Imposter-Syndrom: Das Gefühl, ein Hochstapler zu sein, und was Perfektionismus damit zu tun hat – Wissen | ABC-Z

Wer sich für eine Flasche hält, kann damit beim Smalltalk glänzen. Besonders gut klappt das, wenn man Selbstzweifel als „Imposter-Syndrom“ verkauft und ausführt, sich oft wie ein Hochstapler zu fühlen sowie von der Angst erfüllt zu sein, jeden Moment aufzufliegen.
„Was, du auch?“, antworten Gesprächspartner dann gerne und erzählen ihrerseits, dass auch sie trotz objektiver Erfolge überzeugt seien, nichts zu können, und ihre Karriere nur auf Glück basiere. Und zack, verkumpeln sich ein paar Highperformer, indem sie einander erzählen, wie schwer sie es mit sich selbst haben. Tatsächlich scheint das Gefühl, ein Hochstapler zu sein, insbesondere erfolgreiche Menschen häufig zu plagen. Erstmals beschrieben Psychologen dieses Phänomen 1978, als sie in einer Publikation den Begriff „Imposter-Syndrom“ in die Welt setzten.
Seit einiger Zeit steht es hoch im Kurs, das Hochstapler-Syndrom für sich zu reklamieren: Figuren wie Michelle Obama oder Tom Hanks reklamieren solche Gefühle in Interviews für sich, während Normalos Beiträge zum Thema konsumieren und auf sich selbst anwenden. Und selbstverständlich beschäftigen sich auch Forscher weiter mit dem Phänomen: Gerade haben Psychologen um Colin Xu im Fachjournal Personality and Individual Differences eine Studie publiziert, in der sie Begleiterscheinungen des Syndroms näher beleuchten.
Demnach korreliert diese Form des Selbstzweifels mit einem Hang zu Perfektionismus. Mit anderen Worten: Wenn sich enorm erfolgreiche Menschen für Nichtskönner und Hochstapler halten, plagen sie vor allem Ansprüche an sich selbst. Diese scheinen so unerfüllbar zu sein, dass selbst Triumphe das negative Selbstbild der Betreffenden nicht dauerhaft aufpolieren können.
Der Zusammenhang von Perfektionismus und dem Imposter-Syndrom sei bereits länger bekannt, schreibt das Team um Xu. In ihrer aktuellen Arbeit haben die Psychologen nun aber die Lupe näher angesetzt: Sie unterscheiden mehrere Ausprägungen dieser übersteigerten Selbstansprüche, von denen vor allem das Hochstapler-Gefühl mit neurotischem Perfektionismus verknüpft ist. Dieser zeichne sich durch die Neigung aus, Fehler vor allem deshalb vermeiden zu wollen, weil sie tatsächliche Defizite offenbaren könnten. Und die Furcht davor beschert manchen Menschen die irrige Überzeugung, dass sie tatsächlich ständig Fehler machten. Und deshalb unterschätzen sie ihre Fähigkeiten.
Spiegelbildlich liegt auf der Hand, dass eine narzisstische Perfektionismus-Ausprägung nicht mit dem Imposter-Phänomen korreliert. Auf diese Weise gestrickte Personen seien zwar stets in Verteidigungshaltung gegen mögliche Kritik, hielten sich selbst aber grundsätzlich für fähig, ihre hohen Ansprüche an sie selbst zu erfüllen, argumentieren die Psychologen um Xu. Ist ja klar: Wer sich für absolut großartig hält, betrachtet sich nicht gleichzeitig als Hochstapler, der sich seinen Erfolg erschlichen hat.
Am Ende aber sind viele Menschen, die das Imposter-Syndrom für sich reklamieren, tatsächlich mehr Tief- als Hochstapler: Sie verpacken ihre Erfolge in eine Erzählung der Schwäche.





















