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Iran-Krieg: Israel hat Probleme mit der Luftverteidigung | ABC-Z

Amateuraufnahmen zeigen, wie Israels Luftverteidigung vor Kurzem im Irankrieg scheiterte: Eine Abfangrakete steuert auf ihr Ziel zu, aber der iranische Flugkörper lässt sich nicht von seinem Kurs abbringen. Er schlägt in der Stadt Dimona im Süden Israels ein. Wenige Stunden später trifft eine weitere Rakete die nahe gelegene Stadt Arad. Die Waffen trugen nach israelischen Angaben Hunderte Kilogramm Sprengstoff mit sich.

180 Menschen wurden bei den beiden Angriffen am Wochenende verletzt, die Schäden waren massiv. In einem Gebiet, das eigentlich als sehr gut geschützt gilt. Nicht weit entfernt liegt das Negev-Kernforschungszentrum Shimon Peres, das Teil des inoffiziellen israelischen Atomwaffenprogramms ist.

Wenige Tage danach schlug eine Rakete in Tel Aviv ein, eine weitere traf Bnei Brak. Nicht jeder direkte Einschlag wird sofort öffentlich bekannt. Und das, obwohl laut israelischen Angaben oft nur noch eine oder zwei Raketen auf einmal abgefeuert werden. Moshik Cohen, ein israelischer Rüstungsunternehmer und Fachmann für Raketentechnik, spricht von einem „Wettrennen zwischen den Angreifern und den Verteidigern“.

Zuletzt habe sich dieses nicht zu Israels Gunsten entwickelt, sagt er. Die Abfangquote sei in den vergangenen Tagen nicht gestiegen, sondern sinke. Daher bezweifelt Cohen auch die Angaben der Armee von einer mehr als neunzigprozentigen Erfolgsrate: „Ich würde heute, wenn ich großzügig schätze, eher von 75 oder 78 Prozent ausgehen – oder sogar noch weniger.“

Die Verteidigung ballistischer Raketen ist komplex

Unter zusätzlichen Druck gerät die Luftverteidigung durch Streumunition, die Iran laut der israelischen Armee intensiv einsetzt. Denn wenn eine solche Rakete, die mit mehreren kleinen Sprengköpfen ausgerüstet ist, spät abgefangen wird, wird die Submunition oft trotzdem freigesetzt. Diese geht dann über einem großen Gebiet nieder. Das hat in den vergangenen Tagen immer wieder Schäden in Wohngebieten verursacht und auch schon zu Toten geführt.

Die Folgen sind spürbar: So wurde am Ben-Gurion-Flughafen vor wenigen Tagen die Zahl der Personen, die an Bord eines abfliegenden Flugzeugs sitzen dürfen, aus Sicherheitsgründen auf 50 Personen reduziert. Das Militär ist zunehmend unter Erklärungsdruck. Die israelische Luftwaffe räumte laut der „Times of Israel“ Fehler ein, die zu den Einschlägen in Dimona und Arad geführt hätten, ohne diese weiter auszuführen. Demnach hingen die beiden Vorfälle aber nicht miteinander zusammen.

Die Verteidigung ballistischer Raketen ist komplex; sie fliegen mit extrem hoher Geschwindigkeit: Innerhalb kurzer Zeit muss die Bedrohung entdeckt, die Abfangroute berechnet und die optimalen Abwehrmittel eingesetzt werden. Die Armee identifizierte die eingeschlagenen Raketen als Typen der Ghadr-Familie. Sie zählen mit einer Reichweite von ungefähr 2000 Kilometern zu den fortschrittlicheren Flugkörpern Irans.

Aufhorchen ließ in Fachkreisen, dass Israel das System David’s Sling bei den gescheiterten Abwehrversuchen eingesetzt hatte. Das berichten israelische Medien unter Berufung auf die Armee. David’s Sling wurde mit einer geschätzten Reichweite von 300 Kilometern insbesondere gegen Kurzstreckenraketen aus Libanon oder dem Gazastreifen konzipiert.

Die Schwächen von David’s Sling

Es ist das mittlere Glied der mehrschichtigen israelischen Luftverteidigung und soll Geschosse in relativ niedriger Höhe mit einem direkten Treffer abwehren. Für die Verteidigung weitreichender ballistischer Raketen aus Iran war das System ursprünglich nicht gedacht. Nun wurde das Einsatzprofil offenbar erweitert. Erst im Februar, wenige Wochen vor Kriegsbeginn, wurden Tests zur Modernisierung von David’s Sling abgeschlossen.

