Hype um Maduros Jogginganzug als Zeichen der Regression | ABC-Z

Trotz unserer Lust an der Apokalypse wird der auf den Ernstfall vorbereitete Apokalyptiker meist belächelt. Ein Notstromaggregat im Keller? Konserven und Wasser, die das Überleben monatelang sichern? So schlimm wird es schon nicht werden. Think positive! Das dachte vermutlich auch die Netzgemeinde, als sie die Entführung des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro durch amerikanische Elitesoldaten in ein Meme- und KI-Spektakel verwandelte. Das von Donald Trump auf seiner Plattform „Truth Social“ gezeigte Foto Maduros an Bord eines US-Kriegsschiffes – gefesselt und bekleidet mit einem schlabberigen Nike-Jogginganzug – wurde millionenfach in den sozialen Netzwerken geteilt. Dieser virale Hype führte offenbar dazu, dass das Outfit des unfreiwilligen Mode-Influencers Maduro in Onlinestores stark nachgefragt wurde.
An die Stelle eines geopolitisch brisanten Ereignisses trat der Hype um ein Kleidungsstück, flankiert von „Steal the Look“-Posts und KI-generierten Videos, auf denen der Ex-Präsident lässig tanzt. Maduros Zweiteiler-Outfit könnte, so die „Washington Post“, in den Kanon jener Kleidungsstücke eingehen, die berühmt – oder berüchtigt – wurden, nachdem sie mit spektakulären Nachrichtenereignissen verknüpft wurden. Die Zeitung erinnert an den bordeauxroten Pullover, den der mutmaßliche United-Healthcare-Schütze Luigi Mangione Ende 2024 vor Gericht trug und der daraufhin bei Nordstrom ausverkauft war.
Diese bizarre Verschiebung von Aufmerksamkeit ist eine Form der Regression. Wo weder Fortschrittsglaube noch Optimismus funktioniert, müssen komplexe Krisen ironisiert, humorvoll entschärft und ästhetisiert werden, um ihnen ihre Bedrohlichkeit zu nehmen. Das Bedürfnis nach guter Laune facht die Kreativität an. Doch der Glaube an eine Welt, die im Großen und Ganzen kontinuierlich besser wird, wirkt inzwischen naiv.
Die Verdummung der Welt
Bereits vor sechzehn Jahren erschien ein Buch, das davor warnte, den Optimismus zur Lebensmaxime zu erheben: „Smile or die. Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt“. Die amerikanische Autorin Barbara Ehrenreich beschreibt darin die Auswirkungen eines Virus namens „positiven Denkens“. Dieses Denken, so Ehrenreich, sei zu einem Massenwahn und Geschäftsmodell geworden und vernebelt die Gehirne der Menschen. Es sei Ausdruck einer Ideologie, die uns auffordert, die Realität schönzureden. In einem Interview sagte sie, wie die Calvinisten arbeiteten auch die Optimisten ständig an sich selbst. Wo die einen nach der Sünde suchten, beobachteten die anderen, ob sich nicht doch irgendwo ein schlechtes Gefühl verberge, das es zu eliminieren gilt. Wer systematisch auf Optimismus konditioniert ist, fasst den Ernstfall nicht ins Auge. Tritt dieser ein, fehlt dem Optimisten das Vokabular.
In der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ plädiert Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien in Hamburg, dafür, sich wieder ins Gelingen zu verlieben. Niemand, schreibt er, brauche Nachrichten, die ausschließlich zeigen, was alles im Land nicht gelingt. Also den Berlin Stromausfall nicht ganz so ernst nehmen? Womit er indes recht hat: Der Chor der Entrüsteten tönt oft sehr laut.
Einiges spricht dafür, dass der Apokalyptiker für Krisenzeiten besser gewappnet ist. Gemeint ist damit nicht jener Alarmist, der vom drohenden Weltuntergang überzeugt ist, die Hoffnung aufgegeben hat und tatenlos in seinem voll ausgestatteten Bunker sitzt und abwartet. Für ihn ist die Welt längst irreversibel entgleist. Der Countdown läuft. Nennen wir ihn den vernünftigen Apokalyptiker. Der Apokalypse-Forscher Robert Folger, der das Käte Hamburger Kolleg für Apokalyptische und Postapokalyptische Studien an der Universität Heidelberg leitet, sagte vor einem Jahr im Gespräch mit dieser Zeitung: „Wir befinden uns in einer endzeitlichen Multikrise.“
Nach den vergangenen zwölf Monaten sehnt man sich beinahe zurück an den Beginn des Jahres 2025. Es habe, so Folger zwar schon immer Kriege, Naturkatastrophen und Pandemien gegeben, doch in dem Moment, da man das Gefühl habe, hier verdichtet sich etwas, komme das Apokalyptische ins Spiel. „Der Nährboden dafür ist einerseits Angst, andererseits aber auch eine starke Unzufriedenheit, was die ‚Immer weiter so‘-Haltung betrifft. Dazu gesellt sich aber auch die Hoffnung auf einen Neuanfang.“ In Katastrophenfilmen wie „I am Legend“ sind es am Ende bekanntlich die wenigen Überlebenden, die eine bessere Welt aufbauen dürfen.
Es mag paradox erscheinen, doch apokalyptisches Denken, so Folger, biete Orientierung in einer als chaotisch und bedrohlich empfundenen Welt. Er nennt es „eine sinnstiftende Rahmung für welterschütternde Erfahrungen, also Erfahrungen, die infrage stellen, was wir als gesicherte Lebenswelt ansehen, und sie kanalisiert die diffusen Ängste, die damit verbunden sind.“
So gesehen verliert der Begriff apokalyptisches Denken seinen Schrecken. Den Realisten zu belächeln oder ihn einen notorisch schlechtgelaunten Zeitgenossen zu nennen, hieße nichts anderes, als die Bedrohungen der Gegenwart in einem ähnlichen Licht zu betrachten wie jene Memes, in die Weltpolitik heute verwandelt wird.




















