Sport

Hannawald: “Krönung, die für immer im Kopf bleibt” | ABC-Z


interview

Stand: 31.03.2026 • 00:45 Uhr

Wenn der frühere Vierschanzentourneesieger Sven Hannawald an die zurückliegende Skisprung-Saison denkt, dann zieht er ein überwiegend positives Fazit. Die punktuellen Erfolge der deutschen Skispringer, das konsequente Anwenden der Materialkontrolle und die Entwicklung des Frauen-Skispringen sind für den Sportschau-Experten als Erfolge zu werten. Kritik äußert der gebürtige Sachse an einigen Entscheidungen der Wettkampf-Jury. Das große Interview zum Saisonabschluss.

sportschau.de: Herr Hannawald, Wir haben einen Skisprung-Winter mit Olympischen Spielen gehabt, einen deutschen Olympiasieger, eine Saison mit vielen Premieren für Frauen, mit den Geschwistern Domen und Nika Prevc zwei Dominatoren. Es war das erste Jahr nach dem Anzugskandal. Es gab neue Regeln. Was wird von diesem Winter bleiben? Woran werden wir uns noch in ein paar Jahren erinnern?

Sven Hannawald: “Für mich bleibt in zehn Jahren ganz klar das Gold für Philipp Raimund. Das hat sich nicht angekündigt, aber es lag irgendwie in der Luft. Wie der Tag dann verlief, diese Erinnerung werde ich auch in zehn Jahren noch im Kopf behalten. Da gab es zum Bundestrainer-Abgang eine Krönung, die für immer in Kopf bleibt.”

sportschau.de: Hat das Skispringen im Jahr nach dem Skandal um manipulierte Anzüge bei den Norwegern Marius Lindvik und Johann Andre Forfang Schaden genommen?

Sven Hannawald: “Durch den Fall Norweger gab es natürlich diesen Schaden. Die Schlagzeilen waren: Betrügereien, Doping, Beschiss. Das ist nicht förderlich für die Sportart. Und diese Saison gab es wieder Disqualifikationen. Die gibt es auch bei der Formel 1. Jede Disqualifikation zeigt anderen, dass es sich nicht lohnt, weil die Zeiten sich geändert haben. Diese Saison war wichtig. Diejenigen, die noch in der Birne im alten Denken waren, sind rausgeflogen. Es war gut für alle, dass Matthias Hafele als Materialkontrolleur das Reglement durgezogen hat.”

sportschau.de: Man wünscht sich ja auch als Zuschauer, dass der beste Skispringer und nicht das beste Material gewinnt. Ist das ein Schritt in diese Richtung?

Sven Hannawald: “Es muss ein Zwischenspiel bleiben. In der Formel 1 gab es ja auch Zeiten, wo Du jeden Fahrer ins beste Auto setzen kannst, und der wurde dann Weltmeister. So darf es nicht sein, sondern am Ende musst du ein Zwischenspiel zwischen Material und Mensch finden. Nur beste Material darf nicht gewinnen. Und wenn Du andererseits ein Ultratalent hast, der die nächsten zehn Jahre bestimmt, ist es vielleicht auch langweilig. Du musst einen Mittelweg finden. Und das ist das Schwierige.”

sportschau.de: Wohin wird die Reise gehen?

Sven Hannawald: “Das Bestreben ist, dass die Kontrollen nicht mehr nach dem Sprung stattfinden, sondern davor. Maßgeblich dafür ist, dass man mit den Möglichkeiten der Messung noch nicht soweit ist. Es muss dar Anzug und der Körper zur gleichen Zeit gemessen werden um sehen zu können, ob der Anzug regelkonform ist Der Anzug als solches, vom Schnitt her, vereinfacht sich auch immer mehr. Der Anzug wird sich ein bisschen ändern, aber die Grundfläche bleibt ähnlich.”

sportschau.de: Noch eine weitere eher organisatorische Frage. Sie haben in diesem Winter immer wieder die Jury für zweifelhafte Entscheidungen kritisiert. Zum Beispiel bei Olympia, wo das Super Team erst lange verzögert und dann vor den letzten beiden Springern abgebrochen wurde. Und erst kürzlich in Oslo, als wilder Wind für irreguläre Flüge gesorgt hat. Und Philipp Raimund das Springen boykottiert hat. Was wünschen Sie sich hier für die Zukunft?

