Wirtschaft

Iran-Krieg: Ein energieautarkes Deutschland, das ist keine Utopie – Wirtschaft | ABC-Z

Im Sommer 1975 zog sich die damalige Bundesregierung hier zu einer Klausurtagung zurück. Das Schloss war ihr Gästehaus, und zu Gast waren bei der Tagung auch Industrie und Gewerkschaften. Die Ölpreiskrise des Jahres 1973 lag noch keine zwei Jahre zurück, und wer wollte, konnte bis dahin auch das Buch „Die Grenzen des Wachstums“ gelesen haben. Das war 1972 erschienen. Trotzdem entschied sich die Runde, die Umweltpolitik in Deutschland auf Sparflamme zu setzen. Das Umweltprogramm der Bundesregierung, noch keine vier Jahre alt, wurde zurückgestutzt. Nicht mehr der sorgsame Umgang mit Ressourcen sollte im Vordergrund stehen, sondern Investitionen und ungezügeltes Wirtschaftswachstum. Angesichts der Rezession schien das opportun, sie hatte die Ölkrise verdrängt. Wie anders, wie viel besser hätte es dem Land in der Folge gehen können, wäre das Treffen anders ausgegangen?

Können sich die Europäer ihre Klimapolitik noch leisten? Falsche Frage!

Fast genau 50 Jahre später liegen die Dinge ähnlich, nur ist die Regierung nicht mehr in Bonn und Schloss Gymnich nicht mehr ihr Gästehaus. Seit 2022 schleppt sich das Land durch eine Wirtschaftskrise, ausgelöst durch den Angriff Russlands auf die Ukraine, durch ein Ende billiger Gaslieferungen aus Sibirien und deshalb rapide steigende Energiekosten. Von diesem externen Schock begann sich die Wirtschaft gerade zu erholen, auch mithilfe milliardenschwerer Staatsinvestitionen, da holt sie der nächste Schock schon ein – diesmal durch den Krieg am Persischen Golf. Auf der Straße von Hormus herrscht jetzt Öl- und Gasstau.

Zwei Schocks, zweimal ausgelöst durch fossile Knappheit wie einst in der ersten Ölkrise. Doch seit Monaten kreisen Debatten in Berlin und Brüssel vor allem um die Frage, ob sich die Europäer eigentlich ihre Klimapolitik noch leisten können. Ob so etwas wie der Emissionshandel die Sache nicht unnötig teuer macht. Ob Menschen in einer Wirtschaftskrise noch saubere Heizungen einbauen sollten und das mit der Umweltpolitik nicht insgesamt zu weit geht. Gymnich lebt.

Der Denkfehler ist so offensichtlich, dass er sich rational schwer erklären lässt. Ja, weite Teile auch der deutschen Wirtschaft laufen immer noch mit fossiler Energie. Und ja, Deutschland und auch Europa sind damit nicht gesegnet. Ein bisschen Öl, ein bisschen Erdgas, etwas Braunkohle findet sich hier, und Steinkohle nur tief unter der Erde. Ohne importierte Energie läuft die fossile Wirtschaft also nicht. Diese Abhängigkeit ist die Achillesferse des Standorts Deutschland, in Zeiten des Mangels ist sie ein frappierender Wettbewerbsnachteil. Aber statt diese Abhängigkeit Schritt für Schritt zu verringern, sägen Europas Regierungen seit Monaten an der Klimapolitik – also dem zentralen Werkzeug, diese Abhängigkeit zu vermindern.

Wettbewerbsfähigkeit, auch darum geht es. Selbst wenn sich aller Klimawandel über Nacht als wissenschaftlicher Irrtum erweisen würde – wovon allerdings leider nicht im Entferntesten auszugehen ist -, wäre die Klimapolitik immer noch ein Akt vorausschauender Wirtschaftspolitik. Jede Tonne Kohlendioxid weniger bedeutet weniger fossile Abhängigkeit.

Das erklärt umgekehrt auch die obsessive Abneigung des US-Frackinggas-Exporteurs Donald Trump gegen jede Form internationaler Klimapolitik; sie untergräbt sein Geschäftsmodell. Und es mag für Trumps russischen Präsidenten-Kollegen Wladimir Putin ein Kollateralnutzen seines Krieges sein, dass er die europäische Wirtschaft in einem Augenblick in die Knie zwang, als die Europäer gerade ihren „Green Deal“ besiegelt hatten. Die grauen Dealer arbeiten hart daran, dass ihnen die Junkies nicht abhandenkommen. Und die Junkies, das sind wir.