Der Rüstungsunternehmer Cohen erklärt, dass seine Firma Aiphex an dem Upgrade beteiligt gewesen sei. Es basiere auf einer Veränderung der Software. Ein Restrisiko aber bleibe. Markus Schiller von der Universität der Bundeswehr München sagt, dass David’s Sling bei der Abwehr schneller Raketen Schwächen zeigen könnte. „Dafür wurde es ursprünglich nicht entwickelt.“ Und selbst bei einem erfolgreichen Abfangversuch in niedriger Höhe könnten demzufolge noch Trümmerteile auf israelische Städte niedergehen.

Israelische Medien gehen davon aus, dass das Militär verstärkt auf David’s Sling setzt, um andere wertvolle Abfangraketen aufzusparen. Diese wurden schon während des Zwölftagekriegs gegen Iran im vergangenen Juni stark beansprucht. Die Armee dementierte zuletzt Berichte, wonach die Bestände zu Neige gehen; „derzeit“ gebe es keinen Mangel.

Doch das Arrow-3-System, das für genau solche Angriffe ausgelegt ist, kam bei den Einschlägen in Dimona und Arad offenbar nicht zum Einsatz. Es bekämpft Raketen, die in einer hohen ballistischen Kurve fliegen, schon außerhalb der Erdatmosphäre. Überbleibsel verglühen oder gehen außerhalb Israels nieder. Arrow 3 bildet mit einer Reichweite von 2400 Kilometern die höchste Abfangschicht, das bekannteste israelische Abwehrsystem Iron Dome die unterste.

Die Kosten einer Arrow-3-Abfangrakete werden auf circa 2,5 Millionen Dollar geschätzt, bei David’s Sling soll der Preis je Schuss bei ungefähr einer Million Dollar liegen. Aus operativen Gründen würde es Sinn ergeben, die teureren Flugkörper für einen längeren Konflikt zu schonen. Israelische Offizielle, die skeptisch auf den verstärkten Einsatz von David’s Sling blicken, sehen sich hingegen nach den Einschlägen am Wochenende bestärkt.

Ein Vertreter aus dem Sicherheitsapparat sagte der Zeitung „Calcalist“, dass Arrow 3 die „ultimative Lösung“ sei. „Man kann zwar versuchen, die Fähigkeiten von David’s Sling zu erweitern, aber um sich vor iranischen Raketen zu schützen, muss man sie außerhalb der Atmosphäre abfangen.“ Der Sender Kanal 12 sprach von „Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Verteidigungsestablishments“ mit Blick auf den Einsatz von Arrow 3.

Hohe Kosten sind nicht das einzige Problem

Die hohen Kosten sind nicht das einzige Problem bei Arrow 3. Die Abfangraketen zu produzieren, dauert vergleichsweise lange – etwa zehn könnten derzeit je Monat hergestellt werden, sagt Rüstungsunternehmer Moshik Cohen. Zuletzt gab die israelische Regierung umgerechnet etwa 720 Millionen Euro an das Verteidigungsministerium für „dringende und unverzichtbare Rüstungsbeschaffungen“ frei, ohne Details zu nennen.

Dass Israel die Herstellung von Arrow-3-Raketen forciert, berichten mehrere Medien übereinstimmend. Auch Cohen, der einst als Berater für das israelische Verteidigungsministerium im Bereich der Raketenabwehr tätig war, bestätigt das – und fügt hinzu, dass seine Firma auch in diesem Fall an einer Lösung arbeite, um die Produktion zu beschleunigen.

Aber selbst dann, gibt er zu bedenken, gebe es immer wieder neue Herausforderungen. „Die Fähigkeiten unserer Gegner werden nur größer werden.“ Cohen hat die Vermutung, dass sich das schon bei den Raketentreffern in Arad und Dimona gezeigt habe. Die Iraner hätten die Beschränkungen der israelischen Raketenabwehr erkannt und ausgenutzt, sagt er. Näher erläutern will er das aus Gründen der nationalen Sicherheit nicht. Aber er sagt: „Ich habe den Verdacht, dass dieser Trend zunehmen wird.“

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