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Käte Strobel: Erste SPD-Ministerin der Nachkriegszeit aus Nürnberg – Gesellschaft | ABC-Z

Heute würde ein Kanzler dafür einen Shitstorm ernten. Es waren andere Zeiten, schon klar, trotzdem würde man Käte Strobel zu gerne fragen, was ihr damals durch den Kopf ging. Wie sie diese höchste Auszeichnung männlicher Anerkennung empfand. Doch die erste sozialdemokratische Ministerin der Bundesrepublik ist vor 30 Jahren gestorben – und kaum jemand erinnert sich an sie. Es gibt keine Biografie oder Doku über sie, lediglich ein paar biografische Interviews, die auch diesem Text als Quellen dienen und in denen sie sich an die oben geschilderte Szene erinnert. In ihrer Heimatstadt Nürnberg trägt eine kurze Straße im Bahnhofsviertel ihren Namen.

Dabei ist Strobel eine Pionierin, die zweite Frau überhaupt in der Bundesregierung, nach der CDU-Ministerin Elisabeth Schwarzhaupt. 1971 ist sie laut Infas die bekannteste Politikerin Deutschlands.

Eine Frau in der Männer-Republik

Natürlich sind auch die meisten Minister der eher zweiten und dritten Reihe heute vergessen. Doch von ihnen haben wir ein Bild: Rauchende und bisweilen ernst schimpfende Männer in Anzügen. Sie regieren in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren mit, unter dem strengen Blick männlicher Journalisten. Politikerinnen tauchen nicht auf in dieser Erinnerung. Autor Torsten Körner, der den Polit-Pionierinnen mit seiner berührenden Dokumentation „Die Unbeugsamen“ ein filmisches Denkmal gesetzt hat, sieht in dieser Leerstelle einen Grund dafür, dass Frauen in der Politik bis heute unterrepräsentiert sind. Gerade einmal 204 von 630 Abgeordneten sind im aktuellen Bundestag weiblich, der Anteil liegt bei 32 Prozent – was immer noch recht weit entfernt von der Hälfte ist. Das sei „kein naturwüchsiges Phänomen, kein angeborenes Desinteresse“, sondern das Ergebnis männlicher Diskurse, die Frauen als Politikerinnen ausblenden, schreibt Körner in „In der Männer-Republik“, seiner Buchvorlage zur Doku.

Heute rauchen die Herren zwar keine Zigarren mehr vor laufender Kamera, die Anzüge sind eher dunkelblau, oft genug bleiben die Männer aber trotzdem noch unter sich. Unvergessen das Foto von sechs Unions-Anzugträgern Anfang 2025, vor sich Schnittchen und Orangensaft auf dem Tisch. Die Runde diskutiert nach eigener Aussage über die „Zukunft des Landes“, sieht dabei aber sehr nach Vergangenheit aus.

Zeit also für einen Blick zurück. Zu einer Frau, die sich einfügt in die Männer-Republik, ihr aber trotzdem ihren eigenen, wenn man so will, weiblichen Stempel aufdrückt. Käte Strobel kämpft als Gesundheits- und Familienministerin für faire Lebensmittelpreise, Verbraucherrechte, Bafög und die Pille auf Rezept. Sie nimmt die Ideen der 68er auf, die Autoritäten und Rollenbilder offen infrage stellen, spricht als Ministerin über Sex und Familienplanung, bleibt in den Augen vieler politischer Beobachter aber stets die „Hausfrau“, die „Kartoffel-Käte“.

Käte Strobel traute sich, damals heikle Themen anzusprechen: Die SPD-Politikerin stellt im August 1969 in Bad Wörishofen einer Schülerin den Sexualkunde-Atlas der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vor. picture-alliance/dpa

Geboren wird Strobel als Käte Müller am 23. Juli 1907 in der Nürnberger Gartenstadt, einer Arbeitersiedlung. Sie sind acht Kinder zu Hause, ihr Vater ist Schuhmacher, engagiert bei der Gewerkschaft, ihre Mutter Hausfrau. Es wird viel über Politik diskutiert in ihrem Elternhaus. „Mein Vater hat abends meiner Mutter aus Bebels Buch ‚Die Frau und der Sozialismus‘ vorgelesen. Sie selbst musste Strümpfe stopfen und Kleider flicken“, daran erinnert Strobel sich später – und dass sie als Kinder zu allem ihre Meinung sagen durften.

