Hoher Besuch in Lüneburg: Weimer für die Redefreiheit | ABC-Z

A m nordöstlichsten Rand Niedersachsens, so gerade noch im Speckgürtel Hamburgs, liegt Lüneburg: eine mittelgroße Stadt, wo man früher Salz abgebaut hat und heute eine Uni und einen Volleyball-Bundesligisten vorweisen kann. Auch die ARD-Telenovela „Rote Rosen“ wird hier gedreht. Und jetzt gibt es auch noch ein Kant-Museum oder jedenfalls eine Dauerausstellung am Ostpreußischen Landesmuseum – die Erste ihrer Art.
Und das obwohl Immanuel Kant, der spätestens mit seinem Kategorischen Imperativ zu einem der wichtigsten Philosophen der Neuzeit avancierte, zu Lebzeiten nie in Lüneburg war. Er war bekannt dafür, seine ostpreußische Heimatstadt Königsberg überhaupt nur sehr ungern zu verlassen. Doch das hält niemanden davon ab, ihm nun hier, rund 700 Kilometer entfernt, ein Denkmal zu setzen.
Rund 400 geladene Gäste sitzen zur feierlichen Eröffnung in der Lüneburger St.-Marien-Kirche und lauschen dem Grußwort des Stiftungsratsvorsitzenden der Ostpreußischen Kulturstiftung. Die örtliche Politikprominenz hat sich versammelt: Stolz und Würde, als Wolfram Weimer, der Kulturstaatsminister, höchstpersönlich zur Eröffnungsrede schreitet.
Wolfram Weimer ist bekennender Kant-Fan. Im Oktober veröffentlichte er einen Gastbeitrag mit dem Titel „Mehr Kant wagen“ bei Springers Welt. Während seiner Rede steht er aufrecht und selbstbewusst am Rednerpult, gestikuliert ein wenig mit den Händen, verfällt ein- oder zweimal in eine Denkerpose mit Hand am Kinn.
Kant stand für die Meinungsfreiheit
Er freue sich darüber, dass mit dem Museum ein „Geschenk an Deutschland“ gemacht wurde. Er setzt sogar noch einen drauf, bezeichnet das Museum als ein „Geschenk an die Vernunft“. Vernunft, das bedeutete für Kant das kritische Denken.
Kant war einer der wirklich großen Philosophen der Aufklärung. Seine Interpretation des lateinischen Sprichworts „Sapere aude“ ist weltberühmt geworden – und geblieben: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Das neu eröffnete Museum versucht neben der Lebensgeschichte Kants auch seine Philosophie und Moralvorstellungen abzubilden. Es gibt große Infotafeln und interaktive Infokästen mit VR-Brillen. Dafür wurde das Ostpreußische Landesmuseum extra um einen 500 Quadratmeter großen Anbau erweitert.
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Die Ausstellung befasst sich auch mit dem Freiheitsbegriff des Philosophen. Kant war ein starker Verteidiger der „Freiheit der Feder“, wurde selbst mal vom preußischen König für seine Aussagen zur Religion gecancelt. Er war gegen gewaltsame Revolutionen, allerdings für die freie Meinungsäußerung. „Ohne Freiheit der Rede gibt es bei Kant keine Aufklärung“ – nur dadurch könne sich „eine Republik durch Reformen dem Ideal der Vernunft annähern“, so steht es in einem Infotext über „Kants Beitrag“ zu Artikel 5 des Grundgesetzes: der Meinungsfreiheit.
Weimer sieht „autokratische Züge“ – dabei steht er selber in der Kritik
Ein Thema, das auch Wolfram Weimer in seiner Eröffnungsrede umtreibt. Er spricht von „Autokratien, die Freiheitsräume immer enger machen“ und sieht auch in der westlichen Debattenkultur „autokratische Züge“. Bemerkenswert, denn Wolfram Weimer stand zuletzt selbst in der Kritik. Er hatte drei nominierte Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossen, „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ sollen vorliegen. Welche das sein sollen, wollte er bisher nicht verraten, aber die Preisverleihung im Rahmen der Leipziger Buchmesse hat er mittlerweile abgesagt. Rücktrittsforderungen gegen ihn wurden laut.
Ob er deshalb auch von „toxischen Kontroversen“ spricht, die „keinen Austausch des besseren Arguments“ zulassen? Das lässt seine Rede zwar offen. Klar dürfte hingegen sein, dass ihm eben das seine zahlreichen Kritiker:innen vorwerfen.
Nach dem feierlichen Festakt strömen die Gäste endlich hinüber ins Museum. Es gibt einen Sektempfang, der Kulturstaatsminister darf ein rotes Band durchschneiden. Kant-Fan Weimer verschwindet schnell von der Bildfläche. Er habe die Ausstellung allerdings schon vor dem Festakt bestaunt.





















