Haus Carl Maria von Webers muss saniert werden | ABC-Z

Die einstigen Kapellmeister der Dresdner Hofkapelle hatten offenbar eine Vorliebe fürs Dörfliche. Knapp dreißig Jahre bevor Richard Wagner sich zu einem Kreativurlaub aufs Schäfersche Gut nach Graupa begab, wo er, statt auszuspannen, eifrig am „Lohengrin“ schrieb, ließ sich Carl Maria von Weber im etwas näher zur Stadt gelegenen Hosterwitz nieder. Der vor 240 Jahren in Eutin geborene Komponist, Pianist und für das letzte Jahrzehnt seines allzu kurzen Lebens Hofkapellmeister in Dresden bezog dort im Sommer ein kleines Anwesen, das heute als die einzige museal genutzte Wohnstätte Webers gilt. Noch dazu ist es eines der ältesten Wohngebäude im heutigen Dresdner Stadtgebiet.
Die genauen Ursprünge des einstigen Winzerhäuschens, das späterhin mehrere An- und Umbauten erfuhr, liegen noch im Dunkeln. Grundmauern und Fachwerk stammen wohl aus den späten 1660er-Jahren. Kein Wunder also, dass der Zahn der Zeit an der Bausubstanz nagt. Ein einzigartiges Kulturdenkmal, von Weber immer wieder lauthals gepriesen: „Oh Hosterwitz, oh Ruhe“ vermerkte er 1823 in seinem Tagebuch.
Selbst Richard Wagner war ihm dankbar
Historischen Abbildungen zufolge muss die Idylle unbeschreiblich gewesen sein. Weinberge ringsum, ein kleiner Garten vorm Haus, später kamen ein Brunnen sowie eine Remise hinzu. Mit wachsendem Wohlstand leistete sich der Musiker eine Kutsche sowie zwei Pferde namens Hans und Grete. Das muss ein unkonventionelles Leben gewesen sein, zu Webers Geburtstag sogar mit einer Tierparade im Garten, mittendrin das Äffchen Schnuff. Ein Inspirationsort nicht nur für den Komponisten selbst.
In den 1830er-Jahren schon, nur wenige Jahre nach Webers Tod 1826, galt Hosterwitz als Gedenkstätte, um den allzu früh gestorbenen Meister zu ehren, wie aus dem erhalten gebliebenen Gästebuch hervorgeht. Ein Eintrag allerdings fehlt darin, bedauert Museumsleiterin Romy Donath, der vom späteren Hofkapellmeister Richard Wagner. Er ist schon in sehr jungen Jahren mehrfach hier zu Gast gewesen, später auch mit Gattin Cosima, und hat in einem seltenen Fall von Anerkennung fremder Leistungen festgehalten: „Weber ist mein Erzeuger gewesen.“ Wenig despektierlich nannte er ihn als Kind zwar auch gern „Humpelmarie“, initiierte 1844 aber die Überführung von Webers Leichnam aus London auf Dresdens Alten Katholischen Friedhof und hielt eine postume Grabrede.
Just zum Weber-Jahr 2026 sollte das längst von Nachbargrundstücken eingehegte Haus eigentlich wiedereröffnet werden, doch die Sanierungsarbeiten werden voraussichtlich dieses Jahr erst beginnen. Nach einer pünktlich zum 150. Todestag 1976 abgeschlossenen Ertüchtigung war es mal wieder an der Zeit, Risse in den Wänden sowie die vor rund 360 Jahren geschlagenen Balken des Fachwerks sorgen für Statikprobleme. Die Frage, ob der heutige Außenputz dauerhaft entfernt wird und die Baugeschichte zu ihrem Recht und das Gebälk wieder zum Vorschein kommt, ist ebenso offen wie die Freilegung historischer Farbschichten der Innenräume. Bis 2005 wurden Teile des Hauses noch bewohnt, die überwiegenden Räumlichkeiten wurden für das 1957 eingerichtete und seitdem kaum mehr veränderte Museum genutzt. Für Romantiker der Neuzeit sind in diesem einmaligen Ambiente, das Weber für seine Muße so schätzte, bis zuletzt auch Hochzeiten abgehalten worden.
Sobald die Denkmalpflege ihre Untersuchungen abgeschlossen hat, dürften Handwerker das Sagen haben, um das architektonische Kleinod für die Zukunft zu sichern. Drängendste Maßnahme ist die Wiederherstellung der Standsicherheit durch eine zumindest partielle Auswechslung von Fachwerk, Deckenbalken und Dachtragwerk. Aber auch heutigem Brandschutz muss mittels neuer Elektroanlage sowie sicherer Fluchtwege Rechnung getragen werden. Bislang fehlte es dafür an Geld, inzwischen wurden 1,4 Millionen Euro aus Bundesmitteln für die vorerst auf 3,7 Millionen Euro veranschlagten und durch städtische Eigenmittel in Höhe von 2,2 Millionen Euro sowie einer zusätzlichen Förderung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gesicherten Gesamtkosten bewilligt.
Angesichts inflationärer Preisentwicklung wäre eine weitere Spendenaktion gewiss ratsam. Interessenten könnten im Sommer und im Herbst während der Öffnung des zum Museum gehörenden Gartens gewonnen werden. Ob Fertigstellung und Wiedereröffnung mit einem modernen Museumskonzept bis Ende 2028 zu realisieren sind, steht allerdings in den Sternen. Hoffnungsvoll stimmt immerhin, dass in Sachsens Landeshauptstadt erkannt wurde, was Mozart für Dresdens Partnerstadt Salzburg bedeutet, seien im Elbtal halt Weber und Wagner. Allenfalls noch Richard Strauss, für den einst Sonderzüge zu dessen „Rosenkavalier“ von Berlin Richtung Semperoper gerollt sind. Immerhin steht Weber aber beim diesjährigen Elbhangfest im Titel: „Rockt den Weber!“ heißt es Ende Juni.
In Webers 200. Todesjahr hat Dresden das Motto „Romantik entdecken“ ausgegeben und will den Komponisten in Bezug zu Caspar David Friedrich sowie zum künstlerischen Multitalent E. T. A. Hoffmann setzen. Als Leiterin der nun geschlossenen Weber-Stätte sowie des authentischen Kügelgen-Hauses, des an den Maler Gerhard von Kügelgen erinnernden Museums der Dresdner Romantik, schätzt Romy Donath historische Querverbindungen. Die promovierte Musikwissenschaftlerin weiß, wovon sie spricht, ist praxiserfahren und hat etwa das Ännchen in Webers „Freischütz“ auf zahlreichen Bühnen gesungen. Am liebsten wohl auf der nahe gelegenen Felsenbühne Rathen, einem Ort mit direktem Bezug zur Entstehung dieser Oper. Die Wolfsschluchtszene soll in der Tat durch örtliche Gegebenheiten angeregt worden sein. Mystisch, gespenstisch, wie eben die Sandsteinfelsen neben der Elbe so wirken.
Touristisch erschlossen werden Webers Lebens- und Wirkungsstätten in diesem Gedenkjahr mit eigens konzipierten Spaziergängen, die Ausstellung „Weber und die deutsche Oper“ in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek soll darauf hinweisen, dass es weit mehr Musiktheater als „Euryanthe“, „Oberon“ und „Freischütz“ gibt. Wobei Letzterer für Dresden freilich höchst bedeutsam bleibt: Diese erste große Oper der Romantik war das letzte aufgeführte Werk vor der Zerstörung der Semperoper im Februar 1945 und das erste, mit dem das Haus 1985 wiedereröffnet worden ist. Uraufgeführt wurde es allerdings 1821 im Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt.





