Die Politik darf sich nicht dazu verleiten lassen, Klimaziele zu verwässern

Wie anders sähe das in einem wahrhaft unabhängigen Land aus? Bis 2045, so steht es im deutschen Klimaschutzgesetz, soll Deutschland „klimaneutral“ sein. Das ist nur noch 19 Jahre hin; und nicht alle in der Bundesregierung erwecken den Eindruck, als nähmen sie das ernst oder hielten das ernsthaft für möglich. Manche Energiewende-Intervention aus dem Wirtschaftsministerium wirkt sogar so, als solle das Ziel noch hintertrieben werden. Aber mal angenommen, Berlin und Brüssel überstehen den Gymnich-Moment. Sie lassen sich durch eine schwächelnde Wirtschaft nicht dazu verleiten, ihre Klimaziele zu verwässern. Und Deutschland schafft es bis 2045 tatsächlich, die fossile Energie zu überwinden: Dann wäre eine Energiekrise kein Schrecken mehr, sondern ein gigantischer Wettbewerbsvorteil der Vorausschauenden.

Diese Welt wirkt unendlich weit weg, aber sie ist weniger utopisch, als viele glauben. Der Strom käme bis dahin nicht mehr zu 60, sondern zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien. Er betriebe nicht mehr nur Maschinen, Computer und Lampen, sondern Elektroautos und Wärmepumpen; und durch eine smarte Vernetzung entstünde aus all dem ein widerstandsfähiges Stromsystem. Stahl- und Chemiewerke würden zu Großabnehmern von Wasserstoff, vorzugsweise ebenfalls aus erneuerbarer Energie. Einen globalen Energieschock könnten Verantwortliche in der Wirtschaft wie auch die Bürger einfach weglächeln.

Wird es so kommen, in weniger als 20 Jahren? Und wird das Land bis dahin komplett ohne klimaschädliche Ausstöße laufen? Schwer zu sagen, vielleicht unwahrscheinlich. Sollte man es trotzdem anstreben? Ja, unbedingt.

Die Krise dieser Tage macht noch einmal deutlich, dass Klimaschutz letztlich auch gegen externe Schocks widerstandsfähig macht, und zwar nicht allein gegen jene des Klimawandels. Wer fossile Energie nicht mehr braucht, kann auch mit deren Entzug nicht gestraft werden. Das wiederum bedeutet einen Zugewinn an strategischer Souveränität. Und das alles noch jenseits völkerrechtlicher Verpflichtungen, wie sie aus dem Abkommen von Paris herrühren, und des Imperativs, der sich gegenüber nachfolgenden Generationen aus der Klimapolitik ergibt. Daran, dass der Klimawandel die existenzielle Herausforderung dieser Zeit ist, kann weder Donald Trump noch ein Krieg am Golf etwas ändern.

Doch die Krise dieser Tage zeigt auch, wie schwer es vorausschauende Politik hat, wenn die Wirtschaft unter Druck gerät. Alle Klimapolitik der jüngeren Zeit – das deutsche Klimaschutzgesetz, seine Verschärfung nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, der europäische Green Deal und Pläne für einen zusätzlichen Emissionshandel für Wärme und Kraftstoffe – all das stammt aus Zeiten wirtschaftlichen Wachstums. So wie die ersten deutschen Umweltgesetze zu Beginn der Siebziger entstanden, als man sich nach Jahren des Wirtschaftswunders endlich dessen ökologischer Folgen annehmen konnte, entstammt auch das Pariser Abkommen Zeiten relativen wirtschaftlichen Wohlergehens, jedenfalls in den reicheren seiner Unterzeichnerstaaten. All das gerät unter Druck – paradoxerweise in einer Situation, die den Wert dieser Politik unterstreicht.

