Joy Williams: “Von Europa aus gesehen muss das alles völlig irre sein” | ABC-Z

Die Schriftstellerin Joy Williams ist eine der bedeutendsten Stimmen der amerikanischen
Gegenwartsliteratur. Raymond Carver hat über sie
gesagt: “Joy Williams ist einfach ein Wunder.” Die Meisterschaft der 81-Jährigen zeigt sich vor allem in ihren Short
Storys, die das Vergehen von Zeit, das Aufglühen von Erinnerung und Begierde
in Sätzen von beiläufiger, manchmal hinterhältiger Tiefe erfassen. Hierzulande ist Williams noch immer ein Geheimtipp, doch das ändert
sich gerade. Bei dtv ist 2024 mit 52-jähriger Verspätung ihr erster Roman “In
der Gnade” (“State of Grace”) auf Deutsch erschienen, inzwischen sind im
selben Verlag auch zwei Bände mit Erzählungen – “Stories” und “Stories 2” – erhältlich. Gerade
unternimmt Joy Williams ihre erste Lesereise durch Deutschland, sie war nie
zuvor hier. Schneestürme in den USA
haben die Anreise der Autorin zermürbend verlängert. Beim Interview nun wirkt sie entspannt,
sie lacht gern. Wie stets trägt Williams ihre dunkle Sonnenbrille.
DIE
ZEIT: Joy Williams, Sie waren nie zuvor in Deutschland. Wie fühlen Sie sich?
Joy
Williams: Es ist sehr aufregend. Ich habe in den letzten Tagen mehr gesprochen,
als ich es üblicherweise zu Hause in der Wüste über Wochen tue. Dort spreche ich
nur mit meinen Hunden.
ZEIT:
Die Wüste ist Ihr Zuhause?
Williams:
Ich lebe in Tucson, Arizona, einer schönen Stadt, die aber langsam voll wird.
Wegen der Sonne ziehen immer mehr Leute dorthin.
ZEIT:
Sie sind eine Meisterin der lakonischen Beschreibung, der kaum merklichen
Unterströme. Was in Ihren Sätzen ausgedrückt wird, ist nie die ganze Wahrheit. Die vollzieht sich in Auslassungen. Wie kommen Sie mit der politischen
Situation in den USA zurecht, in der für solche Finessen des Ausdrucks offenbar
gar kein Platz mehr ist?
Williams:
Die Situation, ja, die ist schwierig. Von Europa aus gesehen muss das alles unvorstellbar,
völlig irre sein. Die Lage ist außer Kontrolle. Jeden Tag passiert etwas Neues
und Entsetzliches. Jetzt will Trump die Nationalparks zerstören. Ich bin so
froh, dass wir die haben. Aber er will dort Minen bauen lassen. Er tut alles, um
die Natur auch dort noch zu vernichten.
ZEIT:
Warum gibt es in den USA so wenig intellektuellen Widerstand gegen Trump?
Williams:
Gegen die Situation …?
ZEIT:
… ja. Ich habe neulich Ihrem Kollegen Richard Ford diese Frage gestellt: Warum
melden sich die Intellektuellen nicht? Und er schnarrte zurück: “Welche
Intellektuellen? Es gibt keine Intellektuellen in Amerika.”
Williams: Das hat Richard gesagt? Das passt zu ihm –
er nimmt nie ein Blatt vor den Mund. Aber ja, vermutlich hat er recht. Seit
Susan Sontag und ihrer Empörung über die Belagerung von Sarajevo 1993 hat sich
bei uns nicht mehr viel getan. Don DeLillo hat nach seinem jüngsten Buch Die
Stille das Schreiben jetzt auch aufgegeben …
ZEIT: Warum ist das so?
Williams: Vielleicht wollen die Autoren sich einfach
nicht unbeliebt machen, vielleicht wollen sie sich die Chance nicht verbauen,
in Oprah Winfreys TV-Show aufzutreten.
ZEIT: Im Gegensatz dazu äußern sich amerikanische
Comedians unverhohlen und mutig.
Williams: Ich habe von Jimmy Kimmels Absetzung und
Rückkehr auf den Bildschirm gehört. Aber ich habe kein Fernsehgerät.
ZEIT: Für Europäer, die die USA aus der Ferne
beobachten, sind die amerikanischen Comedians ein echter Trost.
Williams: Die Autoren hingegen … Die amerikanische Literatur ist in keinem so
guten Zustand. Vielleicht dauert das Bücherschreiben einfach zu lange. Richard
hat schon recht: Es gibt derzeit eine starke antiintellektuelle Strömung in
Amerika.
ZEIT: Haben Sie je den Drang gehabt, Trump verstehen
zu wollen? Ihn als literarische Figur zu benutzen?
Williams: Nein. Aber ich habe seit Jahrzehnten Texte
über die Zerstörung unserer Natur geschrieben, über die Ignoranz gegenüber der
Umweltverschmutzung in den USA. Und bin dafür beschimpft und verspottet worden.
Ich erinnere mich an eine hämische Überschrift in einer Zeitung: “Joy Williams
stampft mit ihrem Füßchen auf”. Und mein Text The Killing Game, der 1990 im Esquire erschien und sich kritisch mit der Jagd befasst, hat einen Aufruhr unter den
Lesern ausgelöst. Ich habe die vernichtende Energie erfahren, die diejenigen in
den USA zu spüren bekommen, die aus der Reihe tanzen. Dazu kommt noch etwas
anderes: Es herrscht in der kulturellen Szene eine dauernde Überwachung und
Selbstkontrolle über die Frage: Wer darf worüber schreiben? Und wer darf über
gewisse Themen keinesfalls schreiben? Das sorgt für Monotonie. Wir haben wohl
wirklich keine geeignete Nachfolgerin für Susan Sontag gefunden. Vielleicht war sie die letzte amerikanische
Intellektuelle?





