Ihr Mann ist im Widerstand, Käte Ströbel Ernährerin der Familie

Nach der Volksschule lernt Strobel den Beruf Kontoristin. Bei der sozialistischen Jugendbewegung trifft sie ihren späteren Ehemann, Hans Strobel. Mit 18 Jahren tritt sie der SPD bei, Hans arbeitet als Schriftsetzer bei der Parteizeitung „Fränkische Tagespost“, die beiden heiraten 1928. Während der Zeit des Nationalsozialismus schließt Hans sich dem sozialdemokratischen Widerstand an. Er schreibt geheime Berichte für Parteimitglieder, die in die Tschechoslowakei geflohen sind. 1934 wird er verhaftet, kommt erst ins Nürnberger Gefängnis, dann ins Konzentrationslager Dachau, für jeweils eineinhalb Jahre. Weil er anschließend nicht mehr arbeiten darf und die Parteizeitung ohnehin längst verboten ist, wird Käte zur Ernährerin der Familie. Sie arbeitet im Büro des Bayerischen Landesverbands für Gartenbau und Landespflege. In dieser Zeit bringt sie zwei Töchter zur Welt. Hans wird 1943 als Soldat für ein Strafbataillon eingezogen, Käte ist drei weitere Jahre allein mit den beiden Mädchen. Mehrmals werden sie ausgebombt, fliehen aus Nürnberg aufs Land.

Als der Krieg 1945 endet, ist das Land zerstört und die Nation ein Volk von Mördern, Mitläufern und Traumatisierten. Fast vier Millionen Männer sind im Krieg gefallen, mehr als elf Millionen in Gefangenschaft. Die sogenannten Trümmerfrauen stehen in langen Schlangen für Lebensmittelmarken an, tauschen ihre letzten Habseligkeiten gegen Eier, Butter und Kartoffeln, ziehen Holzscheite aus den Schutthaufen, um den Ofen anzuschüren. Nachkriegsdeutschland ist ein Land in Frauenhand.

„Hier werden keine Weiber gewählt!“

Ein Parteigenosse bittet Strobel, beim Wiederaufbau der SPD in Nürnberg mitzuhelfen. Als Hans 1946 nach Hause kommt, will Käte gerade in den Bayerischen Landtag. Doch sie unterliegt in der Auseinandersetzung um die Kandidatur einem Gegenkandidaten. „Hier werden keine Weiber gewählt“, bekommt sie zu hören. Doch Käte Strobel lässt sich nicht entmutigen, setzt sich als Kandidatin für ein Bundestagsmandat durch – und gewinnt. Sie wird in den ersten Bundestag 1949 gewählt, in dem nur sieben Prozent der Abgeordneten Frauen sind.

Rückblickend sagt Strobel, wäre Hans früher heimgekehrt, hätte er die politische Karriere gemacht – nicht sie. Die Historikerin Heike Specht schreibt in „Die Ersten ihrer Art“: „Eine politische Karriere für eine Frau war leichter, wenn sie keinen Mann an ihrer Seite hatte. (…) Manchmal erwies sich der Ehemann geradezu als Karrierekiller.“  Zu Hans’ Verteidigung sei gesagt, dass er Käte von da an den Rücken freihält. Er arbeitet in der Nürnberger Stadtverwaltung und kümmert sich um Haushalt und Kinder, während seine Frau zwischen Bonn und Nürnberg und später Straßburg pendelt. Von 1958 an ist Strobel Mitglied des Europäischen Parlaments, zwischen 1962 und 1964 sogar Vizepräsidentin. „Er war hundertprozentig für die Gleichberechtigung“, sagt Käte in einem späteren Interview über ihren Ehemann.

Bis heute werden Politikerinnen gefragt, wer sich denn um die Kinder kümmert, wenn sie bis spätnachts in Sitzungen festhängen. Bei Ex-Außenministerin Annalena Baerbock schwang stets im Subtext mit, wie sie als Mutter mit kleinen Kindern ausgerechnet dieses reiseintensive Ministerium wählen konnte. Strobels Biografie zeigt: Wenn mehr Frauen Politik machen sollen, müssen Männer mehr Verantwortung übernehmen. Nicht Frauen müssen Kinder und Karriere „unter einen Hut“ bekommen, Männer muss sich denselben Hut aufsetzen.

