Interview: “Russland ist einer der großen Profiteure” | ABC-Z

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Die Lockerung der Öl-Sanktionen spielt Präsident Putin in die Hände, ist Russland-Experte Janis Kluge überzeugt. Es verrate aber auch viel über das Verhältnis zwischen Moskau und Teheran, sagt er bei tagesschau24.
tagesschau24: Die USA lockern, zumindest vorübergehend, ihre Öl-Sanktionen gegen Russland. Was bedeutet das für Russland – umgerechnet in Geld und in Macht?
Kluge: Russland ist natürlich jetzt einer der ganz großen Profiteure der Krise auf dem Ölmarkt. Nicht nur, weil der Ölpreis gestiegen ist, sondern eben auch wegen der Lockerung dieser Sanktionen. Und Russland bekommt aktuell für sein Öl mehr als doppelt so viel wie noch im Januar und Februar. Das bedeutet in Zahlen ausgedrückt, dass Russland zusätzliche Einnahmen von mehreren hundert Millionen pro Tag hat. Natürlich schwächt das die Sanktionen stark ab.
Aber es ist auch nur eine Momentaufnahme: Es wird darauf ankommen, wie lange diese Krise andauert. Wenn es einige Wochen sind, dann macht das letztlich wirtschaftlich keinen großen Unterschied. Wenn es das ganze Jahr so weitergeht, dann wäre es für Russland tatsächlich eine Stärkung.
Zur Person
Dr. Janis Kluge ist stellvertretender Leiter der Forschungsgruppe Osteuropa und Eurasien bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die russische Innenpolitik, die wirtschaftliche Entwicklung Russlands sowie Sanktionen und ihre Wirkung.
tagesschau24: Der Kreml wittert nun seine Chance auf weitere Lockerungen von Sanktionen gegen den russischen Energiesektor. Wie sehr braucht denn Russland Zugang zum westlichen Energiemarkt?
Kluge: Es geht ja bei den aktuellen Sanktionen eigentlich um den Energiemarkt in Indien und China. Diese Drittstaaten haben weiterhin russisches Öl importiert, sind aber in den letzten Monaten durch neue Sanktionen, die im Herbst beschlossen wurden, stark unter Druck geraten. Und das hat dazu geführt, dass Russland für das Öl, das es verkauft, fast keine Kunden mehr gefunden hat. Dadurch gab es dann eben einen sehr großen Rückstau russischen Öls auf dem Meer.
Das Ziel der Amerikaner ist offenbar nun, dass dieser Rückstau gezielt abverkauft wird, damit kurzfristig etwas Druck aus dem Ölmarkt genommen wird, während neu exportiertes Öl weiterhin eigentlich den Sanktionen unterliegen soll.
Zweckbeziehung zwischen Iran und Russland
tagesschau24: Wie hoch ist das Interesse Moskaus, dass der Iran-Krieg fortgesetzt wird? Immerhin hat Russland ja jetzt davon profitiert.
Kluge: Ich glaube, das ist eigentlich aus russischer Sicht zwiespältig: Es gibt zwar auf der einen Seite diese Mehreinnahmen und natürlich auch den symbolischen Erfolg, dass Sanktionen gelockert werden. Allein das schon ist ein großer Erfolg für Putin. Auf der anderen Seite ist Russland natürlich etwas in der Zwickmühle, weil Iran in den letzten Jahren ein wichtiger Verbündeter war. Iran hat ja Waffen geliefert an Russland, die es brauchte für seinen Krieg in der Ukraine.
Und jetzt kann Russland Iran nicht wirklich zur Seite stehen. Putin hat sich extrem zurückhaltend geäußert, hat die Amerikaner gar nicht offen kritisiert. Und das sieht natürlich so aus, als ob Russland seine Verbündeten, seine Partner, wenn es darauf ankommt, im Stich lässt.
tagesschau24: Wenn wir noch einmal einen Rückblick wagen auf das Verhältnis von Russland und Iran. Wie stehen diese beiden Länder zueinander? Ist das eine tiefe Freundschaft oder eine Zweckbeziehung?
Kluge: Ich glaube, es ist auf jeden Fall eine Zweckbeziehung – zumindest für Russland in den letzten Jahren, weil man über Iran wichtige Drohnen bekommen konnte und auch die Technologie, um Shahed-Drohnen in Massenfertigung produzieren zu können. Das war eines der größten Probleme der Ukraine im vergangenen Jahr.
Dennoch ist klar, dass es für Putin nun viel wichtiger ist, das Verhältnis zu Trump nicht zu gefährden. Und an der Stelle zeigt sich eben auch die Grenzen dieser Loyalität, die Grenzen dieser Partnerschaft. Weil doch das Verhältnis zu den Amerikanern für Russland aktuell mehr wert und wichtiger ist.
Diplomatische Atempause für Ukraine
tagesschau24: Wenn der Rubel rollt – oder in diesem Fall jetzt der Dollar – dank der gelockerten US-Sanktionen: Was bedeutet das für den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine?
Kluge: Die Ukraine hat natürlich nicht nur das Problem, dass Russland jetzt mehr Geld bekommt, sondern eben auch, dass möglicherweise wichtige Waffensysteme knapp werden, die die Ukraine in der Zukunft benötigt. Das ist schwierig.
Auf der anderen Seite hat die Ukraine ja im letzten Jahr fast eine Art Zwei-Fronten-Krieg gekämpft. Es musste sich auch gegen immer neue Initiativen aus Washington zur Wehr setzen, Kiew praktisch eine Kapitulation aufzudrängen. Insofern ist es für die Ukraine vielleicht auch erstmal eine Atempause auf der diplomatischen Ebene, dass jetzt dieser Druck aus Washington nachgelassen hat, weil eben der Iran-Krieg wichtiger geworden ist.
Außerdem kann die Ukraine sich auch etwas profilieren, weil sie eben die Technik hat, um gegen diese iranischen Drohnen vorzugehen. Darüber haben sich ja jetzt auch Partnerschaften mit arabischen Staaten entwickelt. Aber natürlich überwiegt der negative Aspekt, dass Russland jetzt durch die Situation auf den Energiemärkten gestärkt wird.
Das Gespräch für tagesschau24 führte Carl-Georg Salzwedel – es wurde für die schriftliche Fassung leicht gekürzt und redigiert.





