Sven Hannawald: “Es tut mir immer leid, dass die Jury es immer es zum einem Punkt kommen lässt, wo sich jeder fragt, was macht ihr hier eigentlich. Es heißt dann immer im Nachgang, es war schwierig und wir haben alles versucht. Aber speziell in Oslo hättest du es gar nicht versuchen müssen. Lass es sein, schütze die Athleten. Und dass bei Olympia der Schnee kommt, das war zwei Tage vorher schon klar. Und warum muss ich es zu dem Punkt kommen lassen, dass dann alles wild und chaotisch wird? Ich kann mir vorher schon Gedanken machen, zum Beispiel das Startintervall zu verkürzen, dass der Wettkampf rum ist, bevor der Schnee kommt. Letztlich geht es auch um Kommunikation, um Transparenz in der Kommunikation, auch Transparenz von Entscheidungen.”

sportschau.de: Aus deutscher Sicht hatten die einstigen Vorflieger Andreas Wellinger und Karl Geiger lange große Probleme. Zum Ende der Saison zeigte ihre Lernkurve aber nach oben. Was haben die beiden gelernt? Und können sie kommende Saison wieder ganz nach vorn springen?

Sven Hannawald: “Also für beide ist das große Problem, dass sie den großen Erfolg schon hatten. Du konntest mit den alten Anzügen anders springen. Das haben sie getan, waren erfolgreich und diesen erfolgreichen Sprungablauf, den haben sie abgespeichert. In diesem Winter hatten Springer wie Wellinger und Geiger auf einmal weniger Fläche im Anzug. Du musst komplett anders arbeiten. Dass sie zum Schluss jetzt beim Skifliegen nochmal dann auch gezeigt haben, dass sie wieder dran sind, das bedeutet aber nicht, dass sie siegfähig sind. Es ist trotzdem sensationell, dass sie dran sind. Die Arbeit hat sich gelohnt. Das war nicht einfach.”

sportschau.de: Felix Hoffmann ist phänomenal in dieser Saison gestartet. Hintenraus ist ihm dann die Puste ausgegangen. Sie haben bereits formuliert, dass er sich im Kreis gedreht hat. Was würden Sie ihm empfehlen, damit er in die neue Saison wieder so fulminant rein startet?

Sven Hannawald: “Felix Hoffmann hat in die neue Anzugfläche blind reingepasst, ohne es zu wissen, war total überrascht, wie super das ging. Ich würde ihm wünschen, dass er anhand der Erfahrungen in dieser Saison eher für sich Möglichkeiten findet, da auch während der Saison aktiver zu bleiben, mehr einwirken zu können. Zu sehen, wie sich rechts und links etwas entwickelt. Und daraus Lösungen für sich selber mitnehmen um besser mithaltenzu können.”

sportschau.de: Philipp Raimund war der Stabilste im deutschen Team. In den vergangenen Jahren gab es immer mal Skispringer, die nach einer starken Saison wieder aus den Siegerlisten verschwunden sind. Was deuteten darauf hin, dass der Erfolgslauf von Philipp Raimund auch im nächsten Jahr weitergeht?

Sven Hannawald: “Was man gerade auch emotional in dieser Saison erleben durfte, ist natürlich enorm. Das beflügelt dich definitiv am Anfang, aber kostet natürlich auch Energie. Das hast du Philipp Raimund am Ende dann auch angemerkt, dass er dann wirklich einfach platt war. Ich habe mich super gefreut für ihn, dass das so funktioniert hat. Jetzt ist wichtig, erstmal Abstand zu bekommen, die Ruhe heranzulassen und wieder komplett aufzutanken.”

sportschau.de: Wie ist Ihre Einschätzung zum deutschen Nachwuchs? Bei der Junioren-WM gab es keine Einzelmedaillen. In den drei Team-Wettbewerben gab es aber zweimal Silber und einmal Bronze.