Übertriebene Höflichkeit, sexistische Anspielungen und plumpe Zwischenrufe

Am Bonner Bahnhof muss Strobel 1949 noch über Schutt und Ziegel steigen. Sie weiß nicht, was sie im Bundestag anziehen soll. Sie hat kein Büro, nur ein Fach für Unterlagen, wohnt bei einem älteren Ehepaar zur Untermiete. Und im Parlament zwischen den Ruinen wollen die Herren die Uhr zurückdrehen: Die in der Not des Krieges selbständiger gewordenen Frauen sollen ihren angestammten Platz in der Gesellschaftsordnung wieder einnehmen. Bundeskanzler Konrad Adenauer, der „Patriarch schlechthin“, sorgt dafür, dass Politikerinnen trotz formaler Gleichberechtigung im Grundgesetz „um ihre Stimme, ihre Zugehörigkeit zum Parlament, ihren Einfluss, ihre Redezeit und ihre Sichtbarkeit kämpfen“, schreibt Torsten Körner. Übertriebene Höflichkeit, sexistische Anspielungen und plumpe Zwischenrufe sind der Journalistin Regine Marquardt zufolge Alltag im Plenarsaal gewesen.

Strobel macht sich schnell einen Namen als Expertin für Verbraucher- und Ernährungspolitik. Sie sucht das Gespräch über Parteigrenzen hinweg und bringt die wenigen Frauen im Parlament zusammen. Ihr Aufstieg zur Ministerin hängt eng mit dem Wandel der SPD zusammen. Seit dem Godesberger Programm 1959 ist sie mehrheitsfähig und bereit, den ewigen Kanzler Adenauer abzulösen. Dieser wird von seinen Parteikolleginnen immer offensiver gedrängt, endlich eine Ministerin zu berufen. „Was sollen wir mit einer Frau im Kabinett? Dann können wir nicht mehr so offen reden“, soll er entgegnet haben. Als bekannt wird, dass bei den Koalitionsverhandlungen mit der FDP 1961 wieder keine Frau vorgesehen ist, besetzen die CDU-Abgeordneten Helene Weber und Aenne Brauksiepe aus Protest Adenauers Büro — ein frühes Sit-in.

Ein bestehendes Ressort will Adenauer nicht hergeben, Elisabeth Schwarzhaupt wird deshalb die erste Gesundheitsministerin der Bundesrepublik. In der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger löst Strobel sie 1966 ab. Eine Frau in der „Mannschaft“ reicht. Strobel hat eigentlich vom Europaministerium geträumt, doch der Sozialdemokrat Willy Brandt bittet sie, das Gesundheitsressort zu übernehmen. Sie sagt pflichtbewusst zu: „Wenn ein Ministeramt einer Frau angeboten wird, dann darfst du nicht ‚nein‘ sagen.“

„Denen werde ich beweisen, was ich kann.“

Einfach wird es ihr freilich nicht gemacht: Das Ministerium besteht fast nur aus Juristen und Medizinern. Sie wüsste ja nicht einmal, wie man einen Blinddarm operiert, wird auf den Fluren gelästert, eine Volksschülerin werde den Ärzten vor die Nase gesetzt. Erinnert ein bisschen an die Aufregung um Ursula von der Leyen, die fast 50 Jahre später „ungedient“ erste Verteidigungsministerin Deutschlands wird. Man begegnet auch ihr mit Spott und Misstrauen, heute ist sie die mächtigste Frau Europas. Das Muster ist klar: Die ersten Frauen müssen erst einmal zeigen, dass sie es würdig sind, einem Mann den Job wegzunehmen.

Strobels Reaktion: „Denen werde ich beweisen, was ich kann.“ Mit einer Grundgesetzänderung im Bundestag setzt sie zunächst mehr Kompetenzen für ihr Ministerium durch. Im Kampf gegen Kindersterblichkeit führt sie Pflichtuntersuchungen für Mütter und Säuglinge ein – und sorgt dafür, dass Krankenhausgeburten zur Kassenleistung werden. Sie gründet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, kämpft für die Liberalisierung von Abtreibungen und ordnet die Antibabypille auf Rezept an. Familienplanung ist ihr Thema, schon in der Weimarer Republik hat sie sich in einem Verein für bessere Aufklärung engagiert, kennt die Not der kinderreichen Familien aus eigener Erfahrung.

