Interview | Eiskunstlauf-Reporter Daniel Weiss: “Minerva und Nikita gehen aufs Ganze” | ABC-Z

Interview | Eiskunstlauf-Reporter Daniel Weiss
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“Minerva und Nikita gehen aufs Ganze”
Für die Elite des Eiskunstlaufens ist der Auftakt in die Olympische Saison geschafft. Das Berliner Paar Hase/Volodin ist mit einem Sieg gestartet, hat aber noch viel Arbeit vor sich, erklärt ARD-Reporter Daniel Weiss im Interview.
rbb: Die Eiskunstlauf-Saison wurde am Wochenende traditionell mit der Nebelhorn-Trophy in Oberstdorf eröffnet. War es in Anbetracht der bevorstehenden Olympischen Spiele anders als sonst?
Daniel Weiss: Der Wettkampf war so gut besetzt, wie schon lange nicht mehr und es kamen auch sehr viele Zuschauer. Alle wussten, wie wichtig dieser Auftakt ist. Für unsere Paare, die an Olympia teilnehmen, war es unglaublich wichtig, die aufgebauten Olympia-Programme mal heiß zu testen und das Feedback von der Jury zu bekommen.
Das Berliner Erfolgspaar Minerva Hase und Nikita Volodin ist mit völlig neuem Programm angetreten und hat direkt brilliert. Haben Sie diese starke Frühform erwartet?
Ich persönlich würde nicht sagen, dass sie brilliert haben. Auch Mini [Spitzname von Minerva Hase, Anm. d. Red.] und Nikita würden das sicherlich nicht so unterschreiben. Es war eine wichtige Standortbestimmung und sie haben die Weltmeister geschlagen. Die Japaner sind allerdings auch einmal gestürzt und haben einen Sprung aufgerissen, deswegen lag es auf der Hand. Aber ihr Auftakt im letzten Jahr war für mich eigentlich besser als der in diesem Jahr. Sie haben allerdings auch zwei neue Programme aufgebaut, was besonders schwierig ist.
Was halten Sie vom neuen Kurzprogramm und der Kür?
Das sind zwei olympiawürdige und richtig schwierige Programme, die sie sich da auferlegt haben. Was wirklich brillant war, war die technische Umsetzung – gerade im Kurzprogramm. Die Elemente sind wahnsinnig schwierig auszuführen, und sie haben es zweimal gut hinbekommen. Minerva und Nikita gehen damit schon aufs Ganze.
Und was war noch nicht so gelungen?
Die Anspannung war noch unglaublich hoch, dass müssen sie in den nächsten Wochen in den Griff bekommen. Da reden wir über ein ganz hohes Niveau, aber es kann am Ende eben den Unterschied zwischen Gold, Silber oder Bronze ausmachen. Das letzte Gefühl für die Emotionen muss noch gefunden werden. Ähnlich war es auch im Kurzprogramm. Da haben sie einen Tango ausgewählt. Fast alle fanden das toll und es ist auf einem Top-Niveau. Aber der Tango-Charakter kam noch nicht so ganz durch. Die Leidenschaft zwischen Mann und Frau, die Tiefe und die Körpernähe sind schwierig umzusetzen. Es braucht Zeit und Reife. Und wir haben jetzt fast Oktober, das ist schon ziemlich spät. Sie haben noch ein hartes Stück Arbeit vor sich.
Die hohen Ambitionen zeigen sich auch am Team um sie herum. Mit Benoît Richaud haben Sie einen Starchoreografen ins Boot geholt.
Ja, er hat die Kür gemacht. Das ist ein sehr angesagter Choreograf, der für die beiden ein sehr gutes Programm kreiert hat, mit einer Musik, die durchaus Risiken birgt. Sie wirkt nur, wenn du die Elemente sehr gut platzierst, du sehr tief emotional auf die Musik eingehst und auch eine Entspanntheit ausstrahlst. Es ist ein sehr künstlerisches Programm, dass man richtig rüberbringen muss.
Auch die zweifache Olympiasiegerin Katarina Witt unterstützt die beiden, hat für Ihre Kostüme bezahlt. Ist man als aktuelles Aushängeschild des deutschen Eiskunstlaufens tatsächlich auf private Geldgeber angewiesen?
Leider ja. Die Deutsche Eislauf Union hat nicht genügend Mittel, um die Athleten perfekt für eine Olympiasaison auszustatten. Choreograf, Komponist, Kostüme, Trainer, Reisen – das ist alles teuer. Deswegen haben die beiden aus einem Freundeskreis heraus private Gönner und Firmen gefunden, die sie unterstützen, um am Ende überhaupt auf Null rauszukommen und die Olympiasaison so entspannt wie möglich zu machen.
Ist das Engagement von Katarina Witt auch Ausdruck einer großen Hoffnung der Eislauf-Szene, dass Hase/Volodin endlich wieder eine Medaille für Deutschland holen könnten?
Sie hat es gemacht, weil ihr Herz an dem Sport hängt. Und nicht nur finanziell, sondern auch mit ihrer Erfahrung wird sie unheimlich viel helfen. Sie ist vielleicht die beste Ansprechpartnerin, wenn es um den Umgang mit Druck geht. Damals in Calgary hat die ganze Welt den Kampf zwischen Ost und West beobachtet. Sie liebt den Sport und diese zwei Menschen, deswegen war es für sie keine Frage, zu helfen.
Aber die Erwartung eines Olympia-Erfolges gibt es von außen ja schon.
Ja, sicherlich. Und ich glaube die beiden wissen auch selbst, dass sie dafür bereit sind und das Können haben. Jetzt gilt es, mit dem Druck umzugehen. Ich glaube, dass Nikita das einen Tick besser schafft als Minerva. Aber Minerva ist halt diejenige, die die schwierigen Flugphasen sauber durchstehen muss. Da hat man ihr die Anspannung in Oberstdorf noch angesehen. Aber es war auch der erste Wettkampf. Man verliert über den Sommer das Gefühl dafür, unter Druck zu laufen. Deshalb ist die Zusammenarbeit mit Katarina so wichtig. Da sind sie jetzt auf einem guten Weg und ich glaube die Bewältigung von Druck wird der entscheidende Schlüssel zur Olympia-Medaille.
Bei allem Fokus, der ja zurecht auf Hase/Volodin liegt, muss auch der Auftritt des zweiten Berliner-Paars bei der Nebelhorn Trophy gewürdigt werden. Annika Hocke und Robert Kunkel hatten in der Vorbereitung mit einer schweren Verletzung zu kämpfen, standen nun aber wieder auf dem Eis. Wie hat Ihnen die Performance gefallen?
Wirklich super. Ich fand es ganz stark, dass sie dorthin gekommen sind. Die Handverletzung war schwer. Dass sie dann so auf dem Eis stehen, wie sie es taten, ist aller Ehren wert. Ich finde das Kurzprogramm und auch die Kür absolut gelungen. Sie haben zum ersten Mal beide Programme verändert. Die sind auf dem richtigen Weg, brauchen aber auf jeden Fall noch viel Training. Sie hängen vier, fünf Wochen hinterher. Aber sie werden schnell aufholen. Ich bleibe dabei: Wir haben zwei Spitzenpaare in Deutschland. Und da gehören Annika und Robert auch dazu. Vielleicht nicht im Medaillenkampf, aber dicht dahinter.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Lukas Witte, rbb Sport.















