Julia Roberts: Noch zarter, noch härter | ABC-Z

Es ist so schön, sie wiederzusehen. Julia Roberts ist noch zarter geworden, fast durchscheinend. Und doch erfasst ihre irisierende
Präsenz und Energie jedes Bild ihres neuen Films, egal ob sie in einer überfüllten
Bar sitzt, einen lausig ausgeleuchteten Flur entlangläuft oder in ihrer weiß gestrichenen
Wohnung auf einem grünen Samtsofa lümmelt – und zugleich thront.
In
dieser ersten Szene von Luca Guadagninos After
the Hunt, der in Venedig seine Weltpremiere feiert,
ist Roberts wirklich eine Königin, angehimmeltes Zentrum einer Party der US-amerikanischen Bildungselite. Sie spielt Alma Imhoff, eine
Philosophieprofessorin, die gerade einen Abend für Kollegen und Studierende
schmeißt. Im großzügigen Wohnzimmer befindet sich auch schon das
konfliktbestimmende Personal: Almas Ehemann, der Psychoanalytiker Frederik (Michael Stuhlbarg),
ihre lesbische Studentin Maggie (Ayo Edebiri), ihr jüngerer, ihr in Sachen Ehrgeiz ebenbürtiger
Freund und Kollege Hank (Andrew Garfield). Die Energiefelder aus Begehren, Bewunderung und
Eifersucht schweben noch unbestimmt durch den Raum, umso klarer ist das in der
Diskussion aufscheinende Thema des Films: Es geht um Ideen des französischen Philosophen Michel Foucault,
um das Konzept der öffentlichen Bestrafung, der Lynchjustiz durch Ächtung und Ausgrenzung.