IPBES-Bericht zu Wirtschaft und Biodiversität – Wissen | ABC-Z

Es sind zwei nüchterne Sätze, in denen der Weltbiodiversitätsrat IPBES zusammenfasst, wie unglücklich Ökonomie und Ökologie heute zusammenhängen: „Was profitabel für Unternehmen ist, führt oft zum Verlust von Biodiversität. Und was gut für Biodiversität und Gesellschaft ist, ist oft nicht profitabel.“ So steht es im aktuellen „Business and Biodiversity“-Berichts des Biodiversitätsrats, an dem 79 Fachleute mehr als zwei Jahre lang gearbeitet haben. Diese Erkenntnis allein ist sicher nicht bahnbrechend, weshalb der Rat darüber hinaus der Menschheit mit mehr als 100 Vorschlägen den Weg aus dieser Misere weisen möchte.
„Es ist das erst Mal, dass jemand all die Zusammenhänge zwischen Biodiversität und der Wirtschaft durchleuchtet hat“, sagte
Matt Jones aus Großbritannien, einer der drei Co-Vorsitzenden des Berichts, während der Präsentation am Montag in Manchester, wo Forschende und Politiker in den vergangenen Tagen über das Papier diskutiert hatten. Er folgert: Unternehmen und andere Akteure könnten „entweder den Weg zu einer nachhaltigeren Weltwirtschaft weisen oder letztendlich das Aussterben riskieren – sowohl von Arten in der Natur als auch möglicherweise ihr eigenes“. Zudem liefere der Bericht Methoden, wie verschiedene Unternehmen, vom globalen Konzern bis zum einzelnen Händler auf einem regionalen Markt, etwas verändern können. „Der Verlust an Biodiversität ist eine der größten Bedrohungen für Wirtschaft und Gesellschaft“, sagte der zweite Co-Vorsitzende Stephen Polasky von der University of Minnesota.
Die Autorinnen und Autoren legen in ihrem Bericht dar, wie die Weltwirtschaft von der Ausbeutung der Natur einerseits profitiert, andererseits aber auch direkt oder indirekt abhängig von ihr ist – ein System, das gegen sich selbst arbeitet. Doch während die Erkenntnis eigentlich allen klar ist, passiere viel zu wenig, um das System zu ändern. „Während einige Unternehmen Maßnahmen ergreifen, die der biologischen Vielfalt zugutekommen, gibt es unzureichende oder perverse Anreize, die das ‚Business as usual‘ aufrechterhalten“, heißt es in dem Bericht. Unternehmen, die sich bemühten, den Artenschwund zu stoppen, hätten es schwerer als die Mehrzahl, die weitermacht wie bisher. „Die derzeitigen Bedingungen führen zu einer Fortsetzung des Status quo und unterstützen nicht den transformativen Wandel, der erforderlich ist, um den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen und umzukehren.“
Freiwillige Selbstverpflichtungen funktionieren nicht
Das Fatale daran: Es ist kurzfristig und ökonomisch rational, so zu handeln. Wer als Unternehmen Biodiversität schützt, hat oft das Nachsehen gegenüber der Konkurrenz. Wer Quartalsgewinne über Ökosystemregeneration stellt, wird an der Börse belohnt. Bislang gilt ein Geschäft oft entweder als profitabel oder es bewahrt die Biodiversität. Diese Rechnung würde laut IPBES nicht mehr aufgehen, wenn Unternehmen auch für die Umweltkosten ihrer Geschäfte bezahlen müssten. Würde man solche Kosten auf die Preise von Produkten aufschlagen, müssten diese viel teurer sein als heute meist üblich.
Selbst bei Produkten aus biologischer Landwirtschaft, die in der Regel deutlich mehr kosten als konventionell erzeugte, sind die Umweltkosten nicht vollständig eingepreist, in der Regel fallen diese bei solchen Produkten allerdings niedriger aus. Während der Schaden an der Erdatmosphäre durch Treibhausgase allmählich durch die Bepreisung von CO₂-Äquivalenten in die Produkte einkalkuliert wird, gibt es ein solches System für andere Umweltschäden und Artenschwund noch nicht. „Wie heute Geschäfte betrieben werden, ist nicht immer kompatibel mit dem Ziel, eine gerechte und nachhaltige Zukunft zu sichern“, sagte die Co-Vorsitzende Ximena Rueda aus Kolumbien während der Vorstellung des Berichts am Montag. „Ein besserer Umgang mit der Natur ist für Unternehmen keine Option, sondern eine Notwendigkeit.“ Dabei gebe es bislang praktisch keinen Anreiz für Unternehmen, etwas für die Umwelt zu tun.
