Kultur

Hart aber ritterlich: Warum wird Deutschland mit Päckchen geflutet? | ABC-Z

Während im Land die Rentendebatte tobt und die Ukraine durch den Trump-Putin-Deal vor einer weiteren schweren Herausforderung steht, kümmert sich „Hart aber fair“ um das liebste Hobby der Deutschen: die Schnäppchenjagd. Dahinter ist – unsichtbar, aber immer noch pulsierend – der nur in der deutschen Sprache mögliche uralte Slogan „Geiz ist geil“ zu ahnen, ein Spruch, für den sich das ganze Land kollektiv schämen müsste, denn so etwas kontaminiert die Sprache auf Jahrzehnte hinaus. Nun ja. Black Friday steht vor der Tür. Und Weihnachtsgeschenke müssen her. Manchmal fragt man sich, wer für eine Diskussion mit dem Titel „Rabattschlacht und Bestellwahn: Was ist der wahre Preis der Schnäppchen?“ freiwillig ins Studio geht, um Publikum zu spielen, aber bei Louis Klamroth sind tatsächlich Leute versammelt und feuern die Studiogäste an, als ginge es um etwas.

In der einen oder anderen Form haben alle Eingeladenen etwas mit dem Phänomen Online-Handel und/oder Verbraucherschutz zu tun, deswegen sind sie hier. Renate Künast, die ehemalige Fraktionsvorsitzende der Grünen, gibt erwartungsgemäß die mahnende Stimme der Nachhaltigkeit, und dagegen ist nichts zu sagen, obwohl man sich schon besser amüsiert hat. Kräftigen Beifall erhält sie für den lustigen Satz: „Für mich ist das Standbein das analoge Bein.“ Tatjana Halm von der Verbraucherzentrale Bayern wiederum hat hier und da Tipps parat, wie man sich im Internet vor Betrug und „dark patterns“ schützt – gut erklärt wird der ominöse Begriff nicht –, und der Wirtschaftswissenschaftler Gerrit Heinemann legt dar, warum Amazon mehr als die Hälfte des gesamten Online-Handels in Deutschland bestreitet: weil sie die Ersten waren, weil sie es gut machen, weil sie problemlos alles umtauschen und ihre Zusagen einhalten. Dass Amazon skandalös wenig Steuern zahlt, hätte vielleicht erwähnt werden können. Wird es aber nicht.

Ein bisschen Kapitalismus-Wissen

Eine erste Scheindebatte entzündet sich an der Frage, ob der Online-Handel die deutschen Innenstädte leerfegt oder nicht. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Christoph Ploß, Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft und Tourismus, berichtet, er jedenfalls gehe „stationär“ einkaufen, wenn er könne, was immer das jetzt heißt. Gleich neben ihm sitzt Gero Furchheim, Präsident des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandel Deutschland, und betont die Seriosität des deutschen Internetgeschäfts, was alle zum gemeinsamen Gegner führt, auf den man sich an diesem Abend gern einigt: die chinesischen Online-Giganten Temu und Shein, die Deutschland mit 400.000 Päckchen am Tag fluten. Das ist der Vorzug dieser friedlich vor sich hinplätschernden Sendung: Man lernt ein paar Zahlen und nimmt konkretes Kapitalismus-Wissen mit nach Hause.

Wenn also Temu und Shein jeden Tag 400.000 Päckchen an deutsche Haushalte schicken, dann muss es, sehr grob gerechnet, ungefähr so viele Temu-und-Shein-Kunden geben wie AfD-Wähler. Kommt das hin? Die Frage, ob die beiden Gruppen größere Schnittmengen aufweisen, wird im Studio allerdings nicht gestellt. Sie würde auch nicht weiterführen. Wir haben Temu und die AfD und müssen mit beiden umgehen. Verbieten können wir sie jedenfalls nicht.