Ein Aufklärungsfilm als Blockbuster

1967 lässt sie den Aufklärungsfilm „Helga“ drehen. Er wird eine Art Blockbuster, spielt eine Million Mark in die Staatskasse ein. Der Film zeigt erstmals eine Geburt auf der Kinoleinwand. Ihren konservativen Kollegen muss es den Schweiß auf die Stirn und die Schamesröte ins Gesicht getrieben haben, schreibt die Historikerin Heike Specht. Auch ihr Sexualkunde-Atlas für Schulen löst Kontroversen aus: Er zeigt Geschlechtsorgane, erklärt detailliert Menstruation und Befruchtung. Konservative fürchten das Ende der Zivilisation (Bayern weigert sich, den Atlas zu verwenden), progressiven Gruppen geht er nicht weit genug.

Auch deshalb bleibt Strobel ein blinder Fleck in der Zeitgeschichtsschreibung: Sie lässt sich schwer vereinnahmen, weder von den Männern ihrer Generation noch von den Feministinnen danach. In den Augen der zweiten Frauenbewegung ist sie zu konservativ. Strobel würde sich mutmaßlich, wie dies auch lange für Kanzlerin Angela Merkel galt, nicht als Feministin bezeichnen. Und doch bereitet sie mit ihrer „Frauenpolitik“ den Boden für all jene, die nach ihr kommen. Sie verhandelt Themen, die undenkbar erscheinen, und arbeitet sich unbeirrt von Widerständen hoch. Sie ist nicht so unverblümt wie die bayerische Sozialdemokratin Renate Schmidt, nicht so aufwühlend wie die Grüne und Friedensaktivistin Petra Kelly – aber ohne sie hätte es diese Frauen vielleicht nicht gegeben.

Vielleicht wurde in der Herkunftsfamilie das Fundament für Käte Strobels große Stärke gelegt. Weggefährten loben ihre hohe Kommunikationsfähigkeit, sie spricht mit jedem. „Redegewandt und diskutierfreudig“ schreibt die SZ einmal über sie. „Wie wollen wir überhaupt andere für uns gewinnen, wenn wir nicht mit denen diskutieren und denen unsere Politik begreiflich machen?“, fragt sie einmal. Mit ihrer SPD-Kollegin Annemarie Renger – später erste Bundestagspräsidentin – tourt sie während des Wahlkampfs 1968 sechs Wochen durch die Republik, diskutiert in Stadthallen, ermuntert alle, Fragen zu stellen. Heute ist diese (vermeintliche) Bürgernähe im Wahlkampf selbstverständlich, damals ist die Idee revolutionär. In der Partei pflegt Strobel Netzwerke, erzählt von langen Abenden in der Kneipe und dem Bonner Hofgartenkränzchen, einem parteiinternen Diskussionszirkel.

In den Geschichtsbüchern steht über sie, sie sei durch und durch Parteisoldatin gewesen. Strobel gestaltet geschickt den Generationenwechsel in der Arbeiterpartei SPD mit, mehr Akademiker, Angestellte und Beamte strömen in den 60er-Jahren in die Partei. Sie ist eine Brückenbauerin – zwischen Genossen und Genossinnen, alten und jungen Sozialdemokratinnen, manchmal zwischen den Frauen von CDU, FDP und SPD, vor allem zwischen „den Wählern“ und „den Politikern“.

„Politik ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sie allein den Männern überlassen kann“

Nicht in ihrer Angepasstheit soll sie heute Vorbild sein, aber in ihrer Fähigkeit zu verbinden. Keine Frau in der Politik muss sich heute noch als Hausfrau tarnen, um Männern keine Angst zu machen. Aber mehr Miteinander täte denjenigen gut, die eigentlich das Gleiche wollen: eine gerechte, gleichberechtigte Gesellschaft. Und in diesem gemeinsamen Kampf braucht es nicht nur die laute Renate, sondern auch das leise „Käddele“, wie Strobel in Nürnberg genannt wird. Diese verlässt 1972 die Bundespolitik, nach sechs Jahren als Ministerin.

Bleiben wird ihr wohl berühmtestes Zitat: „Politik ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sie allein den Männern überlassen kann.“

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