Hohe Subventionen fließen in wirtschaftliche Aktivitäten, die den Verlust der biologischen Vielfalt begünstigen, „oft mit Unterstützung von Lobbyarbeit durch Unternehmen und Wirtschaftsverbände mit Eigeninteressen“, heißt es in dem Bericht. So hätten sich im Jahr 2023 die globalen öffentlichen und privaten Finanzströme mit direkten negativen Auswirkungen auf die Natur auf schätzungsweise 7,3 Billionen US-Dollar belaufen. Dagegen seien nur etwa 220 Milliarden US-Dollar an öffentlichen und privaten Finanzmitteln in Aktivitäten geflossen, die zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der biologischen Vielfalt beitragen. Die umweltschädlichen finanziellen Zuwendungen stammen dabei zwar größtenteils von privaten Investoren mit Interesse an hohen Renditen, 2,4 Billionen Dollar stammen aber aus öffentlichen Ausgaben.
:Weniger Pestizide, aber mehr Gift
Ökologen warnen: Das Verbot mancher Mittel kann das Risiko für die Umwelt nur verlagern. Auch in Deutschland wurde demnach zuletzt weniger gespritzt, aber die toxische Belastung stieg.
Die Arbeitsgruppe präsentiert Dutzende Lösungsvorschläge, betont aber auch, dass es keine einzelne Lösung für alle gebe. Die Verantwortung liege nicht allein bei den Unternehmen, betonte Matt Jones: „Wir können nicht erwarten, dass die etwas tun, wenn sich der politische Rahmen nicht ändert.“ Natürlich könnten Konzerne und Unternehmer jederzeit anfangen zu prüfen, wo die wichtigsten Berührungspunkte zwischen Geschäft und Natur sind, und überlegen, wie sie den Schaden minimieren. „Doch wirklich funktionieren kann das nur, wenn die Politik den Weg ebnet, das können die Unternehmen nicht allein schaffen.“
Das betonen die Autorinnen und Autoren an vielen Stellen des Berichts: Man müsse der Wirtschaft durch Anreize dabei helfen, das Richtige zu tun, und das, was profitabel ist, mit dem in Einklang bringen, was gut für die biologische Vielfalt und die Gesellschaft ist. „Die Schaffung dieses förderlichen Umfelds würde dazu führen, dass Unternehmen und Finanzinstitute zu positiven Akteuren des Wandels hin zu einem gerechten und nachhaltigen Wirtschaftssystem werden“, so die Hoffnung.
Unternehmen müssten aber nicht auf die Politik warten, sagt Ximena Rueda. Sie könnten bereits heute anfangen zu prüfen, inwieweit sie von der Natur abhängen, die wesentlichen Berührungspunkte identifizieren. „Bislang berichtet weniger als ein Prozent der Unternehmen über ihren Einfluss auf die Natur.“
Als Startpunkt lohne es sich, dort hinzuschauen, wo am meisten Geld hinfließt, sagt Matt Jones. Der Bericht benennt aber auch deutlich, was nicht funktioniert: Freiwillige Selbstverpflichtungen aus der Wirtschaft, Ausgleichsmaßnahmen für entstehende Schäden, wenn die Schäden nicht massiv reduziert werden, und unverbindliche Initiativen aus der Industrie, bei denen sich ein Erfolg meist nicht messen lässt.
„Alle Wirtschaftsbereiche sind und werden betroffen sein“, sagte Marten Winter vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig dem Science Media Center, das stelle der Bericht klar. „Es ist nicht mehr ‚nur‘ die Landwirtschaft oder Wirtschaftsbereiche, die direkt mit Naturgütern handeln und arbeiten. Es betrifft jeden!“ Der Biodiversitätsforscher war nicht an diesem IPBES-Bericht beteiligt.
Der Ökonom Stephen Polasky erklärte bei der Präsentation aber auch, was ihm Hoffnung macht: „Meine Studenten sagen, wir brauchen eine Wirtschaft, die die Erde einbezieht.“ Man könne Ökonomie und Ökologie nicht mehr getrennt voneinander betrachten. „Das macht mich zuversichtlich für die Zukunft.“





