Stattdessen kommt ein verhängnisvoller Mechanismus in Gang. Denn steigende Öl- und Gaspreise machen es nicht nur attraktiv, auf sparsamere Alternativen umzusteigen, sondern auch, neue Quellen für Öl und Gas zu erschließen. Wissenschaftler aus dem Dunstkreis des Bundeswirtschaftsministeriums etwa empfehlen, nun auch in Deutschland per Fracking Erdgas zu fördern. Wer aber im Jahr 2026 in neue Gasförderung investiert, wird diese kaum weniger als 20 Jahre später wieder einstampfen wollen. Sie zementieren die Abhängigkeit. Mehr noch: Steigende Mengen könnten perspektivisch auch zu einem Überangebot führen, mit sinkenden Preisen jenseits der Schockmomente. Das erschwert den Abschied.

Wer an Gas, Öl und Kohle festhält, behindert künftiges Wachstum

Auch die Energiekrise des Jahres 2022 hatte schon die Investitionen in neue Öl- und Gasvorkommen und die zugehörige Infrastruktur massiv steigen lassen – um fast 40 Prozent. Und statt „ineffiziente Subventionen“ für fossile Energie auslaufen zu lassen, wie die Staatenbünde G20 und G7 sich schon in vielen Schlussdokumenten untereinander zusicherten, erreichten sie 2022 die unfassbare Summe von sieben Billionen Dollar, wie der Internationale Währungsfonds ausrechnete. Dazu zählten auch Hilfen wie Tankrabatte und Gaspreisbremsen in Deutschland, die den Preisschock dämpfen sollten. Aber sie dämpften eben auch die naheliegende Reaktion: den Umbau.

Darin manifestiert sich auch eine Fehlannahme jener „Grenzen des Wachstums“, die das US-amerikanische Ehepaar Meadows 1972 skizziert hatte: dass nämlich mit einem ungebrochenen Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum auch die fossilen Rohstoffe zur Neige gehen würden und damit alles Wachstum ein jähes Ende finde. Tatsächlich haben Knappheiten an fossiler Energie in der jüngeren Zeit nur den Einfallsreichtum der Ingenieure angefacht, weitere, früher unzugängliche Ressourcen zu erschließen.

An der Grundannahme, dass die Welt Grenzen des Wachstums besser nicht austesten sollte, hat sich aber nichts geändert. Zumal, wenn diese Grenzen nicht von der Verfügbarkeit von Rohstoffen, sondern vom Klima und seinen Kipppunkten gesetzt werden. Das lehrt einiges für den Umgang mit der aktuellen Krise. Wer sie zum Vorwand nimmt, die Klimapolitik weiter zurückzudrängen, weil sie angeblich Wirtschaft und Verbrauchern nicht zuzumuten ist, hält das Land in der Abhängigkeit und vereitelt künftiges Wachstum. Wer glaubt, dass die Antwort auf fossile Knappheit die Erschließung neuer Quellen ist, löst kein Problem, sondern heizt eines an.

Was die Welt von jener Gymnich-Zeit der 70er-Jahre unterscheidet, sind die Möglichkeiten. Es ist eben möglich, ohne Öl von A nach B zu kommen oder ohne Kohle und Gas eine Lampe zum Leuchten zu bringen. Es sind sogar Infrastrukturen entstanden, um erneuerbaren Strom in großen Mengen durch Europa zu transportieren. Mit den Jahren sind Technologien entstanden und mit ihnen Fakten. Ein Selbstläufer ist der Abschied von den Fossilen trotzdem nicht.

Zukunft oder Vergangenheit, das ist die Wahl.  Die Entwicklung der vergangenen Jahre, getrieben auch von Rechtspopulisten in Deutschland und Europa, lässt befürchten, dass sie auf die Vergangenheit fällt: die Absicherung bewährter Geschäftsmodelle um den Preis einer weiteren Abhängigkeit. Das wäre Gymnich reloaded. Seinerzeit dauerte es übrigens keine vier Jahre, bis die nächste Ölkrise kam: 1979, infolge der Islamischen Revolution. Sie beendete jäh einen kurzen Aufschwung.

So muss es nicht kommen, wenn die Europäer Kurs halten beim Abschied von fossiler Energie. Sie könnten aus dieser Zukunft sogar ein Geschäftsmodell machen, das sich in alle Welt verkaufen lässt; und das umso besser, je häufiger Energiekrisen die Weltwirtschaft in Atem halten. Denn mit der Abhängigkeit stehen Deutschland und Europa nicht allein, sie sind umzingelt von Junkies. Eine Entziehungskur täte allen gut.

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