Aleman das Café Madame in Berlin-Kreuzberg. Vor Kurzem hat sie ihren 70. Geburtstag gefeiert. Kaum einer nennt sie bei ihrem Nachnamen, bekannt ist sie als Karin. Täglich kommt sie ins Café, kümmert sich um Bestellungen, die Buchhaltung und um die Gäste natürlich. „Ohne Karin geht hier nichts“, erzählen die Leute, die hinterm Tresen stehen. Und dass sie immer ein offenes Ohr hat, wenn gerade was nicht passt. Selbst für die irrsten Lebenslagen, wenn manchmal einfach gar nichts mehr geht.

Ob sie Feministin ist? Den Begriff würde Karin für sich eigentlich nicht benutzen. Sie habe sich nie in die feministische Bewegung eingereiht, sagt sie. „Aber bestimmte Sachen sind einfach klar.“ Gewalt gegen Frauen geht überhaupt nicht. Gleicher Lohn für Frauen und Männer? Muss selbstverständlich sein. Und natürlich soll man all denen zur Seite stehen, die von männlicher Dominanz betroffen sind. „Du agierst, wie du agierst, und überlegst dir nicht – jetzt bin ich solidarisch – sondern du machst halt die Sachen, die du machst“, sagt Karin.

Karin braucht keine Begriffe wie Solidarität oder Feminismus. Aber fragt man sie nach Leuten, die sie für solidarisch hält, muss sie nicht lange nachdenken. Da ist die eine, die in Berlin spanischsprachige Menschen unterstützt, damit sie sich in Deutschland gut zurechtfinden. Oder die Frau aus der Nicaragua-Solidarität, die in Berlin immer noch weitermacht. „Das ist lange her“, sagt Karin. Ihre Stimme rau, bestimmt und niemals unfreundlich.

Da ist der Betrieb, da sind die Gäste

Am liebsten verbündet sie sich mit ehrlichen Menschen. Und lustig müssen sie sein, nicht so ernst

Und dann fällt ihr Constanza Moreira ein. Eine Frau, die Karin aus einem ganz anderen Leben kennt. Damals, vor rund 40 Jahren, war Karin zum ersten Mal in Uruguay – später hat sie sogar eine Tango-Bar in der Hauptstadt Montevideo eröffnet. Erst ging es um politische Projekte. Und dann, in der Bar, wollten sie Räume für Diskussionen schaffen, für soziale Gerechtigkeit einstehen – und natürlich Spaß haben nach Feierabend, mit dem sich idealerweise auch noch Geld verdienen lässt. Dort haben sich auch Moreira und Karin getroffen. „Wir haben viel diskutiert. Aber vor allem viel gemacht“, erzählt sie. Constanza Moreira ging schließlich in die Politik, Karin betreibt das Kiezcafé in Kreuzberg.

„Ja, das wäre wirklich schön, wenn wir uns wieder treffen würden“, sagt sie, als sie erfährt, dass Moreira durch ihre Empfehlung tatsächlich Teil des Netzwerks geworden ist. „Das war damals eine gute Zeit. Ganz anders als jetzt.“ Warum? „Wir waren jung“, sagt sie, streicht sich die Haare aus dem Gesicht und stützt sich auf dem Tisch ab. Heute schmerzt das Bein mal wieder. Aber jammern ist nicht. Da ist der Betrieb, da sind die Gäste.

„So wie immer“, sagt eine Frau Anfang 60. Rosa Hut, geblümter Schal, der Rock reicht ihr bis zum Knöchel. So wie immer, wiederholt Karin leise. Die Frau ist Stammgast im Café Madame. Laut ist sie manchmal, eine DDR-Nostalgikerin, die zu jeder Nachrichtenlage ihre Meinung abgibt. Während sie sich noch über Merz und Trump und überhaupt aufregt, bringt Karin ihr ein gezapftes Bier. So wie immer eben.

Dass Karin einmal in der Gastronomie arbeiten würde, war quasi vorbestimmt. Die Eltern betrieben verschiedene Gaststätten in Mühlheim an der Ruhr, wo Karin aufgewachsen ist. „Als Kind musst du da auch mithelfen, auch bei diesem komischen Sonntagsfrühschoppen.“ Sie sei damals eher schüchtern gewesen und die Arbeit in der Kneipe habe ihr eigentlich keinen Spaß gemacht. „Nur abends, da musste ich nicht ins Bett“, sagt sie und lacht.

