Kein “Hello again” mehr: So war Howard Carpendales letzter Auftritt nach 60 Bühnenjahren | ABC-Z

Auf einer blau beleuchteten Bühne mit sehr vielen Menschen, die Instrumente bedienen, stimmt ein Schlagwerker einen einfachen, eingängigen Rhythmus an, einzelne Fans beginnen, mitzuklatschen. Ein würdig gereifter Mann mit Föhnfrisur erscheint, das Klatschen wandelt sich in tosenden Applaus.
Der Mann schnappt sich ein Mikro und singt: “Und isch weiß, nischts bleibt für immer, isch bin mir sischer, das beste wird noch komm”. Sein Markenzeichen ist die starke englische Färbung in seinen Worten, die er als Alleinstellungsmerkmal pflegt wie weiland Rudi Carrell. Fast könnte man denken, dass es gar nicht Howard Carpendale persönlich ist, sondern eine der genialen Parodien von Chris Böttcher – doch die Leinwand zeigt: Es ist der echte.
© Jens Niering
von Jens Niering
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Nicht ohne Grund beginnt der Abend mit dem Song “Let’s do it again”, denn angeblich ist es seine Abschiedstournee.
Die Stimmung ist gemütlich – mit altmodischen Witzen
Die Stimmung ist gemütlich, beinahe privat, was durch reichhaltiges Geplauder zwischen den Liedern und einem Duett mit dem jungen Gesangswunder Bella, noch verstärkt wird. Der alte Hase weiß, was er tut, er möchte ehrlich sein, wird auch über zehn Jahre nach dem Tod von Udo Jürgens nicht müde, zu erwähnen, dass die zwei sich eigentlich nicht sonderlich grün waren. Dennoch betont er, dass er ihn vermisst und präsentiert eine Hommage zur Melodie von “Ich war noch niemals in New York” an den großen Star, sehr anrührend, sehr emotional: “Alle deine Lieder, sie bleiben hier.” Ein durchaus schöner Moment, tränenreich, angenehm sentimental, gefolgt von seiner Freude über die ausverkaufte Halle und einem Aufruf zu mehr Menschlichkeit: “Das Glück, dass ich momentan erlebe, ist ein bisschen gestört. Wir atmen alle die gleiche Luft, wir leben alle unter dem gleichen Himmel. Was ist bloß los?”

© Jens Niering
von Jens Niering
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Doch irgendwie wirkt das Konzert etwas uninspiriert, er spielt kaum große Hits, nicht mal ein Medley. Dafür erzählt er von einer Begegnung mit einem Fan, der ein Selfie mit dem berühmten Barden machen wollte. Eine Routine-Situation, die nun mal zum Job dazugehört. Danach sagte der Mann aber: “Danke schön, Herr Kaiser.”
Es folgen ein paar ziemlich altmodische Witze, das Publikum lacht vergnügt. Trotzdem fehlt irgendwie der Pep. Man fühlt sich wie bei einer Fortbildung für Konzeptkunst. Das ist zwar leicht irritierend, denn immerhin hätte er eine Riesen-Palette in Petto, doch es zeugt ja auch von Haltung, nicht wohlfeil seine Highlights zu performen, sondern das gesamte Konzert leiser zu gestalten und sich der Erwartungshaltung der Anhängerschaft quasi zu verweigern – keine Nostalgie, ein Abschiedskonzert der besonderen Art. Nach anderthalb Stunden ist das Konzert vorbei. Am Merch-Stand kann man mit dem Konterfei des Künstlers bedruckte Textilien für faire Preise erstehen, auch signierte limitierte gerahmte Fotos gibt es.
Ich ziehe meinen Mantel an, bewundere noch mal kurz die nahezu staatsmännische Entschlossenheit, sich von der eigenen Vergangenheit zu emanzipieren, und steuere Richtung Ausgang.
Dann eine atemlos mitreißender zweiter Teil
Da höre ich eine Dame zu ihrer Freundin sagen: “Nach der Pause spielt er traditionell HELLO AGAIN.” Wie? Pause? Ein Glück, dass ich diesen Satz erlauschte. Es gibt also eine zweite Hälfte!

© Jens Niering
von Jens Niering
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Howard peitscht die Menge auf, es wird gejubelt, die Leute springen während einer grandiosen Version von “Stand by me” mit Sohn Wayne Carpendale von ihren Sitzen auf und jubeln euphorisch. Der junge Carpendale war noch wenige Stunden zuvor beim Versuch, sich selbst auf dem Fahrrad für Instagram zu filmen, böse gestürzt ist und hatte sich dabei eine Rippe gebrochen.
Ab jetzt kommen nur noch Chartbreaker, die zweite Hälfte der Show ist das genaue Gegenteil der ersten. Heiter, launig, kraftvoll, musikalisch meisterhaft, glasklar gesungen, manchmal textliche Aussetzer, egal. “Deine Spuren im Sand”, “Das schöne Mädchen von Seite Eins” und wieder und wieder das Wort “Langspielplatte”, schließlich knallrotes Licht im ganzen Saal und dem Finale durch seinen Welterfolg Ti amo: “Du willst ein neues Ziel finden, willst dich nicht mehr an mich binden. Stehts da, gepackt ist dein Koffer. Was gewesen ist gewesen”. Jeder kennt den Text auswendig und das Auditorium singt fehlerfrei mit.
Nach sechzig Bühnenjahren nun also das letzte Konzert vom lieben Howard, er tritt noch einmal alleine nach vorn und singt a capella ohne Begleitung der Band eine Abschiedsballade. Schnörkellos. Angemessen. Schön. Danke, lieber Howard.





















