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Juhu, es wird ein….. – Gesellschaft | ABC-Z

Ich war leider noch nie auf eine Gender-Reveal-Party eingeladen, die es laut Social Media ja zuhauf geben soll. Liegt das an meinem eingeschlafenen Nachtleben oder daran, dass meine Freunde schon froh sind, wenn sie die ausschweifenden Geburtstage ihrer Kinder überleben? Keine Ahnung, aber falls ich doch eines Tages auf eine Gender-Reveal-Party eingeladen werden sollte, komme ich definitiv. Backe Tage im Voraus, bringe eine Torte mit blauer Füllung und eine mit rosa Streuseln mit, unironisch. Erstelle Playlists von „Material Girl“ bis „It’s a Man’s Man’s Man’s World“, vielleicht fallen mir bis dahin noch originellere Titel ein. Öffne mich für alle Partyemotionen, Euphorie wäre toll, Ärger auch okay.

Denn wenn es stimmt, was auf Social Media kolportiert wird, dann sind werdende Mütter nicht selten enttäuscht, wenn sie erfahren, dass sie einen Jungen bekommen werden, und kein Mädchen. Dieses Gefühl wird „Gender Disappointment“ genannt. Auch von meinen Freunden habe ich in den letzten Jahren immer mal wieder gehört, dass sie froh seien, dass es ein Mädchen werde, die seien leichter zu handeln. Oder dass man nicht so gerne einen Jungen haben wollte, die Welt sei eh voller Männer, aber jetzt, eine Schwangerschaft und eine Geburt später liebe man diesen Jungen natürlich ganz so, als sei dieses „Gender Disappointment“ nie da gewesen. Klingt, als müsse man sich für dieses Gefühl entschuldigen.

Wenn eigene Kinder ins Spiel kommen, glaubt man leider oft, sich für seine Gefühle entschuldigen zu müssen. Sei es die kolossale Erschöpfung oder das Missverständnis, dass Kinder einen nicht automatisch zu einem dauerglücklichen Menschen machen. Gefühle sind aber nun mal da, und das Geschlecht spielt eine maßgebliche Rolle, wenn man in diese Welt hineingeboren wird, leider immer noch sehr. Nach den schweren Vorwürfen der digitalen Gewalt, die Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhoben hat, wird das wieder einmal sehr deutlich.

Als ich damals erfuhr, dass ich eine Tochter bekommen würde, war ich nicht mit einem Schlag glücklich oder erleichtert. Auch nicht enttäuscht. Leere war da auch nicht. Sofort dachte ich darüber nach, dass man als Mädchen und Frau anders durchs Leben geht als als Junge und Mann. Anders gehen muss. Dass man von klein auf beäugt wird, nicht so wild sein soll, nicht so krass, aber auch bitte nicht zu mädchenhaft mit zu viel Tüll und viel Pink. Wenn man älter wird, bleiben die Regeln mehr oder weniger die gleichen, man wechselt nur die Räume, vom Spielplatz ins Meeting. Und das tat mir vorauseilend leid für meine Tochter.

Die Podcasterin Jule Lobo, die gerade mit einem Mädchen schwanger ist, hat es neulich in ähnlichen Worten gut auf den Punkt gebracht. Sie freue sich so sehr auf ein Mädchen, weil sie das Gefühl vermitteln wolle, dass es „in keinster Weise zu keinem Zeitpunkt zu viel, zu laut, zu schlau, zu dumm, zu ambitioniert, zu träge, zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu irgendwas ist“. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

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