Karin hat viele Sprünge gemacht in ihrem Leben. Nach dem Abitur in Mülheim an der Ruhr wollte sie nicht im Ruhrgebiet bleiben, Bochum war keine Option, also ging es nach Berlin. Mehr Luft zum atmen, weniger Engstirnigkeit als in ihrer Heimat. Sie studierte Politikwissenschaften und ging dann nach Nicaragua zur Brigade, so wie viele aus der linken Lateinamerika-Bewegung in den 1980er Jahren. „Politisiert hat mich der Putsch in Chile“, sagt Karin. Das war am 11. September 1973. Sie war damals 18 Jahre alt.

Von Nicaragua nach Uruguay, dann nach Deutschland und wieder zurück. Sie lebte mit dem Vater ihrer beiden Kinder, wurde dann alleinerziehend. Mit einer akademischen Karriere hat sie es auch einmal versucht und eine Doktorarbeit geschrieben, die aber nie veröffentlicht wurde. Und immer wieder hat Karin Projekte gemacht und sich eingesetzt. Zum Beispiel für sinnvolle Arbeitsplätze für Menschen in schwierigen Lebenslagen oder für Lernwerkstätten für Kinder. Und sie hat genossenschaftliche Netzwerke für fairen Handel gegründet.

Spielregeln der parteipolitischen Machtarbeit

Karins Leben ist voller Aufbrüche, Umbrüche und Neuanfänge. Und bis heute hat sie immer wieder mit Personen zu tun, die irgendwie nicht so richtig passen zu den Anforderungen, die eine neoliberale Leistungsgesellschaft an sie stellt. Ihr ist wichtig, dass diese Menschen wieder spüren, wie wertvoll sie für die Gesellschaft sind. „Das sind Menschen, die irgendwie anders aufgestellt sind und nicht einfach so Karriere machen können“, sagt Karin. „Und die auch bestimmte Vorstellungen von Arbeit haben, von solidarischer Arbeit.“

Weil sie sich politisch engagieren wollte, ist Karin bei den Grünen in Berlin-Schöneberg eingetreten. „War auch eine ganz witzige Erfahrung, wobei ich mich da halt auch nicht so verbiegen kann“, sagt sie heute, und meint damit die Spielregeln der parteipolitischen Machtarbeit. Offiziell bekämpft man den politischen Gegner – aber damit Allianzen entstehen, landet man am Abend nach einer Sitzung dann doch gemeinsam in der Kneipe. Für Karin passt das nicht zusammen. Bei den Grünen ist sie schon lange nicht mehr.

Insofern hat Karins Solidarität auch Grenzen. Und die sind für sie heute wie so oft in ihrem Leben ganz praktischer Art. Als kurz vor Weihnachten 2025 ein Markt mit Kunsthandwerk und Kinderkarussell vor ihrem Café aufgebaut wird, ist sie nicht die Erste, die ihre Türen öffnet, um die Standmitarbeiter mit Strom zu versorgen. Jetzt sind mal andere dran, fand Karin. „Mit Soli ist auch mal Schluss.“ Warum? Karin hat mit den Zuständigen des Kiezes mehrfach den Austausch gesucht. Die sind zu bürokratisch, sagt sie, mehr nicht. Vielleicht stimmt die Chemie nicht, oder sie sind nicht in diesem Machermodus, in dem sich Karin Zeit ihres Lebens befindet. Am liebsten verbündet sie sich jedenfalls mit denen, die ehrlich sind. „Und lustig müssen sie sein, nicht so total ernst.“

Ihr Café liegt an einem Ort, den viele wohl als Brennpunkt bezeichnen würden. „Wir haben jede Menge Durchgeknallte“, sagt sie. Karin meint das liebevoll, weil sie die Menschen so nimmt, wie sie sind. Da ist die Frau, die regelmäßig in einer Ecke des Cafés einschläft. Oder der Bäcker mit dem Alkoholproblem, der guten Kuchen macht und Bilder malt. „Bisschen düster alles. Aber schön“, sagt Karin.

Hier im Kiez, in den Wohnungen, die von außen alle gleich aussehen, leben viele Menschen aus aller Welt. Und in den Abendstunden messen Jugendliche lautstark ihre Kräfte. Karin kennt viele von ihnen, seit sie klein sind. Manche haben in der Schule Probleme, finden keine Ausbildungsplätze, einige haben Jugendstrafen wegen Drogendelikten. An diesem Abend nimmt eine Gruppe junger Männer johlend einen in den Schwitzkasten, wenige Meter vom Café entfernt. Soll man helfen? „Lass mal“, sagt Karin. „Die kennen sich.“ Karin ist eine Frau, die nicht viele Worte verliert. Und der man irgendwie sofort vertrauen kann. Die jungen Männer laufen später an den Außentischen des Cafés vorbei. Still sind sie und grüßen. Karin nickt ihnen zu und geht wieder ins Café. Die Buchhaltung muss noch gemacht werden.