Sven Hannawald: “Das hat mich natürlich super gefreut. Es gibt viele Junioren-Weltmeister, die im Weltcup leider nicht mehr den Weg gefunden haben. Was ich allen Medaillengewinnern wünsche, ist, dass sie einfach motiviert bleiben. Ich wünsche ihnen, dass sie weiter hungrig bleiben, dass sie die Junioren-Medaillen als Etappenziel sehen. Dass sie auf dem richtigen Weg sind, dass aber ab jetzt kein Selbstläufer ist. Das ist für uns ein bisschen ein Problem, dass die Jungen dann irgendwo Angst vor der großen Aufgabe haben. Das hat, glaube ich, ein bisschen auch, in der heutigen Zeit zu tun. Früher war es so, dass man sich schon auch viel erarbeiten musste, aber heute sieht man doch querbeet, dass es eigentlich allen gut geht. Wir waren früher nicht zufrieden, wenn wir mal in der 1. Mannschaft waren. Wir wollten Weltmeister werden.”

sportschau.de: Zwei slowenische Geschwister haben diese Saison dominiert, Domen und Nika Prevc. Wird das in der kommenden Saison so weitergehen?

Sven Hannawald: “Ich bin selbst gespannt. Diese Jahr war es eine Überraschung und irgendwie konnten sie es selbst gar nicht glauben, wie gut es geht. Ab nächster Saison werden sie an der Saison gemessen. Sie sind nicht mehr ganz so entspannt. Auch bei ihnen steigen die Erwartungen.”

sportschau.de: Der Österreicher Andreas Mitter wird allem Anschein nach Nachfolger des scheidenden Bundestrainers Stefan Horngacher. Was halten Sie von der Entscheidung?

Sven Hannawald: “Das befürworte ich. Für Andreas Mitter spricht, dass er in Finnland selbst schon mal Cheftrainer war. Das ist zwar eine kleinere Nation. Trotzdem ist Skispringen dort auch sehr populär. Und bei Antti Aalto hat er gezeigt, dass er wirklich mit kleinsten finanziellen Möglichkeiten in die richtige Richtung gearbeitet hat. Für ihn spricht auch, dass er jetzt über viele Jahre als Co-Trainer viele Erfahrungen sammeln konnte. Er hat einen guten Zugang zu den Springern.”

sportschau.de: Sein Vorgänger Stefan Horngacher verlässt nach mehr als sechs Jahren das deutsche Skispringen. Er hat Weltmeister und Olympiasieger geformt. Der große Erfolg, einen Vierschanzentourneesieger zu haben, blieb ihm verwehrt. Was bleibt von Horngacher?

Sven Hannawald: “Schade, dass er es nicht geschafft hat, meinen Nachfolger zu kreieren, aber mit Skiflugweltmeister Karl Geiger, mit Olympiasieger Philipp Raimund hat er alles erreicht. Sie haben den Nationencup im Gesamtweltcup gewonnen. Das Gesamtpaket war über die gesamten Jahre eine tolle Ära. Er hat wirklich akribisch gearbeitet und stand vor großen Herausforderungen. Man hat auch gesehen, dass sich andere Nationen bei widrigen Regelthemen schneller umstellen konnten. Das steht im Raum. Zum Schluss sind es die Athleten, die es umsetzen müssen. Die Vorbereitung kannst du als Trainer machen, aber am Ende liegt es an denjenigen, die oben auf dem Balken sitzen.”

sportschau.de: Das Frauen-Skispringen hat in diesem Jahr große Schritte gemacht, am vergangenen Wochenende waren sie erstmals in Planica beim Skifliegen. Im kommenden Winter gibt es die Vierschanzentournee der Frauen, die Weltcups werden mit den Männern parallel veranstaltet. Wie hat sich das Skispringen der Frauen entwickelt? Und wo geht es noch hin?

Sven Hannawald: “Also wie sich Skispringen der Frauen entwickelt hat, finde ich toll. Es war gut, dass man die Ruhe bewahrt hat, dass man Schritt für Schritt gegangen ist. Ich freue mich jetzt tierisch wie ein kleines Kind auf die erste gemeinsame Tournee mit den Frauen. Zum 75-Jährigen gibt es keinen besseren Einstand. Dass sie jetzt in Planica dabei waren und da wieder einen kleinen Schritt mehr gemacht haben, das geht Schritt für Schritt absolut in die richtige Richtung. Und das ist dann das große Lob von mir an die FIS.”

Vielen Dank für das Interview.

Mir Sven Hannawald sprach Dirk Hofmeister.

Back to top button