Insel der Schildkröten: Die Weibchen werden „nachgerade von Männchen begraben“ |ABC-Z

Bald könnten die letzten Weibchen einer Schildkröten-Population auf einer nordmazedonischen Insel aussterben. Forscher weisen nun mit brutalen Details nach: Schuld sind ihre aufdringlichen männlichen Artgenossen.
Mitten im Großen Prespasee nahe dem Dreiländereck zwischen Nordmazedonien, Albanien und Griechenland liegt die Insel Golem Grad. Menschen wohnen auf ihr schon lange nicht mehr; einige Klosterruinen zeugen noch von ihrer Geschichte als frühchristlicher Rückzugsort, später versteckten sich hier Partisanen und Schmuggler. Doch heute gehört die Insel ganz einer großen Population griechischer Landschildkröten.
Die gepanzerten Reptilien finden dort zwischen den Klippen gute Bedingungen für ein ungestörtes Leben – zumindest ihre männlichen Vertreter. Für ihre weiblichen Artgenossen dagegen sei das Leben auf Golem Grad eher ein Alptraum. Das steht in einer Studie, die kürzlich im Fachmagazin „Ecology Letters“ erschien.
Die Forscher beobachteten die etwa 1000 auf der Insel lebenden Tiere. Dabei machten sie einen überraschenden Fund: Die meisten der als Hermann-Schildkröten bekannten Tiere sind männlich. Entsprechend heiß begehrt sind die wenigen Weibchen. Diese würden derart aggressiv von ihren männlichen Mitbewohnern gejagt, dass ihr Leben ungesund und kurz sei. Wie es in der Studie heißt, fügen die Männchen den Weibchen „schwere Verletzungen bei der Paarung zu und setzen sie der Gefahr tödlicher Stürze von den steilen Felswänden des Inselplateaus aus.“
Die Weibchen seien „abgemagert, pflanzen sich seltener fort, produzieren kleinere Gelege und weisen im Vergleich zu Weibchen einer benachbarten Festlandpopulation niedrigere jährliche Überlebensraten auf“, hieß es weiter. Letzteres sei auch darauf zurückzuführen, dass einige der malträtierten Tiere „demografischen Suizid“ begingen und sich selbst von den Klippen stürzten.
Dragan Arsovski, Mitautor der Studie, berichtete der „New York Times“, er habe 2008 mit der Erforschung der Insel-Population begonnen. Schon damals sei ihm aufgefallen, dass es weitaus mehr erwachsene Männchen als Weibchen gegeben habe. Auf dem Plateau, wo Arsovski forschte, kamen zuletzt 19 Männchen auf jedes Weibchen.
Arsovski schildert eindrücklich, wie brutal die Paarungen innerhalb der eingeengten Population ablaufen würden. So würden die wenigen weiblichen Tiere teilweise von einer langen Reihe paarungswilliger Männchen verfolgt, bis die Weibchen irgendwann erschöpft zusammenbrächen. Dann verwandele sich der Zug der männlichen Tiere in einen wilden Haufen Reptilien: Die Weibchen würden „buchstäblich von Männchen begraben“, so Arsovski.
Verändertes Balz- und Sexualverhalten
Um die Weibchen zu erobern, greifen die Männchen zu äußerst rabiatem Balzverhalten. So würden sie diese „anrempeln, beißen (manchmal bis zum Blutverlust), sie besteigen und schließlich mit der scharfen Schwanzspitze heftig nach ihnen stoßen“. Drei von vier der Weibchen auf der Insel wiesen laut Arsovski Genitalverletzungen auf.
In Ermangelung paarungsbereiter Weibchen scheint sich auch das allgemeine Sexualverhalten zu verändern. Arsovski und seine Kollegen dokumentierten demnach, dass einige Männchen ihre sexuellen Instinkte zur Not auch durch gegenseitiges Besteigen befriedigen.
Den Forschern zufolge bringen die unerbittlichen Männchen die Population schon jetzt an den Rand des Aussterbens. Sie prognostizieren, dass die letzte weibliche Schildkröte von Golem Grad im Jahr 2083 sterben wird.
Ein Rätsel bleibt, was überhaupt zum Geschlechterungleichgewicht auf der Insel geführt hat. Vermutet wird, dass es sich um eine zufällige Schwankung gehandelt haben könnte. Populationen auf dem Festland haben etwas mehr Weibchen als Männchen.
Möglich ist auch, dass die Schildkröten ursprünglich von Menschen auf die Insel gebracht wurden, vielleicht in unterschiedlicher Anzahl. Darauf deuten Nummern hin, die bei einigen Schildkröten in die Panzer eingraviert wurden. Von wem, bleibt bis heute ein Rätsel. „Wir haben keine Ahnung, woher sie kommen“, sagte Arsovski. „Ich habe mit so vielen Leuten in dieser Region gesprochen – mit den ältesten Menschen, die ich finden konnte.“
Schildkröten dieser Art können unter den richtigen Bedingungen rund 100 Jahre alt werden. Die Antwort auf die Frage nach ihrer Herkunft wird also unter Umständen niemand mehr kennen.
lpi





