Deutschland, der Retourenchampion

Einen Exkurs mit eigens produziertem Filmchen widmet der Moderator dem Thema „Retoure“. Die Retoure, vulgo Rücksendung, ist die Nemesis der ganzen Online-Idee und wird von Online-Schnäppchenjägern bedenkenlos in Kauf genommen. Prüfe jeder mal sein Gewissen. Manche Käufer bestellen habituell vier Mal so viel, wie sie behalten wollen (oder bezahlen können) und schicken das ganze nicht gewollte Zeug auf Kosten des Händlers zurück, und das viele Male im Jahr. Deutschland mag nicht mehr Exportweltmeister sein, aber den Titel des europäischen Retourenchampions lassen wir uns nicht nehmen. Spannend ist die Frage, wie viel von den Rücksendungen weggeworfen wird. E-Commerce-Experte Gero Furchheim sagt: „Bei uns gar nichts.“

Klamroths Film zeigt den Retourenhändler Daniel Gottwald, der abgelehnte Waren zu Dumpingpreisen aufkauft und sich die Sachen in riesigen LKW-Ladungen an sein Lager bringen lässt. Manche Händler wollen eben doch nichts zurücknehmen, dafür haben sie den Wiederverwerter. Preisbeispiel: Ein Stück kostet ursprünglich 100 Euro, wird aber wegen eines kleinen Defekts zurückgeschickt, landet für 10 Euro bei Gottwald und wird, wenn es gut läuft, für 50 Euro weiterverkauft. „Das Konsumverhalten“, sagt der Retourenhändler, „wird immer brutaler. Und die Retouren nehmen jedes Jahr zu.“ Eigentlich ein Albtraum, von dem kein Mensch weiß, wo er enden soll. Nur dass wir, als Spezies, mit unserer digitalen Transformation für den Blödsinn verantwortlich sind, das steht außer Frage. Leider hat die Globalisierung das Prinzip Verantwortung ausgelassen.

Ungeschminkte Auferstehung

Die schillerndste Figur des Abends – was immer das in diesem Zusammenhang heißen mag – ist Bianca Heinicke, vielen (mir nicht) als Influencerin und Podcasterin bekannt. Früher hat sie auf Youtube unter „Bibis Beauty Palace“ Mode- und Schminktipps verbreitet, acht Millionen Follower gesammelt und sehr viel Geld verdient. Früher, wie uns ein kleiner Film offenbart, ist jede Menge China-Schrott des Online-Händlers Shein bei Bibi eingetroffen, und dann hat Bibi die Sachen vor ihren Followern kommentiert, getragen und beworben. Doch dann – deswegen sitzt sie bei Klamroth – wandelte Bibi sich von der Saula zur Paula. Sie ging in sich, trennte sich von ihrem Mann, erreichte den „Tiefpunkt“ – und erstand als ungeschminkte Frau mit großer runder Brille wieder auf. Erst vor wenigen Tagen hat sie der „Bild“-Zeitung verraten, sie habe „dieses System“ nicht „aus böser Absicht“ unterstützt. Sondern „weil ich nicht wusste, was dahintersteckte“.

Und so sitzt Bianca Heinicke, eine andere Bibi, bei Louis Klamroth im Studio und sagt, sie könne sich „mit dem Bereich nicht mehr identifizieren“. Gemeint ist die sogenannte „Ultra-Fast-Mode“, gemeint sind Wegwerfklamotten, deren Herstellung möglicherweise inhumane Bedingungen und Kinderarbeit voraussetzt, von Giften und Schadstoffen im Gewebe zu schweigen. Sie versuche nur noch zu konsumieren, wenn sie wirklich etwas brauche, sagt Bibi. „Jeder von uns muss sich fragen: Brauche ich das wirklich? Oder brauche ich es, weil ich suggeriert bekomme, glücklicher zu werden?“ Das könnte, ja sollte die Frage sein, die wir alle mit in die Weihnachtstage nehmen: Brauche ich das wirklich?

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