Karin ist eine, die gern eingebunden ist, die dabei sein will, wenn Dinge geplant und besprochen werden. Damit sie ihre Türen öffnen kann. Ja, auch für ihre Sache, für ihre Gruppen, denen sie einen Raum geben will. Da ist zum Beispiel die Lateinamerika-Runde, die regelmäßig einen Filmabend anbietet und über Menschenrechte in Chile oder Argentinien diskutiert. Da kann es schon mal hitzig werden. Einig ist man sich in der Sache. Aber wie – aus Berlin heraus – etwas Sinnvolles tun? Widerstand organisieren? Kapitulieren und nie mehr zurückkehren? Karin schreitet nie ein. Die Gespräche entsprechen an vielen Tagen etwa dem, was viele an einem Arbeitstag mitten in der Woche mal brauchen: eine Möglichkeit Dampf abzulassen. Bevor es am nächsten Tag wieder weitergeht. Am Schluss verabschieden sich die Veranstalter mit Küsschen von ihr. Vertraut eben. Man wird sich wiedersehen, ziemlich sicher schon in der kommenden Woche.

An einem Abend im Februar stellt Karin ein rotes Schweinchen auf einen Tisch neben der Eingangstür. Spenden für die Veranstalter sollen da rein. Es wird Poesie geben, Diskussionen und vor allem viel Schnaps. Den braucht es vielleicht auch gerade, denn es soll an diesem Abend um die Ukraine gehen, um den 4. Jahrestag der russischen Vollinvasion. Doch zunächst herrscht Chaos. Die Technik streikt, die Teil­neh­me­r:in­nen machen nicht so recht das, was die Moderatorin des Abends will. Etliche Gäste diskutieren lieber draußen über den Krieg und das Leben, als drinnen still auf den Beginn der Reden zu warten. „Wie soll es auch anders sein“, sagt Karin. Während andere in Hektik ausbrechen, bleibt sie ruhig. „Ich stresse mich nicht mehr. Das habe ich mein Leben lang gemacht.“ Und stapelt gleichzeitig ein paar Stühle ab. Die, die müssen, sollen schließlich sitzen können.

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Von Karin aus zieht unser Netzwerk seine Fäden. Wir berichten ihr davon, wie wir per Zufall – so will es das Konzept – bei einer „Superspreaderin“ gelandet sind, einer Person für die Austausch und Verbundenheit zum Job gehört, deren Anliegen es ist, feministische Arbeit sichtbar zu machen. Sambia, Kenia, Kanada sind jetzt mit dabei. Und in Kolumbien sind wir auch schon. Von Kreuzberg aus in die weite Welt. Von Karin aus. Sie lächelt.

Eine Weltkarte mit Stecknadeln, die ein Netzwerk markieren

Solidarisch vernetzt

Im Wissen über Netzwerke liegt viel Macht. Wer weiß, wer mit wem verbunden ist, bleibt handlungs- und widerstandsfähig. Zum internationalen feministischen Kampftag wollen wir deshalb Menschen sichtbar machen, die sich für ein Leben einsetzen, dass die Rechte aller achtet. Auch sie haben Netzwerke. Wir starteten vor der Haustür und haben uns auf die Suche begeben. Wir wollten wissen: Wer lebt und kämpft solidarisch? Und haben Menschen kennengelernt, die uns bis vor kurzem völlig fremd waren.

„Und wer kommt aus Kolumbien?“, fragt sie. Wir erzählen ihr von einer Ärztin, die sich für das Recht auf Abtreibung einsetzt. „Klar.“

Und dann sprechen wir über Italien und darüber, wie die Frauen in ihrer erweiterten Verwandtschaft eigentlich immer nur ans Putzen denken. Und dass es dort doch vor allem die Frauen sind, die solidarisch im Dorf mit anpacken, wenn es ein Fest gibt, oder die Kinder betreut werden müssen, oder wenn heulende Mütter Trost brauchen, weil es Ärger mit ihrem Mann gab. „Passiert ja alles gleichzeitig“, sagt Karin.

Eben. Eigentlich hat sie sich auch schon verabschiedet. Und taucht dann nach wenigen Minuten doch wieder bei ihren Gästen auf. Der Wohnungsschlüssel fehlt, und das um diese Uhrzeit. Sofort zücken zwei Leute ihre Handys und rufen Bekannte an, die auch zu später Stunde an einem Werktag noch eine Wohnungstür öffnen könnten. „Kein Problem, das kriegen wir hin“, heißt es.

Und so ist es auch. Glücklicherweise taucht der Schlüssel wieder auf. Karin kann sich auf ihre Gäste verlassen. Genau wie andersherum.

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