Jahresrückblick 2025: Drohnen gefährden Sicherheit am Münchner Flughafen – Erding | ABC-Z

Wer die Drohnen gesteuert hat, ist bis heute nicht klar. Doch die Vorfälle am ersten Oktoberwochenende am Münchner Flughafen haben ein unterschätztes Sicherheitsrisiko in den Fokus gerückt und vielleicht mehr bewegt als zuvor Jahre politischer Diskussion. Die Bundeswehr soll künftig Amtshilfe im Erdinger Moos leisten, neue Gesetze kommen – und die Region wird mit einem Drohnenabwehrzentrum am ehemaligen Erdinger Fliegerhorst im Eiltempo Teil der neuen deutschen Sicherheitsarchitektur.
Es war der Abend des 2. Oktober, als gegen 20.30 Uhr die ersten Drohnensichtungen gemeldet wurden: erst im Umland des Münchner Flughafens, später in der Nähe des Flughafenzauns und schließlich gegen 22.10 Uhr auf dem Flughafengelände. Die Flugsicherung reagierte, der Flugbetrieb wurde um 22.35 Uhr auf beiden Start- und Landebahnen komplett eingestellt.
:Wählen Sie den Whatsapp-Kanal für Ihren Landkreis
Die Süddeutsche Zeitung bietet Whatsapp-Kanäle für alle Landkreise rund um München an. Das Angebot ist kostenlos. So abonnieren Sie die Kanäle.
Es folgte ein selten so erlebter Großeinsatz der Sicherheitskräfte: Landes- und Bundespolizei machten sich – unterstützt von Polizeihubschraubern – auf die Suche nach den Drohnenpiloten, Abwehrtechnik wurde in Stellung gebracht, die Bundeswehr zurate gezogen. Kaum hatte sich der Betrieb am Freitagmorgen wieder normalisiert, wiederholte sich das Szenario. Erneut wurden Drohnen gesichtet, der Flugbetrieb musste abermals eingestellt werden. Binnen 24 Stunden wurde der zweitgrößte Flughafen Deutschlands zweimal lahmgelegt. Die Bilanz: 32 Flüge fielen am ersten Abend aus, 46 Starts am zweiten. Insgesamt waren fast 10 000 Passagiere betroffen, gut die Hälfte strandete in den Terminals, auch weil wegen des Oktoberfests alle Hotels in der Umgebung ausgebucht waren.
Eine Passagierin aus der Gemeinde Haar, die auf dem Rückflug nach München war, erlebte die Nacht als Albtraum: Nach der Umleitung ihres Fluges nach Nürnberg ließ Condor die Fluggäste ohne Transfer oder Hotel dort zurück, wie sie schildert. Mit fünf anderen organisierte die Frau ein Taxi nach München – der Fahrer verlangte erst 400, dann 600 Euro. Kosten pro Kopf für die Heimreise: 160 Euro. Ihr Koffer blieb verschwunden, bis sie ihn Tage später selbst am Flughafen abholte. Inzwischen hat die Fluggesellschaft die Kosten erstattet und den Koffer ersetzt – acht Wochen und 40 E-Mails später, wie die Frau verärgert erzählt.

Am Flughafen dagegen zahlte sich aus, dass es für außergewöhnliche Situationen über die Jahre etablierte Abläufe gibt, die regelmäßig mit allen Beteiligten geübt werden, wie FMG-Sprecher Henner Euting erklärt. Um auch eine größere Anzahl von Passagieren über Nacht versorgen zu können, halte der Flughafen Getränke, Snacks, mehrere Hundert Feldbetten oder Einweg-Isomatten in ausreichenden Mengen vor. Bei Bedarf unterstützen Technisches Hilfswerk, Rotes Kreuz oder Malteser, an diesem Oktoberwochenende war es das BRK Freising, dessen Einsatzkräfte halfen, Essen zu verteilen. Die Gastronomien am Flughafen blieben zum Teil bis in die frühen Morgenstunden geöffnet.
Doch die Vorfälle zeigten, wie angreifbar der Münchner Flughafen ist – und die Politik zog eilig Konsequenzen. Am 7. Oktober stand fest: Die Münchner Flughafenregion spielt künftig eine zentrale Rolle in der Drohnenabwehr. Schon im ersten Quartal 2026 soll am ehemaligen Fliegerhorst, wo die Bundeswehr in ihrem Defense Lab bereits forscht, ein neues Zentrum für Drohnen und Drohnenabwehr die Arbeit aufnehmen. „Wir arbeiten mit Hochdruck, wie ich es selten erlebt habe“, sagt Thomas Vieweg, Leitender Polizeidirektor beim Polizeipräsidium München.

In seiner Taskforce geht es gerade um die künftige Personalstruktur, um Dienstposten – und es werden Gebäude am ehemaligen Fliegerhorst für die neue Nutzung geprüft. Organisatorisch wird das Zentrum bei der Bereitschaftspolizei angesiedelt – dort, wo auch Hubschrauberstaffel oder Wasserwerfer verortet sind. Im Endausbau ist ein 24/7-Betrieb geplant und, wie Vieweg andeutet: „Das ist nicht mit zehn Mann getan.“
Der Grund für die Eile: „Wir haben bei den Drohnen eine Entwicklungszeit von drei Monaten – von der Grundidee bis zum einsatzfähigen Produkt“, erklärt Vieweg. Der Ukraine-Krieg habe diese Dynamik massiv beschleunigt. Um mitzuhalten, bringe man jetzt Start-ups, Wissenschaft, Forschung und Praxisexperten in Erding zusammen, denn: „Wer die Drohnenabwehr beherrscht, beherrscht auch die Drohnen.“ Mit typischen Behördenabläufen und Ausschreibungen sei das nicht zu schaffen.
Wer die Drohnenabwehr beherrscht, beherrscht auch die Drohnen.
Thomas Vieweg, Leitender Polizeidirektor beim Polizeipräsidium München
Die Menschen im Umland kann Vieweg beruhigen: „Es gibt keine Erkenntnisse über irgendwelche Gefährdungen“, betont er. Die Sensibilität der Bürger sei gestiegen – zu Recht: „Je aufmerksamer die Bevölkerung ist, desto besser ist es.“ Das Problem sei oft die Verifizierung: „Es gibt sehr, sehr viele Sichtungen“, sagt Vieweg. „Oft stellt sich heraus, dass es keine Drohne war, sondern ein Hubschrauber, ein Flugzeug, ein Stern.“ Auch dafür seien die Experten-Teams wichtig – um echte Bedrohungen von Fehlalarmen zu unterscheiden.
Wer die Drohnen am Oktoberfest-Wochenende wirklich gesteuert hat, ist bis heute offen, die Ermittlungen laufen noch. Dass es nicht harmlos war, steht für Vieweg fest. Und dass Erding dadurch zum „Top-Sicherheitsstandort im Freistaat“ wird, wie Ministerpräsident Markus Söder (CSU) es formulierte, auch.





















