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Niklas Kaul und Leo Neugebauer setzten vor WM-Zehnkampf auf Gelassenheit | ABC-Z

Gelassenheit als Grundeinstellung ist die Maxime, die sich Niklas Kaul vor der Zehnkampf-Entscheidung an diesem Wochenende bei der Leichtathletik-WM in Tokio auferlegt hat. „Wir müssen alle bei uns selbst bleiben“, sagt der Siebenundzwanzigjährige aus Mainz, „Disziplin für Disziplin abhaken.“ Und dann vor dem abschließenden 1500-Meter-Lauf mal schauen, welche Platzierung dabei herauskommen könnte.

Leo Neugebauer ist von Hause aus ein lässiger Typ: „Im Zehnkampf kann immer alles passieren“, sagt der 25 Jahre alte Wahl-Texaner lapidar und lehnt die von außen an ihn herangetragene Gold-Fokussierung locker ab: „Ich weiß nicht, ob ich die Favoritenrolle habe. Vorleistungen spielen keine Rolle.“

Niklas Kaul war mit 21 Jahren schon Weltmeister und drei Jahre später Europameister. Leo Neugebauer schob im vergangenen Jahr mit 8961 Punkten den deutschen Rekord nahe an die Traumgrenze von 9000 Punkten, gewann dann in Paris die olympische Silbermedaille. In keiner Disziplin kann der Deutsche Leichtathletik-Verband ein ähnlich starkes und erfolgversprechendes Duo vorweisen wie im Zehnkampf. Doch auf der langen Distanz eines Wettkampfs, der sich über zweimal zwölf Stunden erstreckt, sind viele Stolperfallen eingebaut.

Welt- und Europameister: Niklas KaulPicture Alliance

Zehnkampf ist Zahlenkampf. Jede einzelne Leistung in jeder einzelnen Disziplin wird gemessen, gewichtet und letztlich in einen Wert umgerechnet. Da kann der Kopf schon mal zu viel Energie vergeuden, wenn der Körper gefordert ist.

„Ich mache mein Ding“

Genau das ist das Problem. Weshalb Niklas Kaul sich strikte Zahlen-Abstinenz auferlegt hat. „Es macht keinen Sinn, vorher zu rechnen“, lautet sein Mantra. Aus der Erfahrung des olympischen Zehnkampfs von Paris, der für ihn enttäuschend verlief, hat er sein Mindset geändert. In der Nachbereitung erkannte Kaul, dass es ein Fehler war, sich ein Punktziel zu setzen. Zwar strebt er immer noch eine Verbesserung seiner Bestmarke an, die seit 2019 bei 8691 Punkten steht, will dieser aber nicht krampfhaft nachlaufen. „Angenehmer ist, mich in jeder Disziplin auf zwei technische Aspekte zu konzentrieren, auf die man im Training Wert gelegt hat – und die abarbeiten.“ Wenn es klappt, „sich nicht so auf die absolute Leistung zu fokussieren“, purzelten die Punktzahlen von allein, so der Gedanke. Wichtig sei vor allem, dass sie gesund und verletzungsfrei durch die Vorbereitung gekommen seien, betonten beide übereinstimmend.

Deutscher Rekordhalter und Olympia-Zweiter: Leo Neugebauer
Deutscher Rekordhalter und Olympia-Zweiter: Leo NeugebauerReuters

„Ich hatte Spaß an dem Sport, den ich letztes Jahr nicht so hatte“, erklärte Kaul. Neugebauer ermahnte sich in den letzten Tagen vor dem WM-Zehnkampf, „nicht zu viel zu machen“. Die deutschen Mehrkämpfer, zu denen noch Till Steinforth als dritter Mann gehört, hatten sich im Precamp in Miyazaki an die Bedingungen des japanischen Spätsommers gewöhnt, dort die Ruhe genossen, sich entspannt und akklimatisiert. In Tokio angekommen, konzentrierten sie sich dann auf Kleinigkeiten, begutachteten das Olympiastadion, guckten sich Schattenplätze aus, präparierten Kühlwesten, um der Hitze zu entkommen. Und schütteten Wasser in den Diskusring, um auch technisch vorbereitet zu sein, sollte es während der Wettkämpfe regnen.

Womit sich beide nicht beschäftigten: was die anderen draufhaben. „Wir haben eine gute Konkurrenz“, weiß Kaul, „aber wir versuchen, uns nicht auf die Ergebnisse der anderen zu fokussieren.“ Laut Startliste geht Sander Skotheim als Favorit ins WM-Rennen. Der dreiundzwanzigjährige Norweger legte Anfang Juni in Götzis 8909 Punkte vor, gefolgt vom Amerikaner Kyle Garland, der in dieser Saison schon 8869 Zähler erzielte. Olympiasieger Damian Warner, Weltmeister Pierce Lepage (beide Kanada), Europameister Johannes Erm (Estland) sowie Ayden Owens-Delerme (Puerto Rico) sind weitere Medaillenkandidaten. Kaul liegt in der Jahresbestenliste auf Rang drei (8575), Neugebauer auf fünf (8555). „Es gibt so viele gute Leute“, fasst Neugebauer die lange Liste der Konkurrenten zusammen: „Ich fokussiere mich auf mich und mache mein Ding. Und dann mal schauen.“

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